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Veröffentlicht: 18.09.2007, 07:59 Uhr

Finanzkrise Das magische Minsky-Moment

Schlangen vor Bankfilialen - die Finanzkrise wird immer offensichtlicher. Und sie entwickelt sich nach einem bekannten Schema. Es geht zurück auf den verstorbenen Ökonomen Hyman Minsky - der stark von John Maynard Keynes geprägt war. Zeitlebens war Minsky ein Außenseiter, nun gelangt er zu spätem Ruhm. Von Gerald Braunberger.

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© AP Lange Schlangen vor Bank-Filialen: Die Finanzkrise hat England erwischt

Die meisten Teilnehmer an den Finanzmärkten stehen im Ruf, eher Praktiker als Theoretiker zu sein. Zurzeit jedoch feiert in den Bankentürmen ein Ökonom seine Auferstehung, der zu Lebzeiten kaum bekannt war: Hyman P. Minsky. Der verstorbene Amerikaner (1919 bis 1996) hatte schon vor Jahrzehnten eine Theorie der Finanzmärkte vorgelegt, die in der Lage scheint, ziemlich gut zu erklären, was sich seit einiger Zeit an den Märkten abspielt. Minskys später Ruhm schlägt sich auch in Zahlen nieder. Für einzelne Exemplare eines in kleiner Auflage erschienenen Buches aus dem Jahre 1986 („Stabilizing an unstable Economy“) werden Preise bis zu 2000 Dollar bezahlt.

Gerald Braunberger Folgen:

Minsky war zu Lebzeiten ein Außenseiter in einer zunehmend von liberalen Ideen geprägten Zunft. Aus einer russischen Familie stammend, studierte er in Harvard bei Joseph Schumpeter, dessen Idee des wirtschaftlichen Fortschritts durch kreative Zerstörung er auf die Finanzbranche anwandte. Der Amerikaner lehrte lange an einer eher zweitklassigen Universität in St. Louis und befasste sich auch mit der Praxis: Der mittlerweile in einer Übernahme aufgegangenen Mark Twain Bank stand er als Berater bei.

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Durch John Maynard Keynes geprägt

Ansonsten war Minsky vor allem durch den berühmten Ökonomen John Maynard Keynes geprägt, über dessen Theorien er ein auch in deutscher Sprache erhältliches Buch (Hyman P. Minsky: John Maynard Keynes. Marburg 1990) verfasste. Wie der Brite glaubte auch Minsky nicht an die von den Liberalen beschworenen Selbstheilungskräfte des Marktes, sondern an die Notwendigkeit von Staatseingriffen. Finanzkrisen hielt der Amerikaner entgegen der Mehrheitsmeinung in der Ökonomie für ganz normale Ausprägungen eines grundsätzlich zur Instabilität neigenden Kapitalismus.

Sachaufnahme zum Thema Bankenkrise: Risiko-Spiel © DIETER RÜCHEL - F.A.Z. Vergrößern Eine Theorie der Finanzmärkte, die ziemlich gut zu passen scheint

Minskys Krisentheorie sieht so aus: In langen Zeiten wirtschaftlichen Wachstums verlieren Banken, Unternehmen und Konsumenten das Gefühl für Risiko und beginnen, von der Gier nach immer höheren Gewinnen getrieben, sich immer mehr in gewagte Finanzierungen zu stürzen. Unterstützt wird diese Neigung nicht nur durch einen Herdentrieb, sondern auch durch den unerbittlichen Wettbewerb zwischen den Banken, der zur Erfindung neuer Finanzprodukte beiträgt und zu Versuchen der Banken, herrschende Regulierungen zu umgehen.

Von Daueroptimisten und „Ponzi-Schuldnern“

Die Finanzmärkte beginnen in dieser Phase, heiß zu laufen, ohne dass die Brisanz der Lage deutlich würde. Daueroptimisten melden sich zu Worte, typischerweise mit Äußerungen wie: „Es gibt keinen Konjunkturzyklus mehr. Von jetzt an wird die Wirtschaft ohne Pause wachsen.“ Im Boom der „Neuen Ökonomie“ waren solche Prognosen sogar von gewöhnlich ernstzunehmenden Ökonomen zu hören gewesen.

Minsky unterschied zwischen drei Arten von Kreditnehmern. Neben Schuldnern, die in der Lage sind, ihre Kredite zu bedienen und zurückzuzahlen, gibt es eine wachsende Zahl spekulativ eingestellter Schuldner, die zwar Zinsen zahlen, aber ihre Kredite nicht tilgen können und damit auf eine stete Verlängerung ihrer Darlehen angewiesen sind. Schließlich taucht im Konjunkturboom eine dritte Art von Kreditnehmern auf, die Minsky nach einem berühmten amerikanischen Schwindler „Ponzi-Schuldner“ nannte: Das sind Unternehmen oder Privatpersonen, die zu arm sind, um auf ihre Kredite auch nur Zinsen zu zahlen. Sie bauen alleine auf erwartete Preissteigerungen der Vermögensgüter, die sie auf Kredit gekauft haben. In der aktuellen Situation zählen hierzu einkommensschwache Besitzer von Häusern in Amerika, deren Hoffnung auf steigende Häuserpreise sich nicht erfüllt haben und die nun nicht über die Mittel verfügen, um ihre Kredite zu bezahlen.

Zusammenbrüche von Banken drohen

Das Ende der Party kann dann ein eigentlich nebensächliches Ereignis auslösen, das die gesamte Finanzbranche in eine Krise stürzt. Als „Minsky-Moment“ bezeichnet man eine Phase, in der Kreditgeber äußerst vorsichtig mit neuen Ausleihungen werden und in der Folge nicht nur wirtschaftlich schwache, sondern auch eigentlich solide Finanzhäuser beginnen in Schwierigkeiten zu geraten. Finanzhäuser, die keine Kredite mehr erhalten, sind gezwungen, sich von rentablen Anlagen zu trennen, deren Kurse dadurch unter Druck geraten. Es drohen Zusammenbrüche von Banken.

Minsky war der Auffassung, dass schwere Finanzkrisen das Eingreifen des Staates, sei es in Gestalt der Notenbank, der Aufsichtsbehörden oder des Finanzministeriums, erfordert. Alleine würden sich die Banken nicht helfen können, postulierte er. Schaut man sich alleine die Eingriffe der Notenbanken an, trifft Minskys Analyse auch auf die gegenwärtige Situation zu.

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