07.05.2011 · Fast unbemerkt vom Rest der Republik streiken die Krabbenfischer an der Nordseeküste für höhere Preise. Mit teils rabiaten Methoden kämpfen sie um ihr wirtschaftliches Überleben.
Von Christoph Schäfer, BüsumIm Hafen von Büsum geht es ruhig zu. Sehr ruhig. Obwohl die Sonne von einem fast wolkenlosen Himmel scheint, schlendern wenige Touristen auf der Uferpromenade des Seebades in Schleswig-Holstein – die Hauptsaison beginnt erst in ein paar Wochen. Ein lauer Wind weht über die Bucht. Kleine Wellen plätschern gegen die Kaimauern. Selbst die Vögel halten inne, nur selten durchbricht der Schrei einer Möwe die Stille.
Im Hafenbecken 2, zwischen den Scheuerpfählen 31 und 32, findet die Ruhe ein jähes Ende. Hier schwört Krabbenfischer André Hamann fünf seiner Kollegen auf Kampf ein. „Das ist unsere letzte Chance“, mahnt der Vorsitzende des Verbandes See- und Krabbenfischerei der Nordsee. „Wenn das hier schiefgeht, ist sich jeder selbst der Nächste“, sagt er.
Der 38 Jahre alte Hamann ist Kapitän der „Stolper-Bank“ und Krabbenfischer in dritter Generation. Kein rauher, aber ein handfester Typ mit Dreitagebart, der gerne raucht und gerne lacht. An seinem Beruf schätzt er den Frieden auf See. An Land hingegen zettelt Hamann gerade einen Krieg an. Die Krabbenfischer an der Nordseeküste haben einen unbefristeten Fangstopp beschlossen. Derzeit liegen 99 Prozent der Kutter in Deutschland, Holland und Dänemark am Kai, sagt Hamann, der die Streikfront maßgeblich mitorganisiert.
Die Fischer fordern einen Preis von 3 Euro pro Kilogramm für ihre Ware, nachdem sie zuletzt nur 1,57 Euro erhielten. Als die Großhändler vor Ostern weiter sinkende Preise signalisierten, war der Ofen aus. „Selbst der dümmste Fischer bei uns, der eigentlich gar nix checkt, ist als einer der Ersten wieder in den Hafen gefahren“, erzählt Hamann. „Erst wenn wir von allen Händlern 3 Euro kriegen, fahren wir wieder raus.“
Wie ernst es den Fischern mit ihrer Forderung ist, bekam vor ein paar Tagen einer ihrer Kollegen zu spüren, der trotz Fangstopps auf Krabbenjagd ging: Bei seiner Rückkehr machte der abtrünnige Fischer kurz vor der Mole in Büsum kehrt, als er das 30 Mann starke Empfangskomitee sah, das auf ihn wartete. Als das Schiff Stunden später im Husumer Hafen anlegte, durchsuchten es 30 andere Fischer gründlich. Es war krabbenfrei, der Kapitän hatte seine Ware auf hoher See über Bord geworfen. „Zur Not gibt’s eben eins in die Fresse – oder das Schiff brennt“, sagt Hamann. Seine Miene versteinert.
„Wir haben eine echte Museumsflotte hier“
„Als Selbständige haften wir mit allem, was wir haben“, rechtfertigt sich der Kapitän. „Unsere Familien hängen hier mit dran, unsere Häuser und unsere Existenzen.“ Trotz ihrer Entschlossenheit darf bezweifelt werden, dass sich die Fischer mit ihren Forderungen langfristig durchsetzen werden, denn ihr Unglück hat viele Ursachen. Hauptproblem ist das Überangebot an Krabben. Weltweit werden pro Jahr rund 32 000 Tonnen Nordseekrabben konsumiert, doch im vergangenen Jahr brachten die Fischer etwa 40.000 Tonnen an Land. Ohne den Streik wären es dieses Jahr noch mehr geworden, denn auf dem Meeresboden tummeln sich seit Wochen ungewöhnlich viele Krustentiere. An einem guten Tag könne er eine Tonne Krabben fangen, sagt Hamann. „Wahnsinn“ sei das, „total unnormal“. Doch was im Einzelfall den Fischer glücklich machen könnte, führt im Kollektiv zu drastisch sinkenden Preisen.
Im Gegensatz zu den Holländern haben es die Deutschen zudem verpasst, rechtzeitig in große und moderne Flotten zu investieren. Die meisten deutschen Fischer sind Einzelkämpfer, fast alle besitzen nur einen Kutter, höchstens zwei. Außerdem sind ihre Schiffe meist zu alt. „Wir haben eine echte Museumsflotte hier“, bestätigt Heinz-Wilhelm Jensen und zeigt auf die Kutter im Büsumer Hafen. Der 65 Jahre alte Kapitän der „Boreas“ nutzt den Fangstopp, um an Land seine Netze zu reparieren. Während er mit einer Netznadel das Garn bearbeitet, klagt er über die modernen Schiffe der Holländer. „Gegen die kommen wir einfach nicht an“, sagt er.
Um das zu ändern, hoffen Krabbenfischer Jensen und seine Kollegen auf Schützenhilfe aus der Politik. Sie fordern eine Abwrackprämie für ältere Kutter und einen Erlass, der die Fangmengen begrenzt. Die Maßnahmen sollen das Angebot verknappen und dadurch den Preis stabilisieren. Im schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministerium stoßen die Kapitäne jedoch auf taube Ohren. „Wir haben Bedenken“, sagt Sprecher Christian Seyfert. Vor drei Jahren, als für ein Kilo Krabben noch 11 bis 13 Euro gezahlt wurden, hätten die Fischer von Fangquoten nichts wissen wollen. Das lasse sich nun nicht kurzfristig ändern. Auch von einer Abwrackprämie will das Ministerium nichts wissen. „Je weniger Boote wir in Schleswig-Holstein haben, desto mehr Holländer kommen über die Grenze und fischen in unseren Gewässern“, sagt Seyfert. Am Preis würde sich nichts ändern, der Handel aber fände nur noch in holländischen Häfen statt.
Langfristige Verträge mit großen Supermarktketten
Auch bei den Händlern beißen die Fischer mit ihren Forderungen auf Granit. „3 Euro gehen nicht, der Markt ist immer noch überlastet“, heißt es beim Weltmarktführer, dem niederländischen Unternehmen Heiploeg. Auch Dirk de Beer, größter Krabbenhändler in Deutschland, will den Preissprung nicht mitmachen. In seinen Verträgen mit großen Supermarktketten seien deutlich niedrigere Preise vereinbart. „Und die laufen noch ein paar Monate, das ist das eigentliche Problem.“ Den Händlern spielt in die Hand, dass sie nach wie vor auf riesige Vorräte zurückgreifen können. Selbst wenn die Fischer ihren Streik durchhalten, wird es noch Wochen dauern, bis den Fischgeschäften die Krabben ausgehen.
Kapitän Hamann und seine Kollegen müssen keine 200 Meter laufen, um sich davon zu überzeugen. Egal ob im „Fischgeschäft Möller“ oder in „Kuhlmanns Hafenpick“: Überall in Büsum gibt es noch jede Menge Krabben zu kaufen. In „Kuhlmanns Hafenpick“ kosten die Krabbenbrötchen an diesem Tag sogar besonders wenig. Der Besitzer Rolf Kuhlmann hat den Preis gesenkt: Von 4 Euro auf 3,50 Euro.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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