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Feuerwerkskörper : Die zündelnden Erben des Li Tian

Arbeiter in Feuerwerksmanufakturen in Liuyang Bild: Christian Geinitz / F.A.Z.

Nirgendwo auf der Welt wird mehr Feuerwerk hergestellt als im chinesischen Hunan. Zwei Drittel der deutschen Silvesterknaller kommen von hier. Aber inzwischen wächst auch der chinesische Markt.

          Nein, Angst habe er nicht bei der Arbeit, sagt der hochgewachsene Mann und füllt mit einem Sieb Schwarzpulver in die Knallkörper. „Wir wissen, was wir tun, und halten uns an die Auflagen.“ Der wichtigste Schutz in der Feuerwerksmanufaktur Xiang Feng ist der Steilhang. Jeder der mehr als einhundert Arbeitsplätze ist in den lehmigen Hügel eingegraben, nur nach oben und nach vorn stehen die engen Nischen offen. „Wenn wirklich etwas passiert, trifft es nicht gleich alle“, sagt der Arbeiter, „aber es passiert schon nichts.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Das zerklüftete Gebirge im Nordosten der Provinz Hunan sei einer der Gründe, warum sich die Pyrotechnik in der Region angesiedelt habe, erläutert Wang Dong, der das Feuerwerksbüro der Stadtverwaltung von Liuyang leitet. „Mindestens ebenso wichtig aber ist die Tradition seit Li Tian.“ Der weise Mann soll hier im 7. Jahrhundert mit dem – ebenfalls in China erfundenen – Schießpulver experimentiert und dabei die ersten Knallkörper zur Vertreibung böser Geister entwickelt haben. Bis heute verehrt die Branche den Langbärtigen in Prozessionen, in Feiern und mit viel Räucherwerk. Im Feuerwerksmuseum in der Landgemeinde Dayao überragt seine haushohe Statue einen Schrein, wie man ihn aus buddhistischen Klöstern kennt. Auf dem Gelände können treue Anhänger sogar an Li Tians Grab knien.

          Allabendlich Hunderte Test-Raketen

          „Wir haben 1400 Jahre Erfahrung“, sagt Wang, „nirgendwo wird mehr und besseres Feuerwerk hergestellt als hier.“ Damit das so bleibt, gibt es an der Technischen Hochschule der Provinzhauptstadt Changsha sogar einen eigenen Studiengang für Feuerwerkstechnik, angeblich den einzigen der Welt. Um die Produktqualität sicherzustellen und neue Kreationen auszuprobieren, schießen die Unternehmen allabendlich Hunderte von Test-Raketen, Vulkanen, Feuerwerksbatterien oder Kugelbomben in den Himmel über Liuyang. Dazu dient ihnen ein riesiger Festplatz am Fluss, auf dem alle zwei Jahre ein internationales Feuerwerksfestival stattfindet.

          Tests am Abschussgerät

          Nach Wangs Zahlen stammen 67 Prozent der Weltproduktion aus Liuyang, einer Stadt von der Größe Münchens in Südchina. In den mehr als 1700 Unternehmen seien 300.000 Arbeiter beschäftigt, die 40 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Stadt erbrächten. Angeblich steigt der Umsatz jedes Jahr um etwa 10 Prozent, 2010 sollen es 12 Milliarden Yuan (1,4 Milliarden Euro) geworden sein. Etwa 30 Prozent der Produktion geht ins Ausland, auch nach Deutschland. Nach Angaben des deutschen Verbands der Pyrotechnischen Industrie stammen zwei Drittel des Silvesterfeuerwerks aus Hunan.

          Gerupfter Export

          Doch die Bedeutung des Exports nimmt ab. Daran sind zum einen schärfere Schutzauflagen schuld. Im Februar 2008 explodierten im kantonesischen Sanshui 20 Lagerhäuser mit Feuerwerkskörpern, die für die Ausfuhr bestimmt waren. Seitdem haben sich die Hafen-, Transport- und Sicherheitskosten erhöht. Hinzu kommt, dass in der EU neuerdings eine Richtlinie zur Qualität von Feuerwerkskörpern gilt. Das an strenge Standards gewöhnte Deutschland und seine chinesischen Lieferanten haben damit keine Schwierigkeiten. Die Importeure in Ost- und Südeuropa müssen jetzt aber bessere Waren einkaufen, was viele Billighersteller in Fernost trifft.

          „Unser Export wurde in den letzten Jahren stark gerupft“, klagt Xiao Jiangyi, Direktor der Panda Fireworks Group in Liuyang. „Erst kamen die Explosionen in Sanshui, dann die Krisen in Amerika und Europa.“ Panda, das mit einer Geschäftseinheit an der Börse in Schanghai notiert ist, gilt als einer der größten Feuerwerkskonzerne der Welt. Jedes Jahr setzt die Gruppe etwa eine halbe Milliarde Yuan um (57 Millionen Euro), davon bis zur Hälfte im Ausland. In den vergangenen drei Jahren habe der Absatz um 15 bis 20 Prozent abgenommen, sagt Xiao.

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