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Finanzdienstleister "Es gibt mehr als zehn Kaufinteressenten für BHW"

11.08.2005 ·  Mit dem Vorstandsvorsitzenden des Finanzdienstleisters sprach Johannes Ritter.

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Jahrelang fristete die BHW Holding AG ein Mauerblümchendasein an der Börse. Jetzt steht der Hamelner Finanzdienstleister zum Verkauf - und plötzlich herrscht großer Andrang der Investoren: "Es gibt deutlich mehr als zehn Kaufinteressenten aus dem In- und Ausland", sagt Henning Engmann im Gespräch mit dieser Zeitung - dem ersten Interview seit seinem Aufstieg an die Spitze des BHW-Vorstands Anfang Juli. Die Namen der Bewerber nennt Engmann nicht. "Das verbieten die Regeln des Bieterverfahrens." Aber einzelne Interessenten wie Postbank und Commerzbank haben selbst schon öffentlich ihr Übernahmeinteresse bekundet. Andere wie die Dresdner Bank und deren Mutterhaus Allianz werden in Finanzkreisen als Bewerber für die BHW-Aktienpakete gehandelt, die die Gewerkschaftsholding BGAG (Anteil: 39 Prozent) und der Deutsche Beamtenwirtschaftsbund (37 Prozent) gemeinsam verkaufen wollen (F.A.Z. vom 5. August).

Engmann gibt nur indirekt einen Hinweis darauf, welche weiteren Finanzhäuser den Finger gehoben und bei der mit dem Bieterverfahren betrauten Investmentbank Goldman Sachs das BHW-Informations-Memorandum bestellt haben könnten: "Auch unsere Kooperationspartner sind die natürlichen Interessenten für BHW. Sie kennen unser Geschäftsmodell und unsere Leistungsfähigkeit und verkaufen unsere Produkte im Markt." Zu den Kooperationspartnern der BHW zählen unter anderen Citibank und UBS. Ferner räumt Engmann ein, daß nicht nur Banken, sondern auch Versicherer an einem Engagement in Hameln interessiert seien.

Für Engmann ist das große Interesse nicht verwunderlich: "BHW ist eine Perle." Mit ihren 4,7 Millionen Kunden (davon 3,7 Millionen in Deutschland) und den rund 5500 Vertriebspartnern (davon 4300 in Deutschland) sei die Gruppe hervorragend im Markt positioniert. BHW sei der größte private Baufinanzierer und die zweitgrößte private Bausparkasse in Deutschland. Jenseits der Nutzung dieser Marktpräsenz könne ein Käufer seine eigenen Kreditbestände von der BHW-Kreditfabrik bearbeiten und abwickeln lassen. Denn auf diesem Gebiet sieht Engmann sein Haus hierzulande weit vorn: "In der standardisierten Bearbeitung von privaten Wohnungsdarlehen sind wir technisch führend." Die Ertragskraft des Konzerns ist allerdings nicht besonders hoch: Bei einer Bilanzsumme von 119 Milliarden Euro erwirtschaftete die Gruppe im vergangenen Jahr nur einen Nettogewinn von 64 Millionen Euro. Hauptverantwortlich hierfür ist freilich nicht das BHW-Stammgeschäft mit Häuslebauern, sondern das gewerbliche Immobilienkreditgeschäft. Die dafür zuständige Allgemeine Hypothekenbank Rheinboden AG (AHBR) trägt rund zwei Drittel der Bilanzsumme - und ist alles andere als eine Perle.

Wegen einer Zinsschieflage und der Anhäufung fauler Kredite ist die AHBR zu einem Sanierungsfall geworden, der die Eigentümer BHW und BGAG in den vergangenen Jahren zu Stützungsmaßnahmen im Volumen von 1,2 Milliarden Euro zwang. Die Eigentümer wollen BHW und AHBR zwar möglichst im Paket abgeben. Aber für die Hypothekenbank läuft ein separates Bieterverfahren, so daß je nach Angebotslage auch ein getrennter Verkauf möglich ist.

Es ist durchgesickert, daß drei amerikanische Finanzinvestoren - nämlich Cerberus, Lone Star und Christopher Flowers - ernsthaft an der AHBR interessiert sind. Engmann kommentiert dies nicht, betont aber: "Es gibt mehr als drei Interessenten." Zu den Bietern zählten Finanzinvestoren, die das Frankfurter Institut als Plattform für die Bearbeitung und Abwicklung von Kreditportfolien nutzen wollten, und strategische Investoren, die von der Marktposition der AHBR als zweitgrößter Hypothekenbank in Deutschland angezogen seien. Die Vermutung, daß als Verkaufspreis nicht mehr als der symbolische eine Euro herausspringen könnte, weist Engmann zurück. "Für die Zinsschieflage ist ausreichend Vorsorge getroffen. Und das Kreditbuch ist sauber. Das ist von der Einlagensicherung, also von unabhängiger Stelle, bestätigt worden." Auf Basis der bislang vorliegenden Angebote rechnet Engmann fest damit, daß der Verkaufserlös mindestens in Höhe des ausgewiesenen AHBR-Eigenkapitals von 592 Millionen Euro liegen wird.

Gemessen am Aktienkurs, ist die BHW Holding derzeit knapp 2,9 Milliarden Euro wert. Allerdings ist der Börsenkurs kein echter Indikator, weil nur rund 7 Prozent der Aktien breit gestreut sind. Im Markt wird der mögliche Kaufpreis für BHW (ohne AHBR) auf 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro geschätzt. Engmann hingegen kann sich vorstellen, daß sogar mehr als der aktuelle Börsenwert geboten wird. "Denn manch ein Bewerber wird sich genau ausrechnen, was es ihn kosten würde, eine Vertriebsmaschine a la BHW aus eigener Kraft aufzubauen." Noch liegen Goldman Sachs keine konkreten Offerten für BHW vor. Die Investmentbank wird die Interessenten wohl in Kürze auffordern, indikative Angebote abzugeben. Engmann vermutet, daß "eine Handvoll Bewerber" in den Datenraum gelassen werden soll, um einen tiefen Blick in die BHW-Bücher zu werfen. Bei den Kriterien zur Bewertung der Angebote stehe die Höhe des Kaufpreises nicht an erster Stelle. Wichtiger sei, daß sich die Geschäftsmodelle der Partner in spe ergänzten und daß der Standort Hameln erhalten bleibe. "Die Großaktionäre BGAG und Beamtenbund kommen aus einem Umfeld, in dem die Verantwortung für Arbeitsplätze großgeschrieben wird."

BHW beschäftigt in der Hamelner Hauptverwaltung gut 3100 Mitarbeiter. Damit ist der Finanzdienstleister der mit Abstand größte Arbeitgeber in dem niedersächsischen Städtchen an der Weser. Engmann bestätigt, daß sich Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) in den Verkaufsprozeß eingeschaltet hat, obwohl das Land - anders als bei VW - nicht Aktionär von BHW ist. "Ich stehe mit Herrn Wulff in enger Verbindung. Er nimmt Einfluß auf die Überlegungen der Investoren, Arbeitsplätze in Niedersachsen zu erhalten oder möglicherweise sogar auszubauen." Im Sinne der angestrebten Weiterentwicklung der Gruppe soll der Käufer nicht nur einen Milliardenbetrag auf den Tisch der Alteigentümer legen, sondern dem Objekt der Begierde darüber hinaus frisches Geld zur Verfügung stellen: "Wir brauchen zusätzliches Kapital für die weitere Expansion", sagt Engmann. Konkret wünscht er sich "einige hundert Millionen Euro", um die Produktpalette auszubauen und die Präsenz im Ausland zu stärken. "Wir prüfen den Markteintritt in Ländern, die an der Schwelle zur Aufnahme in die EU stehen. Dort gibt es enorme Wachstumschancen." Abhängig von Profil und Marktaufstellung des künftigen Eigentümers, sieht Engmann auch Felder, "in denen wir uns durch Zukäufe verstärken könnten".

Im Rennen um BHW gilt die Postbank bislang als Favorit. Sie könnte die BHW- Vertriebsplattform besonders gut gebrauchen und bekäme zugleich einen besseren Zugang zum wachsenden Markt für Altersvorsorgeprodukte. Außerdem hat die Postbank im März bereits gut 9 Prozent des Kapitals erworben und seither einen Sitz im BHW-Aufsichtsrat. "BHW paßt gut zur Postbank, aber ebenso gut auch zu einer Reihe weiterer Interessenten", widerspricht Engmann der Vermutung, daß die Würfel bereits zugunsten der Bonner gefallen sein könnten.

Möglicherweise überschätzt die Postbank aber auch das Potential der BHW. Deren Außendienstler verkaufen BHW-Bausparverträge, -Lebensversicherungen oder -Fondsanteile. Aber sind sie damit automatisch qualifiziert und fähig, zusätzlich auch noch die Finanzprodukte des künftigen BHW-Eigentümers unters Volk zu bringen? Auch im Hauptstandbein, dem Bauspargeschäft, sehen Kritiker Risiken: Wegen der langen Niedrigzinsphase drohe hier ein stetiger Margenverfall. Engmann widerspricht, ist von seiner Vertriebsmannschaft, die ausschließlich auf Erfolgsbasis, also nur bei Vertragsabschluß, bezahlt werde, überzeugt: Seine Leute könnten ohne weiteres auch mit neuen Produkten eines neuen Partners am Markt reüssieren. Im Bauspargeschäft wiederum müsse man sich immer auf veränderte Konditionen einstellen. Eine Gefahr für die Ertragskraft dieser Sparte sieht er nicht.

Quelle: F.A.Z., 12.08.2005, Nr. 186 / Seite 14
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