Die Krise an den internationalen Finanzmärkten hat sich am Freitag fortgesetzt. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die amerikanische Zentralbank (Fed) stellten den Geschäftsbanken wiederum außerplanmäßig Geld zur Verfügung, um eine Vertrauenskrise zu verhindern. Die EZB mobilisierte am Freitag 61 Milliarden Euro – nach 95 Milliarden Euro am Donnerstag. Dies sind die größten außerplanmäßigen Liquiditätshilfen seit September 2001. Die Fed stellte zusätzlich 19 Milliarden Dollar zur Verfügung. Auch die Bank von Japan unterstützte die Geschäftsbanken ihres Landes mit zusätzlichen Mitteln.
Gleichwohl blieben die internationalen Finanzmärkte von Nervosität gekennzeichnet, da die Hilfen der Zentralbanken als Anzeichen für eine ernste Krise gedeutet wurden. An den Aktienmärkten gerieten anfangs vor allem die Papiere von Banken unter Druck. Die DWS, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, teilte mit, das Volumen eines ihrer Fonds habe sich von drei auf 2,1 Milliarden Dollar verringert. Wegen der Krise könnte sich die Übernahme der holländischen Großbank ABN Amro durch ein aus der Royal Bank of Scotland, Fortis und Banco Santander bestehendes Konsortium verzögern. Auf dem Spiel steht die bedeutendste Übernahme in der Bankbranche aller Zeiten.
Staatsanleihen als „sichere Häfen“ gefragt
Im Laufe des Tages erholten sich die führenden Aktienindizes allerdings ein wenig von ihren Tiefstständen. Der Deutsche Aktienindex (Dax) lag am Nachmittag mit 1,5 Prozent im Minus; zeitweise hatte er eine Einbuße von gut zwei Prozent verzeichnet. Die Aktienbörse an der Wall Street eröffnete trotz der Liquiditätshilfen der Fed ebenfalls mit Kursverlusten. Viele Finanzanalysten erwarten auch in den kommenden Wochen wieder größere Kursschwankungen. In den Vereinigten Staaten hat die Börsenaufsicht SEC Prüfungen von Banken angekündigt, um eventuell noch unentdeckte Risiken aus der Hypothekenkrise zu identifizieren.
Auf der ganzen Welt trennten sich die Anleger nicht nur von Aktien. Auch die Kurse vieler Industriemetalle sowie der Preis von Rohöl standen unter Druck. Von der Krise profitierten dagegen die Kurse von Staatsanleihen, die vielen Anlegern als „sichere Häfen“ gelten. Die Rendite amerikanischer Staatsanleihen sank in der Folge auf 4,4 Prozent. Das ist ihr niedrigster Stand seit anderthalb Jahren.
In den Vereinigten Staaten erwarten immer mehr Marktteilnehmer, dass die amerikanische Zentralbank in den kommenden Wochen ihre Leitzinsen senken wird, um die Finanzmärkte zu entlasten. In Europa hat die EZB für den Herbst eine weitere Zinserhöhung in Aussicht gestellt.
Wie Zentralbanken den Geldmarkt stabilisieren
Die Europäische Zentralbank, die amerikanische Notenbank Fed und die Bank von Japan haben seit Donnerstag ihren Geldmärkten erhebliche neue Mittel zugeführt. Alleine die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag rund 95 Milliarden Euro für einen Tag zusätzlich bereit- gestellt, um die Zahlungsfähigkeit des Bankensystems zu sichern. Zuletzt wurde dieses Instrument nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 genutzt.
Der Geldmarkt ist der für die Öffentlichkeit intransparenteste Finanzmarkt, weil sich an ihm nur die Zentralbanken und die Geschäftsbanken beteiligen. Über den Geldmarkt führen Zentralbanken den Geschäftsbanken die für ihre Geschäfte notwendige Liquidität zu. Technisch gesehen handelt es sich um Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank, die meist durch Kreditaufnahmen der Geschäftsbanken bei den Zentralbanken entstehen. Für diese Kredite müssen die Geschäftsbanken Zinsen zahlen; der Zinssatz (Leitzins) wird von der Zentralbank festgelegt.
Je nach Umfang ihrer Geschäfte entstehen bei einzelnen Banken (vorübergehende) Überschüsse, während andere einen höheren Bedarf an Guthaben besitzen. Auf dem Geldmarkt handeln Geschäftsbanken daher mit ihren Guthaben; wer gerade einen Überschuss besitzt, verleiht ihn an andere Banken, die Bedarf an zusätzlichen Guthaben besitzen. Diese Geschäfte besitzen oft nur eine Laufzeit von einem Tag.
In normalen Zeiten reichen diese Guthaben den Geschäftsbanken insgesamt aus. Die gegenwärtige Krise hat nun allerdings Geschäftsbanken mit Guthaben zögern lassen, diese an andere Geschäftsbanken zu verleihen. Dadurch entstand ein Engpass, den die Zentralbanken durch die Bereitstellung zusätzlicher Guthaben das Bankensystem kurzfristig behoben haben. Prinzipiell gibt es keine Obergrenze für solche Geschäfte der Zentralbank; sie kann den Geschäftsbanken so viele Guthaben einräumen, wie sie will. Die Dauer der Krise lässt sich daran erkennen, wie lange die Zentralbanken zusätzliche Mittel bereitstellen müssen. (gb.)
Was wollen die Notenbanken mit ihrer Tiefbrunnenliquidität waschen?
Sophia Orti (rum)
- 10.08.2007, 21:44 Uhr
