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Fischereiwirtschaft Der Aufstieg des Pangasius

11.08.2010 ·  Ein Fisch aus Vietnam hat den deutschen Markt in wenigen Jahren erobert - obwohl sein Fleisch wässrig und arm an Vitaminen und Nährstoffen ist: Der Pangasius. Er hat es sogar schon ins Fischstäbchen geschafft. Denn er ist leicht zu züchten - und frisst fasst alles. Sogar Bananen.

Von Jan Grossarth
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Der Pangasius ist nicht schön anzusehen. Seine Flossen wirken schmutzig und zu lang, seine Augen hängen tief, ein Stück weit noch unter dem Maul. Seine inneren Werte sind nicht besser. Der Nährstoffgehalt seines Fleisches ist geringer als der vieler anderer Zucht- oder Seefische, von 100 Gramm Filet sind 80 Gramm Wasser. Fast kein Speisefisch ist wässriger, fast keiner ist ärmer an Vitaminen. Aber der Pangasius ist billig wie kaum ein anderer Fisch, und so hat er die deutschen Kantinen in wenigen Jahren erobert wie vor ihm vielleicht nur die Currywurst.

Seit nicht einmal 20 Jahren wird der Pangasius überhaupt erst gezüchtet, meist im Mekong-Delta, einem der meistverschmutzten Flüsse der Welt. Vietnam, Thailand und Kambodscha waren bis dahin für den europäischen Markt keine bedeutenden Fischexporteure. In den vergangenen Jahren ist die Ausfuhr aus diesen Ländern aber sprunghaft gestiegen. Im Jahr 2000 wurden aus Vietnam insgesamt rund 600 Tonnen gefrorene Fischfilets in Deutschland eingeführt, im vergangenen Jahr waren es mehr als 36.000 Tonnen - mehr als die Hälfte der gesamten deutschen Einfuhr an tiefgekühlten Fischfilets. Der Großteil dürften Pangasii gewesen sein.

Anspruchslos, günstig zu züchten, grätenarm und schnell wachsend

Auf der Bremer Fischmesse hatten vietnamesische Exporteure den Pangasius vor sechs Jahren in Deutschland als Neuheit präsentiert. Heute hat der Süßwasserfisch, der rund 6 Euro je Kilogramm kostet, hierzulande schon in der Verzehr-Statistik die Meeresfische Scholle und den Kabeljau überholt. Die weltweite Pangasius-Produktionsmenge stieg seit dem Beginn der Zucht von rund 10.000 auf mehr als eine Million Tonnen. Der Pangasius erreichte 2009 beim deutschen Pro-Kopf-Verbrauch nach den Zahlen des Hamburger Fisch-Informationszentrums nach 4,4 Prozent im Vorjahr einen Marktanteil von zirka 6 Prozent - Platz 5 in Deutschland, vor der Forelle, dem Kabeljau und dem Zander. 2006 lag er noch mit dem Kabeljau gleichauf bei 2,4 Prozent.

Pangasius ist der ideale Industriefisch - anspruchslos und günstig zu züchten, grätenarm und schnell wachsend. In nur einem halben Jahr erreicht er sein Schlachtgewicht von 1,5 bis 2 Kilogramm. Er ist schnell zu verarbeiten, da er keine Schuppen hat. Sein Fleisch hat fast keine Farbe und fast keinen Geschmack. Er frisst fast alles und kommt mit relativ wenig Sauerstoff aus. Im Mekong-Delta wird er mit einem Mischfutter aus Reis, Soja und Bananen gefüttert und nach der Schlachtung in Fabriken, in denen teils mehrere hundert Arbeiter am Fließband stehen, filetiert. Die europäische Fischereiindustrie - etwa die skandinavischen Lachszüchter - sieht die Billigkonkurrenz durch den Pangasius als Bedrohung an. Die Vereinigten Staaten führten schon vor vielen Jahren Importzölle ein, was die heimische Welszüchter-Industrie beruhigte.

Betrüger verkaufen in auch gern als Steinbutt oder Seezunge

In Vietnam sind mit der Zucht in wenigen Jahren einige Unternehmen stark gewachsen. Das bösennotierte Unternehmen Nam Viet Corporation (Navico) produziert etwa rund 350.000 Tonnen im Jahr, mehr als die Hälfte der vietnamesischen Pangasius-Ausfuhr. Es ist der größte Exporteur im Land. Auch auf den Philippinen oder in Trinidad und Tobago werden derzeit neue Fischzuchtanlagen gebaut, aber auch aus niederländischen Aquakultur-Anlagen kommen Pangasii nach Deutschland. Das Handelsunternehmen Deutsche See erwartet im Pangasiushandel „große, große Zuwächse“ für die kommenden Jahre. Matthias Keller vom Bundesverband der deutschen Fischindustrie sagt, der Pangasius sei der erste Zuchtfisch, der für die Tiefkühlindustrie interessant sei. Die Deutsche See verarbeitet ihn schon, anders als etwa Iglu, zu Bio-Fischstäbchen. Für Fischstäbchen wurde bislang Alaska-Seelachs verwendet.

Das Filet des Fisches ist weniger hässlich als der Fisch selbst. Das inspirierte Betrüger immer wieder zu Umetikettierungen. Das Hamburger Institut für Hygiene und Umwelt deckte vor drei Jahren auf, dass ein Großhändler 4 Tonnen Pangasiusfilet als Steinbutt ausgezeichnet verkaufen wollte, der im Fischhandel fast dreimal so teuer war. Dafür war eine Laboruntersuchung notwendig. Verbraucher müssen sich auf die Ehrlichkeit des Fischhändlers verlassen - oder gleich den billigen Pangasius kaufen. In den Vereinigten Staaten wurde ein Händler wegen betrügerischer Einfuhr von Pangasius gerichtlich verurteilt. Er hatte zugegeben, rund 5 Tonnen vietnamesischen Pangasius als Zackenbarsch oder Seezunge deklariert zu haben. In Deutschland sollen die Filets auch gelegentlich als Seezunge verkauft werden.

Zuletzt fielen die Erzeugerpreise für den Pangasius, während die Futterkosten in den Produktionsländern um 40 Prozent stiegen. Das habe dazu geführt, dass zahlreiche Pangasius-Zuchtbetriebe im Mekong-Delta aufgegeben hätten, schreibt die Fachzeitschrift „Fisch-Magazin“. Derweil sind bereits neue billig zu züchtende, schnell wachsende und anspruchslose Fischarten auch auf dem europäischen Markt auf dem Vormarsch: der Tilapia oder der Nil-Buntbarsch, die nun auch in China vermehrt werden.

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