Geht es nach Arnold Schwarzenegger, räumt der nächste Terminator in Frankfurt auf. Oder Berlin. Hauptsache, Deutschland. Arnie will drehen.
Vergangenen Freitagmittag, Frankfurt, Sheraton-Hotel. Eigentlich ist der Ex-Gouverneur Kaliforniens in Deutschland, um über Klimaschutz zu sprechen. Aber damit verdient Arnie kein Geld. Mit Filmen allerdings gerade auch nicht.
Schwarzeneggers aktueller Streifen, das Action-Spektakel „Last Stand“, spielt in Arizona und ist ein Flop. Ein Debakel, vor allem finanziell. Film ist Hochrisikogeschäft. Niemand weiß, ob die Zuschauer den ganzen Aufwand honorieren. Ein schlechter teurer Film, und ein Studio ist schnell mal pleite. Deswegen ist die Finanzierung von Filmen so schwierig: Welche Bank nimmt so ein Risiko?
Zum Glück ist da die Bundesrepublik Deutschland mit ihrer Filmförderung. Den Vorschlag des Reporters, hierzulande ein Action Movie über einen draufgängerischen Umweltschützer zu drehen, lehnt Schwarzenegger zwar zunächst ab: „Eine solche Rolle liegt mir nicht.“ Ausschließen will der Terminator aber nichts: „Wenn Drehbuch und Regie stimmen, wäre Deutschland eine tolle Sache.“ Er habe von den wunderbaren Bedingungen hierzulande gehört, erzählt Schwarzenegger: „Meine Kollegen aus Hollywood wissen die Vorteile von Babelsberg zu schätzen.“
Das stimmt. George Clooney durchstreift dieser Tage Berlin auf der Suche nach Drehorten für seinen Weltkriegsfilm. Auch in Brandenburg will er filmen. Und in Sachsen-Anhalt. Nebenan, im sächsischen Görlitz, hat die Lokalpresse das 50.000-Einwohner-Städtchen bereits in „Görliwood“ umgetauft. Jude Law und Ralph Fiennes sind vor Ort, Bill Murray und Owen Wilson auf dem Weg. Die Oscar-Preisträger Tilda Swinton und Adrien Brody ebenso. Im alten Hertie-Kaufhaus der Stadt dreht Regisseur Wes Anderson den Film „The Grand Budapest Hotel“. Und jeder Toilettengang der Stars wird in der Oberlausitz zum Event. „Großartig“ sei der Filmstandort Deutschland, jubelt die „Los Angeles Times“, die Deutschen verfügten über „a Wundermittel“. Das Branchenblatt „Hollywood Reporter“ nennt es nüchtern „Cash“.
In Deutschland, das sich gerne seiner künstlerischen Originalität rühmt, führt längst nur noch ein Faktor bei den Filmen Regie: die Herkunft des Kapitals. 43 Produzent der Produktionskosten decken Filmemacher laut der jüngst vorgestellten Produzentenstudie mit nur bedingt rückzahlbaren Darlehen von Ländern und Bund sowie mit Branchenumlagen, immerhin ein Fünftel macht der Betrag bei den kostspieligeren internationalen Ko-Produktionen aus. Allein Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen geben für „Grand Budapest Hotel“ über 900.000 Euro Subvention für die internationale Koproduktion. Dafür durfte Staatskanzleiminister Johannes Beermann mal bei den Dreharbeiten vorbeigucken und traf prompt seinen Lieblingsstar Jeff Goldblum, wie er danach verriet: „Da war ich ganz aufgeregt. Immerhin spielte er die Hauptrolle in meinem Lieblingsfilm ,Jurassic Park’.“
Kein Hollywood-Regisseur würde sich blicken lassen in Görlitz, läge in Deutschland die Kulturhoheit nicht bei den Ländern, die sich nahezu ausnahmslos die regionale Förderung der Filmwirtschaft auf die Fahnen geschrieben haben. Jedem Stadtstaat sein Hollywood, jedem Flächenland seine Gala. Ist Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier beim jährlich in der Frankfurter Alten Oper stattfindenden „Hessischen Filmpreis“ nach endlosen Stunden schließlich beim „Ehrenpreis des Ministerpräsidenten“ angelangt (Preisträgerin 2012: Hannelore Elsner), harren die aus Berlin eingeflogenen Schauspielstars geduldig der Dinge. Etwa zwölf Millionen Euro gibt die Hessische Filmförderung jedes Jahr aus, in Bundesländern wie Bayern und Nordrhein-Westfalen sind die Beträge mehr als dreimal so hoch.
Und so fahren die Lastwagen der Filmtrecks seit jeher kreuz und quer durch die Republik, damit sich die klammen Produzenten aus möglichst vielen Fördertöpfen bedienen können. Denn wer Geld vom Freistaat Sachsen verdrehen darf, muss die Kameras freilich zumindest für ein paar Wochen auch mal im Bundesland aufstellen. Da spielt es auch keine Rolle, dass trotz der Fördermillionen acht Millionen weniger Deutsche in deutschsprachige Filme gehen als noch vor vier Jahren - fünf Jahre liegt der letzte Oscar-Gewinn für einen deutschen Film zurück.
Die Filmwirtschaft in Deutschland ist auf das Geld angewiesen. Vier von fünf deutschen Produzenten kommen nicht über die Millionengrenze hinaus. Und die Branchengrößen scheuen das Risiko. So entstehen wunderliche Konstellationen. Autor und Regisseur Oskar Roehler hat seinen autobiographischen Roman „Herkunft“ nicht in Franken und Frankfurt verfilmt, wo er spielt. Der Streifen mit dem Titel „Quellen des Lebens“, der nächste Woche in die Kinos kommt, wurde in Nordrhein-Westfalen (1,6 Millionen Euro Förderung) gedreht, in Sachsen-Anhalt (0,5 Millionen Euro), in Berlin und Brandenburg (0,4 Millionen Euro). Für die Berlinale, die diese Woche beginnt, ist er nicht zugelassen.
Der Berliner Matthias Schweighöfer hingegen hat seine Liebe zur Bankenstadt entdeckt. „Frankfurt ist einfach sehr schön“, stellte Deutschlands beliebtester Schauspieler und Nachwuchsproduzent fest, als er seine Lifestyle-Komödie „Schlussmacher“ ein wenig in der coolen Hauptstadt und hauptsächlich im Hessischen filmte: „Wir sind hier zu Hause.“
650.000 Euro hat Schweighöfer vom Land Hessen erhalten. Gut angelegtes Geld: Mit bald zwei Millionen Kinozuschauern ist „Schlussmacher“ derzeit mit Abstand die erfolgreichste deutschsprachige Produktion in einem Land, in dem trotz zig Fördertöpfen immer weniger Menschen heimische Filme sehen wollen. Eine Erfolgsstory trotz, nicht wegen des Drehbuchs, wie es in der naturgemäß von Neid zerfressenen Branche spöttelt: „Ein Roadmovie durch Mitteldeutschland im Kleinwagen der Altherrenmarke Mercedes? Geht gar nicht.“ Es gebe einfach einen Schweighöfer-Effekt: Der blonde Jüngling könne auch einen Sack Kartoffeln darstellen, und die 8- bis 28-jährigen weiblichen Bundesbürger würden die Kinosäle stürmen.
Und weil für den „Schlussmacher“ auch die Länder Berlin und Brandenburg 400.000 Euro gaben, ist ein „Roadmovie“ entstanden, in dem die beiden Helden von der Hauptstadt über Potsdams Mittelmark nach Frankfurt fahren. Weitere Stationen: Darmstadt und das nordhessische Edertal.
“Auf Roadmovies, die in Deutschland spielen, klebt ganz groß das Schild ,Fördertourismus’“, ätzt ein Produzent, der bitte schön nicht mit Namen zitiert werden will, denn gelästert wird beim Film bevorzugt hintenrum. Branchenkenner Stefan Lütje, Partner der Wirtschaftskanzlei Olswang und Sohn eines kleinen mittelständischen Filmproduzenten, sekundiert: „Wo es Geld zu verteilen gibt, entsteht mitunter eine irrationale Dynamik.“ So taucht im Roadmovie „Novemberkind“ im Leben der scheinbar vaterlosen Bibliothekarin aus Mecklenburg-Vorpommern plötzlich ein Literaturprofessor vom Bodensee auf - Baden-Württemberg hatte gefördert. „Die Förderung vom Land ist toll, aber wir finden Frankfurt einfach cool“, beteuert hingegen „Schlussmacher“-Erfolgsautor Doron Wisotzky. Auch die Idee, dem außerhalb Hessens wenig bekannten Comedy-Duo Badesalz einen Kurzauftritt im Film zu verschaffen, stamme zwar nicht vom Drehbuchautor: „Aber ich bin ein Riesenfan.“ Und Ministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) ist empört: „Wir machen für die Vergabe von Fördergeldern keine Vorgaben wie in China.“
Letztlich entscheide die unabhängige Expertenkommission darüber, ob der Produzent das eingeschickte Drehbuch kommentarlos zurückerhält. Die Kommission besteht in Hessen aus zehn Personen: unter anderen ein Vertreter des Finanzministeriums, ein Ministerialdirigent des Kulturministeriums hat Doppelstimmrecht. Gefördert wird neben anderen Bedingungen nur dann, wenn der Film einen „Hessen-Bezug“ hat. „Das kann die Besetzung mit hessischen Darstellern sein“, sagt die Ministerin. „Und wenn es schöne Bilder vom Land gibt, ist das auch okay.“
Kein Problem für „Schlussmacher“-Autor Wisotzky, der findet: „Teile Hessens sehen aus wie die Voralpen.“ Auch wer die künstlerische Freiheit hochhält, will auf das Staatsgeld nicht verzichten. „Fiele das Geld weg, wäre das jammerschade für den deutschen Film“, sagt Fabian Gasmia, ein junger, aufstrebender Berliner Produzent, der sich sogar noch mehr Förderung wie in Frankreich wünscht: Schließlich hat nicht jeder die Anziehungskraft eines Til Schweigers oder Matthias Schweighöfers, die sich einen Gutteil der Produktionskosten aus nichtstaatlichen Quellen beschaffen können.
Was Kundenorientierung heißt, das hat sich Schweighöfer bei seinem Fast-Namensvetter Schweiger abgeguckt. Jetzt haben die beiden den deutschen Filmmarkt praktisch untereinander aufgeteilt. Und der Konkurrenzkampf ist in vollem Gange. Momentan liegt Schweighöfer mit der romantischen Komödie „Schlussmacher“ vorne, doch wenn Schweigers romantische Komödie „Kokowääh 2“ an diesem Donnerstag in den Kinos startet, könnte sich das drehen.
Wer nach der „Kokowääh 2“-Permiere vorvergangenen Dienstag im Berliner Sony Center am Potsdamer Platz lang genug sitzen blieb, bekam im Abspann nach der Nennung der staatlichen Förderer eine weitere lange Liste zu sehen: mit dem „Who is Who“ der deutschen Privatwirtschaft. Denn die Firmen sind neben dem Staat auch ein dankbarer Quell von Filmgeld - wenn ihre Produkte darin präsentiert werden.
Auch Schweighöfer muss sich hinsichtlich der Anzahl solcher Sponsoren nicht verstecken. Was das sogenannte Product Placement angeht, hat er es „auf eine neue Spitze getrieben“, stellt der Reutlinger Business-School-Professor Carsten Rennhak, ein Experte auf dem Gebiet des Filmsponsorings, fest. Ein Viertel der Produktionskosten komme bei durchschnittlichen Filmen durch die Plazierung von Produkten (und das Honorar dafür) wieder rein, schätzt Rennhak: „Bei Schweighöfer kann das auch mal mehr sein.“
Wie geschaffen ist die Roadmovie-Story des „Schlussmacher“ für Hauptsponsor Mercedes. Die angestaubten Marke mit akutem Demographieproblem borgt sich beim Teenie-Star Schweighöfer einen Schuss Jugendlichkeit und schickt den Filmhelden in der neuen A-Klasse durch die Republik. Was Besucher über 30 nervt, ist dem Zielpublikum längst bekannt aus amerikanischen Blockbustern wie „I Robot“, ein als Zukunftsthriller verkleideter 115 Minuten langer Werbespot, in dem sich Will Smith vom Fed-Ex-Paketroboter strahlend neue Converse-Turnschuhe liefern lässt.
Mögen die Kunstsinnigen das Product Placement schmähen, die neue Garde der deutschen Drehbuchautoren wie Grimme-Preisträger Boran Dagtekin verrät im Interview: „Ich würde komplett alles mit Marken zupflastern, wenn die Firmen mir die Kohle dafür geben.“ Ein Drehbuch für ein Produkt umschreiben - kein Problem für den Autor des Erfolgsfilms „Türkisch für Anfänger“, „Wenn irgendwer einsteigt und das Budget unterstützt? Na klar.“
Normalerweise kümmern sich darum Mitarbeiter von Product-Placement-Agenturen wie die Stuttgarter Locavi. Sie erledigte bei „Schlussmacher“ für Mercedes die „Projekt- und Drehbuchanalyse“ mit „Plazierung der Fahrzeuge“ im Rahmen der Markeneinführung der neuen A-Klasse „mit Ansprache neuer Zielgruppe“.
Zahlen über die Höhe oder Art des Sponsorings verraten Unternehmen traditionell nicht. Branchenkenner schätzen im Fall des „Schlussmacher“, dass Mercedes-Mutterkonzern Daimler wohl einen Betrag in der Größenordnung von 300.000 Euro überwiesen hat.
Kein Wunder, dass Firmen da gerne schriftlich und detailliert festhalten, wann und wo ihr Produkt wie viele Sekunden ins Bild gesetzt wird: Drei Sekunden steuert der Hauptdarsteller hier das Lenkrad, fünf Sekunden da. 28 Sekunden insgesamt, entspricht einem Werbespot im Fernsehen. „Die lassen sich sogar die positive Lichtstimmung reinschreiben, in der die Dynamik des 08/15-Schlittens zur Geltung kommen soll“, berichtet ein Produzent.
Kostet die Plazierung des Fahrzeugs beispielsweise 300.000 Euro, entspricht das dem Gegenwert von zehn Werbespots im Dschungelcamp - in den Werbepausen, wohlgemerkt, nicht in der Handlung eines möglichen Kultfilms, der auf DVD zweitverwertet wird und danach im Fernsehen in unendlichen Wiederholungen schnell ein zweistelliges Millionenpublikum erreicht. „Schlussmacher“-Autor Wisotzky hat das Potential des Markts erkannt. Schon in der ersten Drehbuchfassung macht er regelmäßig Vorschläge zur Vermarktung der Handlung: „Wenn da einer im Film müde ist und wieder wach werden soll, schreibe ich eben die Red Bull-Dose mit rein.“
Interessant, Sie kennen also das Drehbuch?
Sven Fürll (Lerge)
- 07.02.2013, 17:13 Uhr
Stupid German Money
Julius Calvelage (julca)
- 07.02.2013, 16:03 Uhr
Gut so!!!!!!
Jan Hoffmann (Jaho)
- 07.02.2013, 14:23 Uhr
Die Zahlen Bayern 2011 sind falsch
Nikolaus Prediger (PredigerTamino)
- 07.02.2013, 14:16 Uhr