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Fiat Zurück in der Spur

31.08.2006 ·  Die Wende bei Fiat trägt den Namen des Italo-Kanadiers Sergio Marchionne. Im Sommer 2004 übernahm er die Führung des Konzerns. Für Hinhaltetaktik und Klein-Klein blieben dem Manager keine Zeit, seine Methoden waren entsprechend - bislang mit Erfolg.

Von Tobias Piller, Rom
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Auf mehr als verdoppelte Aktienkurse in wenig mehr als einem Jahr wollten beim krisengeschüttelten Fahrzeugbauer Fiat noch vor einem Jahr nur wenige Börsianer wetten. Als die Turiner Bank San Paolo Imi im Herbst 2005 wie andere Kreditinstitute auch vertraglich gezwungen war, einen Teil ihrer Fiat-Kredite zu überhöhten Kursen in Aktienkapital umzuwandeln, warfen die Turiner Banker ihre Aktien sofort auf den Markt. Dabei ist die bei Fiat maßgebliche Familie Agnelli auch an der Bank beteiligt. Doch bei San Paolo Imi wollte die Spitze keine Spekulationen über die Zukunft von Fiat eingehen. Die Aktien, die im April 2005 weniger als 5 Euro wert waren und im Herbst 2005 zwischen 6 und 7 Euro notierten, werden derzeit wieder bei mehr als 11 Euro notiert.

Die Wende bei Fiat, die sich in den Aktienkursen niederschlug, gilt bei Fiat allein als das Werk des Italo-Kanadiers Sergio Marchionne, der im Sommer 2004 die Führung des Konzerns übernommen hat und seit Februar 2005 auch direkt die Autosparte führt. Marchionne konnte für das erste Halbjahr 2006 mit einem operativen Gewinn in allen Sparten des Konzerns glänzen, auch im jahrelang verlustbringenden Massengeschäft mit den Autos der Marken Fiat, Alfa Romeo und Lancia, die in der Tochtergesellschaft Fiat Auto zusammengefaßt sind.

Die ausländischen Analysten bleiben abwartend

Während noch im vergangenen Jahr der Fiat-Konzern im gewöhnlichen Geschäft nur ein ausgeglichenes Ergebnis erreichte und nur mit üppigen außerordentlichen Erträgen seine Bilanz verschönerte, ist Marchionne nun für 2006 dabei, ähnliche Zahlen allein mit dem Verkauf von Autos, Lastwagen, Traktoren und Zulieferteilen zu erreichen. Das operative Ergebnis im ersten Halbjahr ist von 407 Millionen auf 982 Millionen Euro gewachsen. Marchionne konnte es sich damit sogar erlauben, die eigenen Ertragsziele für das gesamte Jahr 2006 heraufzusetzen. Statt eines operativen Ertrags von 1,6 Milliarden Euro will er nun 1,85 Milliarden Euro erreichen und einen Nettogewinn von 800 Millionen Euro statt vorher 700 Millionen Euro.

Die Italiener empfehlen Fiat großzügig zum Kauf

Den verbesserten Zahlen zum Trotz zeigten sich die ausländischen Aktienanalysten dennoch abwartend, während die Italiener großzügig Kaufempfehlungen verteilt haben. Das entspricht auch der unterschiedlichen Wahrnehmung der Wende bei Fiat. Die wurde vor allem erreicht, indem die Autosparte wieder Erfolge einfahren konnte. Doch die hängen bisher alle an einem Modell, dem Kleinwagen "Fiat Grande Punto", das sich vor allem in Italien gut verkauft.

Außerhalb Italiens scheint die Autosparte noch Verluste zu schreiben. Ebenso gilt das für die Marken Alfa Romeo und Lancia. Die erzielten im ersten Halbjahr Absatzzahlen von etwa 80.000 und 60.000 Stück und sind daher noch weit weg von dem hochfliegenden Ziel, jeweils 300.000 Autos im Jahr zu verkaufen. Auch bei Fiat gibt es außer dem "Grande Punto" nur den Kleinstwagen "Panda" als Lichtblick. Von diesem Modell wurden im ersten Halbjahr alleine 120.000 Stück abgesetzt. Alle anderen Modelle können dagegen mit den Stückzahlen der Konkurrenz nicht mithalten.

Marchionne hat den Arbeitsstil bei Fiat verändert

Dennoch hat sich während der zwei Jahre unter der Führung von Marchionne bei Fiat mehr getan, als dies die Absatzzahlen bisher wiederspiegeln. Der Manager, der zuletzt in der Schweiz gearbeitet hatte, gab im Juli 2004 ein vernichtendes Urteil über den Konzern und seine Verwaltung ab: Hinter der Konkurrenz zurück, mit Nabelschau beschäftigt, ohne Kontakt zum Markt und im Zweifel nur an oberflächlichen Lösungen interessiert. In Piemont, dem Preußen Italiens, hatte sich der mehr als hundert Jahre alte, vom Staat verhätschelte und lange Zeit von der Mitregierung der Gewerkschaften gefesselte Konzern zu einer Bürokratie entwickelt, die in vielem mit der eines Staatsunternehmens vergleichbar war.

Sergio Marchionne, wegen der Existenzkrise des Fiat-Konzerns mit freier Hand für tiefgreifende Änderungen ausgestattet, hat entgegen aller Erwartungen den Arbeitsstil des Hauses drastisch geändert. Unter seiner Führung erhalten die Mitarbeiter klare Verantwortung und Ziele, ohne daß sich der oberste Chef weiterhin in Details einmischt und damit für etwaige Probleme mitverantwortlich ist. Zugleich werden nun vor allem im Autogeschäft Pläne und Hindernisse in einem großen Exekutivkomitee mit 27 Direktoren besprochen, wo oberflächliche Lösungen auf Kosten von anderen Abteilungen sofort zu Konflikten führen.

Fehlleistungen wurden mit Entlassung bestraft

Daneben gelang es Marchionne, sich innerhalb kurzer Zeit Respekt zu verschaffen, indem er Fehlleistungen sofort mit Entlassung bestrafte - was bis dahin bei Fiat als Unmöglichkeit erschien. "Er taucht überall dort auf, wo man ihn nicht erwartet", heißt es im Konzern. Sei es um sechs Uhr am Werkstor oder in der Fabrikhalle, sei es als scheinbar interessierter Autokäufer beim Fiat-Händler, sei es als freundlicher Gesprächspartner auf einem mit Fiat-Mitarbeitern überbesetzten Messestand - die Auftritte von Marchionne haben immer zu Konsequenzen und inzwischen zu vielfältigen Legenden geführt.

Der unumschränkte Chef, der inzwischen auch noch das Finanzressort übernommen hat und immer wieder sagt, er habe keine Zeit für Hinhaltetaktik und Klein-Klein, hat vor allem in der Autosparte junge und begeisterungsfähige Mitarbeiter aus der zweiten Reihe mit Verantwortung betraut und ist damit bisher gut gefahren. Sein nächster Prüfstein werden nun die Modelle in der hartumkämpften Golf-Klasse sein. Fiat will zu Beginn des kommenden Jahres den Nachfolger des glücklosen "Stilo" vorstellen. Bei der Vorstellung des Autos am 11. September 2001 hatten die damaligen Chefs noch großzügige Verkaufsziele von 350.000 Autos im Jahr genannt und dann nur einmal die Hälfte davon erreicht. Marchionne plant dagegen vorsichtiger: Das neue Modell, wieder mit dem alten Namen "Bravo", soll sich schon bei einem Absatz von 120.000 Stück im Jahr rechnen.

Quelle: F.A.Z., 31.08.2006, Nr. 202 / Seite 20
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