27.01.2008 · Ein einzelner Zocker weckt neue Zweifel: Ist das internationale Finanzsystem längst unkontrollierbar geworden? Die Banken überblicken ihre Risiken nicht mehr - und suchen nach Einsparpotential.
Von Tim Höfinghoff und Christian SiedenbiedelIn Sachen Geld häufen sich die schlechten Nachrichten. So stürzten in der vergangenen turbulenten Woche die Aktienkurse in die Tiefe. Gut, an der Börse kann es eben nicht immer nur aufwärtsgehen. Viel dramatischer war etwas anderes: Ein einzelner Händler der französischen Bank Société Générale hat Milliardensummen verzockt. Einfach so.
Alle Sicherheitshürden hat er überwunden, ohne dass ihn jemand aufgehalten hätte. Das geht ans Eingemachte. Das nährt Zweifel, ob die Banken überhaupt wissen, was in ihren Handelsräumen passiert. Steckt womöglich der Fehler im System? Ist das internationale Finanzsystem längst unkontrollierbar geworden?
Sind das alles Kasino-Kapitalisten?
Spekuliert wird nun sogar, der Mann könnte durch sein Treiben den Kurssturz an den Börsen ausgelöst haben. Eine unerhörte Vorstellung - belegen lässt sie sich nicht. „Das könnte so gewesen sein“, sagt Thomas Mayer, Europa-Chefvolkswirt der Deutschen Bank - zumal der französische Banker hohe Wetten auf den Deutschen Aktienindex Dax eingegangen sein soll. Vieles spricht dafür, dass er zum Kurssturz beigetragen hat, nicht aber dessen Hauptursache war. Dafür waren die Beträge trotz allem wohl zu klein. Außerdem stürzten die Börsen in Asien ab, bevor die in Europa überhaupt eröffnet hatten.
Das peinliche Desaster bei der zweitgrößten Bank Frankreichs ereignet sich ausgerechnet in einer Zeit, in der das Vertrauen in die Bankenwelt ohnehin erschüttert ist. Besonders groß war es eigentlich nie: Welchen Grund hat man, einer Bank zu trauen? Seit dem Sommer tobt die Finanzkrise. Ständig tauchen weitere Schreckensmeldungen über neue Milliardenabschreibungen auf. Hinzu kommt die Furcht, dass Amerika als größte Volkswirtschaft der Welt in die Rezession rutscht. In einer solchen Situation sorgen Berichte über Bank-Zocker für Entsetzen. Sind das alles Kasino-Kapitalisten? Ist alles erlaubt, Hauptsache, der Gewinn stimmt?
Die Banken knausern mit Krediten
Das seltsame Verhalten in der Finanzwelt ist längst kein Thema mehr, das nur Börsen- und Wirtschaftsprofis debattieren. Es spielt sich mitten in der Gesellschaft ab. Bestes Beispiel: die „Bild“-Zeitung. Fast täglich schaffen es in diesen Tagen Bankenthemen auf die Seite eins des Boulevardblatts. „Wie sicher ist meine Bank?“, „Wie sicher ist mein Erspartes?“ So viel Alarmstimmung ist selten in einer zutiefst auf Seriosität und Ruhe bedachten Branche.
Doch die Lage ist heikel. Wie ernst die Konkurrenten den Fall in Paris nehmen, zeigt sich auch am Verhalten der Konkurrenten. So herrschte nach dem Milliarden-Desaster bei der Société Générale auch bei der Deutschen Bank hektisches Treiben. Vorstandschef Josef Ackermann ordnete eine sofortige Überprüfung der internen Sicherheitssysteme an. Unmittelbar nachdem er von dem Skandal in Frankreich erfahren hatte, rief er die zuständigen Stellen in seinem Haus an. Die bange Frage: „Ist so etwas auch bei uns möglich?“ Das sollte so schnell wie möglich untersucht werden.
Es herrscht Verunsicherung und Durcheinander in einer Branche, die äußerst wichtig ist für das globale Wirtschaftsleben. Banken sammeln Geld bei Anlegern ein. Und sie vergeben Kredite an Unternehmen und Verbraucher, damit sie investieren können. Doch was passiert, wenn den Banken selbst das Geld fehlt? Sie knausern mit Krediten.
Branchenkenner: Krise ist noch nicht ausgestanden
„Das ist tendenziell schon zu spüren“, sagt Ralph Solveen, der Chefvolkswirt der Commerzbank, über die Situation in der Branche. Das Problem: Wenn die Banken zu vorsichtig werden, fehlen den Unternehmen die Kredite und sie investieren weniger. Das bremst das Wachstum in einer Zeit, in der alle sowieso schon von Abschwung reden, noch einmal besonders. Ohne das Geld der Banken knirscht es im Getriebe der Weltwirtschaft: Es fehlt das Schmiermittel.
Schlimmer noch als der Kredit-Engpass ist das große Misstrauen in der Geldwelt. Keine der Banken meldet offen, wie groß die Probleme wegen der Immobilienkrise in Amerika wirklich sind. Seit das Unheil auf dem amerikanischen Immobilienmarkt im vergangenen Sommer seinen Lauf nahm, reißen die schlechten Nachrichten nicht ab.
Offenheit, Transparenz, schnelle Kommunikation - das gibt es selten und zu spät. Branchenkenner, wie Dirk Vater vom Beratungsunternehmen Bain & Company, prophezeien, dass „die Krise noch lange nicht ausgestanden ist“. Nun wäre also alles andere als Schönreden angesagt. Doch viele Bankchefs beharren darauf, dass die Belastungen wegen der Immobilienkrise „verkraftbar“ seien. Im nächsten Augenblick aber übertrumpfen sie sich gegenseitig wieder im Vermelden hoher Abschreibungen und Verluste. Bundesbankchef Axel Weber rüffelte jüngst die Banken wegen ihrer „Salamitaktik bei der Offenbarung ihrer finanziellen Belastungen“. Notwendig sei „eine weitreichende Transparenz“.
Die Finanzkrise schwelt weiter
Am schlimmsten ist der Vertrauensverlust bislang gegenüber den amerikanischen Banken. Bei ihnen ist auch der Schaden am größten. Allein die Citigroup musste 18 Milliarden Dollar im vierten Quartal abschreiben. Beim Konkurrenten Merrill Lynch waren es 9 Milliarden Dollar. Ob Bank of America oder Bear Stearns, sie alle haben sich kräftig verspekuliert. Darunter leiden auch die deutschen Banken, die bislang nicht so hohe Abschreibungen hatten. Der Imageschaden trifft sie mit.
Das Vertrauen in die Banken leidet auch, weil der Eindruck entsteht, dass sie selbst nicht mehr durchblicken. Anders ist kaum zu erklären, warum sie ihre Risiken so schlecht einschätzen konnten. Es geht um komplizierte Finanzprodukte mit komplizierten Namen wie Asset-backed Securities (ABS), Collateralized Debt Obligations (CDO) und Structured Investment Vehicles (SIV).
Das Problem dieser Anlagen ist die Tatsache, dass mit solchen Finanzprodukten Kreditforderungen zusammengefasst, weiterverkauft oder in neu gegründete Zweckgesellschaften übertragen wurden. Das Wissen, wer welches Risiko trägt, kann also schnell verlorengehen. Auch weil nicht nur Banken beteiligt sind, sondern ebenso Versicherungen und Pensionsfonds. Bei denen wird man die Löcher erst später finden, prophezeit der UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff. Die Finanzkrise schwelt weiter.
Suche nach Einsparpotential
Ökonomen argumentieren zwar, dass es gut ist, wenn in einer Wirtschaft solche Risiken breit gestreut werden. Gegen das Weiterverkaufen von Kreditrisiken ist daher grundsätzlich nichts einzuwenden. Doch wenn niemand mehr genau weiß, wer welche Risiken in den Bilanzen hat, gibt es Probleme. Längst haben die Banken auch das Vertrauen zueinander verloren. Sie leihen sich gegenseitig nur noch ungern Geld. Die Notenbanken mussten schon des Öfteren einspringen und zu günstigen Konditionen Geld verteilen.
In der Krise sind die Banken vor allem mit sich selbst beschäftigt. Sie suchen nach Einsparpotential. Sie schrumpfen und sie sparen. So wird die Bank of America ihre Abteilung für den Rohstoff- und Energiehandel in London schließen. Statt neue Kunden zu suchen, wird gekürzt. Ob in der Schweizer UBS oder der amerikanischen Citigroup: Überall stehen Entlassungen an. Nicht immer Tausende, wie Citigroup meldet. Doch auch die Investmentbank Goldman Sachs plant, 1500 Mitarbeiter hinauszuwerfen. Beim Konkurrenten Morgan Stanley sollen es ebenfalls mehr als 1000 Stellen sein, die wegfallen.
Zum Vertrauen in die Banken trägt auch nicht bei, dass ihre Eigentümerstruktur durcheinandergewirbelt wird. Neue mächtige Anteilseigner kommen auf den Plan, etwa ausländische Staatsfonds. Denen gegenüber ist das Misstrauen in Deutschland sowieso hoch. Auch in Paris bei der Société Générale wächst nach den Milliardenverlusten durch den Zocker Kerviel die Angst vor einer Übernahme.
Und was sagt uns die Graphik?
B. Keim (bkeim)
- 30.01.2008, 17:16 Uhr
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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