15.08.2008 · Der Fiesta galt in Amerika als unverkäuflich. Doch in Zeiten hoher Benzinpreise wird der Kleinwagen vom Ladenhüter zum Hoffnungsträger für Ford. Auch General Motors und Chrysler richten ihre Produktpaletten völlig neu aus.
Von Roland Lindner, New YorkDie Revolution soll in Köln beginnen: Der amerikanische Autohersteller Ford hat am Donnerstag in seinem Kölner Werk den Startschuss für die nächste Generation seines Kleinwagens Fiesta gegeben. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers hatte sich für den Anlass zu Ford aufgemacht, Vorstandsvorsitzender Alan Mulally meldete sich per Videobotschaft und sprach vom „Beginn einer neuen Ära“.
Tatsächlich steht mit der neuen Generation des Fiesta für Ford mehr auf dem Spiel als die Auffrischung einer Modellreihe für den europäischen Markt. Wenn es nach Ford geht, ist der Produktionsbeginn in Köln der Anfang eines globalen Siegeszugs des Fiesta - und symbolisiert eine neue Strategie, mit der das schwer angeschlagene Unternehmen seine Existenz retten will. In Zeiten hoher Benzinpreise hat Ford kleinere Autos mit niedrigerem Kraftstoffverbrauch weltweit zu den neuen Hoffnungsträgern erklärt.
Der Handlungsdruck ist gewaltig
Ford begeht damit vor allem auf dem amerikanischen Heimatmarkt einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit. Denn hier dominierten bislang große Geländewagen und Transporter das Geschäft, aber diese einst so lukrativen Benzinschlucker sind in diesem Jahr zu Ladenhütern geworden. Ford versucht nun ebenso wie seine amerikanischen Wettbewerber General Motors und Chrysler verzweifelt, seine Produktpalette möglichst schnell an die veränderte Nachfrage anzupassen. Der Handlungsdruck ist gewaltig: Ford hat im zweiten Quartal einen Verlust von 8,7 Milliarden Dollar ausgewiesen, bei General Motors waren es sogar 15,5 Milliarden Dollar.
Ford hat die Vorlage der desolaten Quartalszahlen im Juli zum Anlass genommen, einen noch dramatischeren Umbau seiner Produktpalette auf den Weg zu bringen. Ford will bis zum Jahr 2012 insgesamt sechs Personenwagen nach Amerika bringen, die von der europäischen Tochtergesellschaft entwickelt worden sind. Zuvor hatte Ford bereits angekündigt, den Fiesta vom Jahr 2010 an in Amerika verkaufen zu wollen. „Wir sehen die Bewegung hin zu kleineren und kraftstoffsparenden Autos als permanent an“, sagte Alan Mulally zur Begründung der Neuausrichtung.
Der Fiesta galt als unverkäuflich
Der Fiesta wird nun eine unverhoffte Wiederauferstehung feiern. Das Auto wurde Ende der siebziger Jahre schon einmal in Amerika verkauft, aber nach kurzer Zeit wieder vom Markt genommen. Der Fiesta galt als unverkäuflich, denn er schien unvereinbar mit der Vorliebe der Amerikaner für möglichst große Autos. Wie sich die Gewichte verschoben haben, ist nun daran zu erkennen, welche Pläne Ford bei der Fertigung des Fiesta für den amerikanischen Markt verfolgt: Der Fiesta soll im mexikanischen Cuautitlan hergestellt werden und damit in einem Werk, in dem bislang die Transporterserie F-150 vom Band läuft. Der F-150 ist seit Jahren für Ford das Modell mit den höchsten Verkaufszahlen auf dem amerikanischen Heimatmarkt, in den vergangenen Monaten ist das Geschäft aber wie bei anderen Großraumautos auch eingebrochen.
Zwischen den Produktionsstarts in Köln und in Mexiko werden auch noch andere Werke von Ford für die neue Generation des Fiesta ans Netz genommen. So soll noch in diesem Jahr die Fertigung für den asiatischen Markt in China und in Thailand beginnen. Anfang kommenden Jahres soll der Fiesta auch im spanischen Valencia vom Band laufen. Der Wagen wird überall in der Welt auf dem europäischen Design basieren, aber an die Regionen angepasst. So wird es in Amerika zusätzlich zur Schrägheckversion auch ein Modell mit Stufenheck geben. Neben dem Fiesta soll im Jahr 2010 auch die in Europa entwickelte nächste Generation des Kompaktklassemodells Focus in Nordamerika produziert und verkauft werden. Welche anderen Modelle aus europäischer Entwicklung noch für Amerika vorgesehen sind, hat Ford bislang nicht gesagt.
Auf kleinere Autos ausrichtet
Dieser Transfer von Autos ist für Ford auch Teil einer neuen Produktentwicklungsstrategie: Ford hat seine Modelle früher in den einzelnen Regionen der Welt meist isoliert voneinander konzipiert. Alan Mulally hat seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren eine Integration der Entwicklung neuer Autos über die Ländergesellschaften hinweg vorangetrieben.
Ford ist nicht das einzige Unternehmen, das seine Produktpalette stärker auf kleinere Autos ausrichtet. So hat Chrysler in dieser Woche angekündigt, 1,8 Milliarden Dollar in die Umrüstung eines Werks in Detroit investieren zu wollen. In dem Betrieb wird bislang der Geländewagen Jeep Grand Cherokee hergestellt, künftig will Chrysler hier kleinere Geländewagen auf Basis von Personenautos - sogenannte Crossovers - produzieren. Der Schritt ist symbolträchtig, denn der Grand Cherokee war zu Beginn der neunziger Jahre eines der ersten Geländeautos, mit denen Chrysler den Durchbruch im Massenmarkt schaffte. Chrysler hat auch eine Allianz mit dem chinesischen Autohersteller Chery geschlossen. Chery soll Kleinwagen für Chrysler bauen, die noch von diesem Jahr an in Amerika verkauft werden sollen. Auch mit dem japanischen Unternehmen Nissan ist Chrysler eine Partnerschaft für die Herstellung kleinerer Autos eingegangen.
Die neue Strategie der amerikanischen Hersteller
Auch General Motors will den Schwerpunkt seiner Produktion verlagern. Das Unternehmen hat vor wenigen Monaten angekündigt, vier amerikanische Werke zu schließen, in denen bislang Geländewagen und Transporter hergestellt werden. Dafür werden an Standorten, die verkaufsstarke Personenwagen produzieren, zusätzliche Schichten eingerichtet. General Motors hat zudem seine Geländewagenmarke Hummer zum Verkauf gestellt.
Die neue Strategie der amerikanischen Hersteller hat auch ihre Kehrseiten und Risiken: Die Gewinnmargen bei Personenwagen sind traditionell viel niedriger als bei den Geländeautos und Transportern. Außerdem verkaufen sich Autos in Amerika auch nicht automatisch, nur weil sei klein sind oder aus Europa kommen. General Motors spürt das zum Beispiel beim Kompaktmodell Astra. Das Unternehmen verkauft den in Europa erfolgreichen Opel Astra seit Anfang dieses Jahres auch in den Vereinigten Staaten, hier heißt er Saturn Astra. Die Begeisterung der Amerikaner hält sich aber bislang in Grenzen: General Motors hatte sich beim Start vorgenommen, in Amerika 45.000 Astras im Jahr zu verkaufen. In den ersten sieben Monaten dieses Jahres waren es aber gerade einmal 4400.
Sie werden sich wundern
Matthias Mueller (helenos)
- 15.08.2008, 10:29 Uhr
Fährt der alte Lord FORD.....
St. Koch (Pensacola)
- 15.08.2008, 10:33 Uhr
Nicht klein ist wichtig, sondern sparsam
Marvin Parsons (mapar)
- 15.08.2008, 14:51 Uhr
Aus Europaeischer Sicht geschrieben
Horst Trummler (Vandale6906)
- 15.08.2008, 17:57 Uhr
@helenos
Mycroft Holmes (JamesWatson)
- 15.08.2008, 22:31 Uhr
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