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Aktualisiert: 15.05.2017, 21:10 Uhr

Insolvente Drogeriemarktkette Früherer Finanzchef gibt „Schlecker-Frauen“ die Schuld

Gewerkschaften, Angestellte und ein Kreditversicherer: Der ehemalige Finanzchef der bankrotten Drogeriekette Schlecker holt vor Gericht zum Rundumschlag aus.

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© dapd Die „Schlecker-Frauen“ demonstrieren gegen die Folgen der Insolvenz (unser Bild zeigt einen Protest vom 7. Juni 2012).

Seit Anfang 2011 war Sami Sagur in der Neuausrichtung beim Drogerie-Filialisten Schlecker für Finanzen, Controlling sowie Personal verantwortlich. An diesem Montag sagte der frühere Finanz-Chef als Zeuge im Prozess gegen die Familie Schlecker aus. Nach seinen Worten hätte die Insolvenz des Unternehmens, durch die im Jahr 2012 mehr als 25.000 Mitarbeiter ihre Arbeitsstelle verloren, vermieden werden können.

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„Am Ende mussten wir Insolvenz anmelden wegen einer geplatzten Lastschrift“, sagte Sagur vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Stuttgart. In dem Prozess wirft die Anklage dem Gründer Anton Schlecker vor, dem Zugriff der Gläubiger Vermögenswerte in Höhe von mehr als 25 Millionen Euro entzogen zu haben.

Keine Bank wollte Kredit gewähren

Im Sitzungssaal holte Sagur zu einem Rundumschlag gegen Gewerkschaften, die Schlecker-Frauen sowie den Kreditversicherer Euler-Hermes und die Einkaufsgemeinschaft Markant aus. Die beiden letztgenannten waren im Januar 2012, nur wenige Tage vor Bekanntwerden der Insolvenz der Drogeriemarktkette, nicht mehr bereit, weitere finanzielle Risiken einzugehen.

Zur wirtschaftlichen Schieflage der Drogeriemarktkette führten mehrere Faktoren: Schlecker konnte einen fälligen Betrag nicht mehr bezahlen. Zudem musste neben dem operativen Geschäft zum Jahresbeginn auch die Weihnachtsware bezahlt werden.

Trotzdem, so betonte Sagur, hätte man das Ruder noch herumreißen können. Einen Verkaufserlös von 30 Millionen Euro für das Einkaufszentrum „Schleckerland“ am Stammsitz in Ehingen ging aber zu spät auf den Konten der Unternehmensgruppe ein: Keine Bank wollte Anton Schlecker weiteren Kredit gewähren.

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Einem Bericht der „Bild“ zufolge sorgte Sagurs Aussage für Verwunderung im Gerichtssaal, wonach die Schlecker-Frauen ihren Teil zur Pleite der Drogeriemarktkette beigetragen haben sollen. „Schlecker hat mit die höchsten Gehälter im Einzelhandel bezahlt“, sagte Sagur. Als Personalchef war er ab dem Jahr 2011 im Rahmen der Unternehmenssanierung schon für die Schließung zahlreicher Filialen und damit auch für Abfindungen an die Mitarbeiter verantwortlich.

Zudem sei den Mitarbeiterinnen noch zwei Monate vor der Insolvenz im Januar 2012 Weihnachtsgeld ausbezahlt worden. Auch das hat laut „Bild“ zur Pleite von Schlecker beigetragen. „Wenn wir mit der Insolvenz gerechnet hätten, wovon ich nicht ausgegangen bin, dann hätten wir wohl vehement das Weihnachtsgeld eingefordert“, bekräftigte der einstige Finanzchef Sagur vor Gericht.

Auch die Gewerkschaften, die eine Lösung beim Gehaltsverzicht blockiert haben sollen, ging er im Gerichtssaal hart an. „Es ist üblich, dass in einer Restrukturierung alle einen Beitrag leisten.“ Die Gewerkschaften hatten Anton Schlecker zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags im Januar 2012 in der Pflicht gesehen. Als Eigentümer trage er persönlich die Verantwortung für seine Beschäftigen, erklärte Verdi-Vorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger seinerzeit. Auf die am Montag erhobenen Vorwürfe von Sagur reagierte eine Sprecherin mit klaren Worten: „Schlecker ist am veralteten Geschäftsmodell, der Beratungsresistenz und völligen Intransparenz von Anton Schlecker gescheitert. Die Beschäftigten waren zu Gehaltsverzicht bereit, aber da war das Unternehmen bereits vor die Wand gefahren. Dieses Scheitern geht allein auf das Konto von Herrn Schlecker“.

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