07.04.2008 · Für einen Verkauf der Postbank gebe es möglicherweise bessere Zeiten als die Phase einer Finanzkrise, sagte der Vorstandsvorsitzende der Post, Frank Appel im Gespräch mit der F.A.Z. „Es stimmt: wir brauchen Klarheit. Aber Klarheit kann auch bedeuten, auf absehbare Zeit nicht zu verkaufen.“
Von Helmut BünderFür den Umzug in die 40. Etage des Post-Towers hat Frank Appel noch keine Zeit gefunden. Besucher empfängt er immer noch in seinem alten dreieckigen Büro, ein Stockwerk unter der Beletage mit ihrem grandiosen Rundblick über Bonn und das Siebengebirge, in der sein Vorgänger Klaus Zumwinkel residierte. „Das steht wirklich nicht oben auf meiner Prioritätenliste. Da gibt es ganz andere Dinge, die wesentlich wichtiger sind“, sagt der neue Post-Chef.
Zum Beispiel den Arbeitskampf mit der Gewerkschaft Verdi, in dem Appel einen Teilkompromiss für Arbeitszeitregelungen und Kündigungsschutz kategorisch ausschließt. Eine Lösung sei nur in einem Gesamtpaket möglich, das auch die Lohntarifverhandlungen umfasse. Doch die Gewerkschaft hat bisher nicht einmal eine Lohnforderung präsentiert. Sie will zunächst eine Verlängerung des Kündigungsschutzes für die rund 130.000 Tarifangestellten und eine Festschreibung der Arbeitszeit für die 55.000 Beamten erzwingen. „Je länger gearbeitet wird, desto mehr lässt sich bei den Gehältern tun. Geschenke können wir nicht verteilen“, sagte Appel.
Die von Verdi organisierten Warnstreiks hätten bisher „so gut wie keine Auswirkungen“ auf den Geschäftsverlauf. Gleichwohl verschärft die Post ihre Gangart. Weil Verdi nicht bereit ist, die Warnstreiks auszusetzen, sollen die Postbeamten mit sofortiger Wirkung länger arbeiten. Dazu sind die Arbeitszeitkonten von einer 38,5- auf eine 41-Stunden-Woche umgestellt worden. Offensichtlich will die Post einen Keil zwischen die Beamten und die Gewerkschaft treiben. Am Montag haben nach Verdi-Angaben abermals rund 4600 Beschäftigte die Arbeit vorübergehend niedergelegt.
Das „Luxusproblem“ der Postbank
Wichtiger als ein Büroumzug ist Appel aber auch die Sanierung des verlustreichen Amerika-Geschäftes und das, wie Appel es nennt, „Luxusproblem“ der Postbank. Zwischenzeitlich hat Appel die Konzernführung neu organisiert und den Verkauf von Post-Immobilien für eine Milliarde Euro abgeschlossen. Auch ein neues Klimaschutzprogramm hat er zur Chefsache erklärt und sich tief in die Materie eingearbeitet. Der Vorstandsvorsitzende führt dafür gute Gründe ins Feld. Denn der Einsatz für das Klima zahlt sich aus – nicht nur für das Image, sondern mittelfristig auch ganz handfest in den Geschäftsergebnissen.
Appel setzt auf höheren Kundenzuspruch und beträchtliche Einsparungen in der Energierechnung. Immerhin gibt die Post im Jahr rund 1,5 Milliarden Euro allein für Treibstoff und Heizöl aus, Tendenz bisher stark steigend. Der Energieaufwand von Unternehmen, die im Auftrag des Konzerns Güter befördern, ist dabei noch gar nicht gerechnet. „Als führender Logistikkonzern der Welt muss die Deutsche Post ihre Verantwortung für die Umwelt wahrnehmen“, stellt Appel klar. „Das erwarten die Kunden von uns, und Klimaschutz ist zugleich ein wirtschaftlicher Faktor, der in den kommenden Jahren erheblich an Bedeutung gewinnen wird“.
Als erstes großes Logistikunternehmen hat sich die Post deshalb quantitative Ziele zur Begrenzung von Treibhausgasemissionen gesetzt. Messgröße ist die Kohlendioxideffizienz, also die beim Transport oder beim Betrieb von Lagerhäusern anfallende Belastung der Erdatmosphäre mit dem Schadstoff. Bis 2012 soll sie um 10 Prozent sinken, in einer zweiten Stufe bis 2020 sogar um 30 Prozent. Als Vergleichswerte würden der Kohlendioxidausstoß pro transportierten Brief, Tonnenkilometer oder Quadratmeter genutzte Fläche im Jahr 2007 herangezogen, erläuterte Appel. Wenn das Geschäft schneller wachsen sollte als die Kohlendioxideffizienz, wird auch die Post steigende Mengen von Treibhausgasen emittieren.
„Eine Richtung für die Logistikbranche vorgeben“
Rund 30 Millionen Tonnen des Schadstoffes im Jahr produzieren der Konzern und die von ihm beauftragten Subunternehmen bisher. Das klingt gewaltig, ist aber nur etwas mehr als die Belastung, die ein großes deutsches Braunkohlekraftwerk erzeugt. „Die Post allein kann das Weltklima nicht retten. Aber sie kann eine Richtung für die Logistikbranche vorgeben, und dieses Ziel nehmen wir sehr ernst“, meinte Appel. Den Vergleich der eigenen mit den politischen Klimaschutzvorgaben muss er nicht scheuen. „Wir sind schließlich nicht nur in Europa unterwegs, sondern unsere Effizienzziele gelten weltweit, auch in Ländern, die sich der Klimaschutzpolitik verweigern“.
Die betriebswirtschaftlichen Vorteile liegen zum Teil auf der Hand. So soll 2012 auch der Flugverkehr in den Emissionshandel einbezogen werden. Wer rechtzeitig in sparsame Maschinen investiert, könnte davon sogar profitieren. Auch deshalb soll die Flugzeugflotte der Post bis 2020 zu 90 Prozent erneuert werden, zum Beispiel durch die Boeing 757, die gegenüber dem Vorgängermodell 727 rund ein Fünftel weniger Kraftstoff je transportierte Tonne benötigt.
Zugleich sollen Transporte, so weit möglich, aus der Luft auf den Land- und Seeverkehr verlagert werden. Alternative Antriebe und Treibstoffe, optimierte Routenplanung und verbesserte Fahrerausbildung sollen den Kohlendioxidausstoß der Bodenflotte – in aller Welt sind rund 130.000 Fahrzeuge für den Konzern unterwegs – bis 2020 um 30 Prozent reduzieren. Subunternehmer würden ebenfalls in die Pflicht genommen, notfalls auch über die Markt- und Einkaufsmacht des Konzerns, sagte Appel. „Aber die Interessen sind ohnehin weitgehend deckungsgleich. Auch unsere Auftragnehmer wollen Treibstoff sparen.“
Amerikageschäft gestaltet sich schwierig
Appel rechnet damit, dass das Klimaschutzprogramm zu einer weiteren Umsatzsteigerung beitragen wird. „Immer mehr Kunden verpflichten sich zu einer Emissionsminderung und blicken sehr genau sowohl auf die eigene als auch die Emissionsbilanz ihrer Geschäftspartner. Durch unser Engagement sollten wir deshalb mehr Geschäft gewinnen“, sagte er. Noch seien die ehrgeizigen Ziele nicht vollständig mit konkreten Maßnahmen unterlegt, räumte der Post-Chef ein. Aber der Anfang sei gemacht, jetzt werde das Programm Schritt für Schritt in den einzelnen Geschäftsbereichen umgesetzt. Die Leitung hat Appel dem Chef der Konzernentwicklung George Kerschbaumer übertragen, der direkt an den Vorstandsvorsitzenden berichtet.
Während Appel die Großbaustelle Klimaschutz also in andere Hände geben kann, arbeitet er weiter mit Hochdruck an einer Lösung für das defizitäre Amerikageschäft der Expresssparte DHL. „Wir sind gut im Zeitplan“, versicherte er. Wie angekündigt, werde das Ergebnis im Mai bekanntgegeben. Seit Jahren fährt DHL in den Vereinigten Staaten hohe Verluste ein. Das internationale Geschäft von und nach Amerika boomt und ist hochprofitabel, ebenso die Logistiksparte. Aber im inländischen Geschäft mit eiligen Dokumenten und Paketen hat es die Post bisher nicht geschafft, den Platzhirschen UPS und Fedex Paroli zu bieten. Aufgeben kann DHL Amerika nicht, weil ohne diesen „Knotenpunkt“ das interkontinentale Geschäft zu sehr leiden würde.
Allgemein wird deshalb erwartet, dass sich der Konzern auf die lukrativsten Regionen konzentrieren und für die dünn besiedelten Teile des Landes einen Partner suchen wird. Aber diese Lösung scheint noch keineswegs ausgemacht zu sein. Appel ließ keinen Zweifel daran, dass die Post auch im Alleingang bestehen könne. Zwar rede man mit potentiellen Partnern, sei aber keinesfalls darauf angewiesen, in diesen Gesprächen zu einem Abschluss zu kommen. „Schon aus kaufmännischer Vorsicht heraus hätte ich sonst keinen Termin für die Bekanntgabe einer Lösung nennen können“, sagte Appel. „Wir haben hinreichend Möglichkeiten, aus eigener Kraft signifikante Fortschritte zu erzielen. Sollte es jedoch einen Partner geben, der diese Lösung weiter verbessert, könnten wir ihn auch später noch an Bord nehmen.“
Hängepartie um die Zukunft der Postbank
In der seit Monaten anhaltenden Hängepartie um die Zukunft der Postbank ist noch keine Lösung in Sicht. Während Postbankchef Wolfgang Klein auf Klarheit drängt, kann sich Appel vorstellen, einen Verkauf zu vertagen. „Es stimmt: wir brauchen Klarheit. Aber Klarheit kann auch bedeuten, auf absehbare Zeit nicht zu verkaufen.“ Entschieden sei noch nichts; man befinde sich in der „Beratungsphase“. Doch für einen Verkauf gebe es möglicherweise bessere Zeiten als die Phase einer Finanzkrise, die praktisch alle potentiellen Interessenten in Mitleidenschaft gezogen habe. „Ich bin nicht unter Handlungsdruck. Das Geschäft der Postbank läuft gut. Es gibt keinen Grund, die Bank in Hast und Eile oder gar unter Wert zu verkaufen.“ Darüber sei er sich mit allen Investoren und Analysten einig, betonte Appel, wenngleich die Anleger natürlich immer wieder die Frage stellten, ob die Bank noch zum Kerngeschäft des Konzerns passe. Wann die Grundsatzentscheidung pro oder contra Verkauf fallen soll, ließ er offen.
Der Vorstandschef sieht sich auch seitens des Bundes, dessen Vetorecht bei einem Verkauf der Bank zum Jahresende ausläuft, nicht unter Druck. Natürlich werde der Bund als Großaktionär mitreden wollen. Das sei legitim. „Die Interessen des Bundes müssen ebenso berücksichtigt werden wie diejenigen der übrigen Aktionäre mit ihrem Kapitalanteil von rund 70 Prozent“, beschrieb Appel das Spannungsfeld zwischen möglichen ordnungspolitischen Ambitionen für die Umgestaltung der deutschen Bankenlandschaft und dem Anspruch der Aktionäre auf die bestmögliche Verwertung der Postbankanteile. Er habe keinerlei Präferenzen für die eine oder andere Lösung oder diesen oder jenen Partner, betonte Appel. Zu Berichten über eine mögliche Dreierlösung aus Postbank, Commerzbank und Allianz wollte er nicht direkt Stellung nehmen. Allerdings machte er kein Hehl daraus, dass eine solche Konstruktion die Frage aufwerfe, ob sie „exekutierbar“ sei. „Wir haben in Deutschland schon einige schlechte Erfahrungen mit Bankenfusionen hinter uns“, sagte Appel. Neben der Wertsteigerung komme es für ihn deshalb darauf an, ob ein Bankenbündnis in der praktischen Zusammenarbeit bestehen könne.
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