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Finanzkrise Die Karten gehören auf den Tisch

22.09.2007 ·  Täglich wächst die Gefahr, dass die Finanzkrise auf die Realwirtschaft durchschlägt. Alle Banken horten Liquidität, weil sie fürchten, dass es bei den anderen so schlimm aussieht wie bei ihnen selbst. Die Karten gehören endlich auf den Tisch. Holger Steltzner kommentiert.

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Eine Bank lebt von ihrem guten Ruf. Ist das Vertrauen erst einmal verloren, kämpft die Bank ums Überleben. So geht es derzeit dem britischen Immobilienfinanzierer Northern Rock. Bilder panischer Sparer beim Sturm auf die Schalter schockieren Bankkunden, Politiker, Aufseher und Notenbanker. Einen Sturm auf eine Bank hat es in Europa seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Die internationale Finanzkrise hat die Straße erreicht.

Im übertragenen Sinne gilt ähnliches für das gesamte Finanzsystem. Wenn Banken einander nicht mehr trauen und Geld horten, das sie in gewöhnlichen Zeiten ihren Partnerbanken kurzfristig leihen, dann ist eine allgemeine Kreditklemme nicht mehr weit. Wo das Vertrauen schwindet, gibt es keinen Kredit mehr, da droht die Liquidität zu versiegen. In dieser Notlage springen die Zentralbanken ein. Sie geben den Geschäftsbanken kurzfristige Kredite, die dafür als Sicherheit Wertpapiere hinterlegen müssen. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise Anfang August haben die Europäische Zentralbank (EZB) und Amerikas Notenbank Fed den Banken immer wieder Liquiditätshilfen gewährt und dafür nicht nur erstklassige Papiere als Sicherheit entgegengenommen. So haben sie ein Austrocknen der Geldmärkte und den Zusammenbruch von Banken wegen Zahlungsunfähigkeit verhindert.

Berechtigte Sorge um die Konjunktur

Hingegen hat die Bank von England zusätzliche Hilfen mit dem eingängigen Argument verweigert, solide Institute nicht benachteiligen und unvorsichtige Spekulanten nicht belohnen zu wollen. Was im Prinzip richtig ist, kann jedoch den Falschen treffen. In diesem Fall Northern Rock, die für ihre britischen Hypotheken von der Bank von England keinen Kredit bekommen hat und wohl im Strudel der Finanzkrise untergehen wird, obwohl sie anders als die deutschen Banken IKB oder Sachsen LB nicht mit fragwürdigen amerikanischen Kreditpapieren spekuliert hat. Ein kleiner Trost ist, dass die verunsicherten Kunden der Northern Rock ihr Geld nicht lediglich abgehoben, sondern umgehend bei anderen Banken wieder eingezahlt haben.

Wie ernst die Lage ist, zeigt auch die überraschend kräftige Zinssenkung der Fed. Aus berechtigter Sorge um die Konjunktur hat die amerikanische Notenbank einen Kurswechsel vollzogen. Die Finanzkrise hat an Amerikas Arbeitsmärkten bereits erste Bremsspuren hinterlassen. Es klemmt auf den Geldmärkten, und es mehren sich die Warnsignale, dass ähnliches auch den Kreditmärkten drohen könnte. Auf fast allen Märkten wuchert Misstrauen, ein solches Ausmaß allgemeiner Verunsicherung haben selbst erfahrene Banker und Aufseher noch nicht erlebt.

Fed und EZB mühen sich redlich

Wie kann das verlorene Vertrauen zurückgewonnen werden? Die Fed und die EZB (die Deutsche Bundesbank entscheidet nicht, sie wickelt die Geschäfte am Geldmarkt nur ab) mühen sich redlich, doch bringen Liquiditätshilfen oder Zinssenkungen allenfalls kurzzeitig Entlastung, sie schaffen kein Vertrauen. Die kräftige Zinssenkung der Fed kann nicht nur als Rettung in der Not, sondern auch als Auftakt zur nächsten Spekulationswelle verstanden werden, vor allem dann, wenn die amerikanische Notenbank noch einmal eine Spekulationskrise, zu der sie mit Zinsen fast zum Nulltarif eingeladen hatte, zu lange mit zu billigem Geld zu bekämpfen versuchen sollte.

Die EZB ist im Dilemma. Seit Monaten bereitet sie die Marktteilnehmer auf steigende Euro-Zinsen vor, begründet dies mit wachsenden Inflationsgefahren, die die Stabilität des Euro bedrohen könnten. Wird sie sich nun dem Sog sinkender Notenbankzinsen entziehen können? Der Euro kostet bereits mehr als 1,40 Dollar. Wie teuer wird der Euro, wenn die EZB an ihrem Kurs festhält?

Alles nur Schönwettermodelle

Mit Geldpolitik allein kann Vertrauen nicht gewonnen werden. Weil niemand weiß, wo welche Risiken lauern, halten sich die Banken bei der Kreditvergabe zurück. Im großen Stil werden langlaufende Hochrisikopapiere kurzfristig finanziert, um drohende Verluste zu vermeiden. Aber wie lange geht das gut? Alle horten Liquidität, weil sie befürchten, dass es bei anderen Banken so schlimm aussieht wie bei ihnen selbst. Niemand kann absehen, was einem selbst noch passieren könnte. Wie soll man solche Risiken bewerten, wenn es an den Märkten dafür keine Preise gibt? Hinter den Kulissen suchen Banken, Aufseher und Notenbanken nach einer Antwort. Die Krise zeigt: Die komplexen Modelle zur Steuerung der Bankrisiken sind Schönwettermodelle. Wenn – mathematisch ausgedrückt – die Marktrisiken nicht der Normalverteilung folgen, dann steht die Portfoliotheorie in Frage.

Gelogen, dass sich die Balken biegen

Anstatt Verluste zu beziffern, legen die Banken einen Schleier über ihre Geschäfte innerhalb und außerhalb der Bilanz. Nicht immer kann das mit Bewertungsfragen begründet werden. Es gab auch Fälle, in denen gelogen wurde, bis sich die Balken bogen. Das schürt Misstrauen. Wenn die Finanzinstitute nicht für mehr Transparenz sorgen, könnte aus der Kreditklemme unter Banken eine allgemeine Kreditverweigerung für Unternehmen werden mit schlimmen Folgen für Wachstum, Investitionen, Löhne und Arbeitsplätze.

Es ist volkswirtschaftlich kein Beinbruch, wenn durch höhere Kreditzinsen in der Beteiligungsbranche sich nun die Spreu vom Weizen trennt und einige Hedge-Fonds ums Überleben kämpfen, die zuvor von Banken mit Billigkrediten überschüttet wurden. Doch mit jedem Tag, den die Finanzkrise dauert, wächst die Gefahr, dass sie auf die Realwirtschaft durchschlägt. Banken, Aufseher und Notenbanken müssen endlich die Karten auf den Tisch legen, sie tragen eine wirtschaftliche Gesamtverantwortung. Denn wenn das Vertrauen nicht zurückkehrt, könnte dem Aufschwung schon bald der Abschwung folgen.

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