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Forschen mit dem Staat Staatsgelder für Stromautos

Die deutsche Autoindustrie verdient prächtig. Trotzdem lässt sie sich Forschung und Erprobung neuer Elektrofahrzeuge vom Steuerzahler bezuschussen.

© dpa Vergrößern Blick in die Zukunft: Auf der Leipziger Automesse zeigte BMW im Juni das sogenannte Concept des i8

Vielleicht wird der BMW i3 das Auto der Zukunft sein. Seine Karosserie besteht aus ultraleichtem, kohlefaserverstärktem Kunststoff auf einem Aluminiumchassis, er ist mit seiner Umgebung vernetzt wie ein iPhone, fährt angetrieben von einem Elektromotor weitgehend emissionsfrei, und für die Produktion des i3 stellt BMW in seinem Werk in Leipzig Windräder auf. BMW-Chef Norbert Reithofer ist so angetan von seiner jüngsten technologischen Errungenschaft, das er sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit als einen „Meilenstein“ der Automobilgeschichte preist. Schon seit geraumer Zeit lässt BMW eine Elektroflotte des Kleinwagens Mini auf den Straßen fahren, und auch hier ist Reithofer vom Erfolg sehr angetan. Was er gern verschweigt: BMW hat etliche Millionen Euro an Fördergeldern für die „Erforschung und Erprobung neuer Fahrzeugkonzepte zur Elektromobilität“ erhalten. So nachzulesen im Bericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Henning Peitsmeier Folgen:    

Es mag sein, dass die neuen Elektroautos genau jenem Fahrzeugkonzept entsprechen, auf das der urbane, umweltbewusste Mensch gewartet hat. BMW verrät nicht, was etwa der i3 kosten soll, wenn er vom kommenden Jahr an durch Metropolen wie Schanghai oder New York fährt. Die Rede ist von Preisen jenseits der 40.000-Euro-Marke, also mehr als doppelt so viel wie für herkömmliche Kompaktautos à la VW Polo oder Opel Meriva bezahlt werden muss. Zukunftsweisendes hat eben seinen Preis, sagt man sich beim selbsternannten Premiumhersteller aus München. Aber dann stellt sich erst recht die Frage, warum ein womöglich lukratives Geschäft für ein Privatunternehmen mit Steuergeldern unterstützt werden muss.

Nicht nur BMW wird gefördert

„Die öffentliche Förderung von ausgewählten Projekten wie beispielsweise dem Bereich Elektromobilität deckt in der Regel nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten ab“, antwortet ein Unternehmenssprecher. „Dabei handelt es sich oftmals um Projekte mit hoher gesamtwirtschaftlicher Bedeutung für den Standort Deutschland.“

Porsche testet Elektro-Sportwagen © dpa Vergrößern „Signalwirkung auf andere Hersteller und Kunden“: Porsche erhielt knapp 2,9 Millionen Euro für die Umrüstung einiger Boxster-Modelle zu Elektroautos

Nicht nur BMW wird gefördert. Auch Daimler, Volkswagen & Co. werden für unterschiedliche Projekte großzügig bedacht. Eigentlich - so sollte man meinen - hat die deutsche Autoindustrie gar keine staatliche Hilfe nötig für die Entwicklung von Elektroautos. Von den vier Autokonzernen mit dem höchsten Gewinn in der Welt kommen im ersten Quartal dieses Jahres laut der Unternehmensberatung Ernst & Young drei aus Deutschland: Den mit Abstand höchsten Gewinn erwirtschaftete im ersten Quartal Volkswagen mit 3,2 Milliarden Euro. BMW und Daimler verdienten jeweils mehr als 2 Milliarden Euro.

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Dennoch bedienen sich die Autokonzerne gerne aus der staatlichen Kasse. Auf eine Milliarde Euro hat die Bundesregierung ihre Fördermittel für die Entwicklung der Antriebs-, Batterie- und Ladetechnik für Elektroautos in den Jahren 2012 und 2013 verdoppelt. Daimler hat in den vergangenen Jahren die größten staatlichen Hilfen erhalten. Allein aus dem Konjunkturpaket II für die Jahre 2010 und 2011 bekam der Stuttgarter Konzern bis Juli vergangenen Jahres knapp 64 Millionen Euro. Ebenfalls größere Millionenbeträge kassierten die Konkurrenten BMW, Volkswagen und Ford. Das geht aus einer Aufstellung der Bundesregierung hervor.

Experten im Dschungel der Subventionsbürokratie

Aus dem Papier geht darüber hinaus hervor, dass der Sportwagenhersteller Porsche knapp 2,9 Millionen Euro für die Umrüstung einiger Boxster-Modelle zu Elektroautos erhalten hat. Zur Begründung für die Subvention heißt es: „Der Nachweis der Alltagstauglichkeit bei einem Hersteller wie Porsche hat eine nicht zu unterschätzende Signalwirkung auf andere Hersteller und Kunden.“ BMW wiederum nahm dem Bericht zufolge gut 1 Million Euro entgegen für die Entwicklung eines Elektro-Faltrads. Das wird unter anderem damit erklärt, dass das Fahrrad - anders als andere schon am Markt befindliche Modelle - geeignet sei zur „Erreichung des Projektziels einer integrierten Lösung rein elektrogetriebener Fahrzeuge zur Schließung der elektrischen Mobilitätskette per ständiger Mitführung eines Elektrofahrrades im Pkw.“ Was mit dem Wortschwall ausgedrückt werden soll, ist selbst Fachleuten schleierhaft.

VW Nils © AFP Vergrößern Ergebnis der „Erforschung eines technisch konkreten & wirtschaftlich tragfähigen Konzeptes für ein minimalistisches Individual-Fahrzeug mit E-Antrieb als dynamisches Pendlerfahrzeug und Aufbau eines entsprechenden Prototypen“: Der VW-Elektroflitzer „Nils“

Die Karten in der Branche werden durch die Milliardensubvention neu gemischt. Eine ganze Industrie bringt sich in Stellung. Jedes Unternehmen versucht, möglichst viel von den Geldern abzubekommen, die in den kommenden Wochen und Monaten verteilt werden. Experten, die sich im Dschungel der Subventionsbürokratie auskennen, haben Hochkonjunktur. Kein Wunder: Denn wer für sein Unternehmen Forschungshilfen abzweigen will, muss sich zurechtfinden können im Kompetenz-Wirrwarr zwischen Forschungs-, Umwelt-, Verkehrs- und Wirtschaftsministerium.

Besonders große Beträge kassiert in jüngster Zeit ausgerechnet der reiche Volkswagen-Konzern. Die Wolfsburger erhalten 9,9 Millionen Euro für die Erprobung „nutzfahrzeugspezifischer Elektromobilität“. Weitere 7,5 Millionen Euro bekommt VW für einen Flottenversuch mit Elektroautos. In vergleichbarer Größenordnung wurden auch die Elektro-Minis von BMW bezuschusst. Damit nicht genug: Gut 6 Millionen Euro fließen in die Erforschung leistungsfähiger Lithium-Batteriezellen durch die VW-Tochtergesellschaft Varta Microbattery. Damit die Batterien auch wirklich auf den Markt kommen, finanziert der Bund dem Konzern auch gleich noch die Entwicklung einer Pilotproduktionsanlage mit 5,6 Millionen Euro. Da fallen die 5,2 Millionen Euro für die „Erforschung eines technisch konkreten & wirtschaftlich tragfähigen Konzeptes für ein minimalistisches Individual-Fahrzeug mit E-Antrieb als dynamisches Pendlerfahrzeug und Aufbau eines entsprechenden Prototypen“ kaum noch ins Gewicht. Das Ergebnis des letzteren Projekts stellte VW auf der Automesse IAA stolz als Elektroflitzer „Nils“ vor.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.07.2012, 17:20 Uhr

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