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Ferrero Die geheimnisvolle Schokodynastie

21.11.2009 ·  „Milka“-Produzent Kraft greift nach dem Konkurrenten Cadbury, „Kit-Kat“-Hersteller Hershey will mit der Unterstützung von Ferrero dagegenhalten. Um die Familie Ferrero aus dem Piemont ranken sich viele Gerüchte in der Finanzwelt. Der Familienkonzern ist so solide finanziert, dass er nie einen Börsengang nötig hatte.

Von Tobias Piller, Rom
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So eine Familie wünscht sich jeder Investmentbanker als Kunde und jeder Ritter der Übernahmeschlachten als Verbündeten. Das Familienoberhaupt Michele Ferrero wird in den Ranglisten als der reichste Italiener geführt, mit einem geschätzten Vermögen von mehr als 9 Milliarden Euro. Und der Familienkonzern, der die Welt mit Nutella, Rocher, Kinder-Schokolade, Überraschungseiern und Tictac-Bonbons versorgt, ist so solide finanziert, dass er nie einen Börsengang nötig hatte.

Um die Familie Ferrero in Piemont ranken sich deshalb nun viele Gerüchte in der Londoner Finanzwelt. Schließlich geht es dort um den Schokoladenhersteller Cadbury, den der amerikanische Nahrungsmittelkonzern Kraft („Milka“) übernehmen will (siehe auch:Kraft Foods will Cadbury schlucken). Der kleinere amerikanische Süßwarenhersteller Hershey („Kitkat“) will den Konkurrenten nicht so einfach davonziehen lassen und hätte nun gerne die Ferreros als Verbündete für ein gemeinsames Gegenangebot.

Lange Zeit aus eigener Kraft gewachsen

Doch die Italiener zieren sich. Zunächst schien es, als wollten einige Banker mit Indiskretionen in einem Wirtschaftsblatt das Interesse der Familie wecken. Nun hat die Ferrero-Gruppe in einer dürren Verlautbarung mitgeteilt, man sei noch „in einem frühen Stadium der Prüfung unserer Optionen zu Cadbury“. Versprochen wurde nur, das Dossier Cadbury einmal anzusehen. Ob sich daraus ein ernsthaftes Engagement entwickelt, ist gerade im Hause Ferrero eine spannende Frage. Die führt nämlich geradewegs zu strategischen Weichenstellungen für die Familie und für den Konzern.

Der Patriarch Michele Ferrero, geboren 1925, war bisher strikt gegen jegliches Wachstum mit Übernahmen, ebenso wie gegen die Idee eines Börsengangs. Die Ferrero-Gruppe ist mit ihrer Expansion im Ausland, begonnen 1957 mit der Produktion von „Mon Cheri“ im hessischen Stadtallendorf, vielen anderen Unternehmen um Jahrzehnte zuvorgekommen und konnte daher bequem einen Markt nach dem anderen erobern. Wer heute international präsent sein will, muss gleichzeitig in vielen Märkten präsent sein und kommt an der Börse nicht vorbei. Die Ferreros dagegen wuchsen nur aus eigener Kraft und erzielten auch damit 2008 einen Jahresumsatz von 6,2 Milliarden Euro mit einem Nettogewinn von 98 Millionen Euro. Dagegen wären Pressekonferenzen oder Börsenpräsentationen für Michele Ferrero ein Greuel. Schließlich hält er sich mit aller Konsequenz vom mondänen Leben Italiens fern, das auf viele italienische Unternehmer große Anziehungskräfte entfaltet.

„Armer Unternehmer, reiches Unternehmen“

Die piemontesische Unternehmerfamilie orientiert sich dagegen an den eher calvinistischen Prinzipien, wie sie in Genua oder in manchen Tälern des italienischen Nordwestens gelten. Der Stammsitz Alba liegt in der Provinz Cuneo, die im Süden an die schroffen Berge des Apennins grenzt und deshalb von Turin aus gesehen ein abgelegenes Tal ohne Ausgang darstellt. Fleiß und Sparsamkeit waren die Maxime, um sich aus der Abgeschiedenheit emporzuarbeiten, und sie gelten heute noch. Daher predigen die Ferreros noch heute das Leitbild „armer Unternehmer, reiches Unternehmen“. Für diejenigen, die zu großem Wohlstand gekommen sind, bleibt es auf jeden Fall unfein, großen Besitz vorzuzeigen.

Karge Verhältnisse waren zudem auch Antriebskraft für die Produktideen der Ferreros. Micheles Vater, ein Konditor, suchte in der Nachkriegszeit nach Wegen, ohne die teuren Einfuhren an Rohkakao auszukommen, die für die Turiner Traditionsprodukte nötig waren. Zusammen mit dem Sohn experimentierte er mit einer Creme, in der ein Großteil des Kakao durch Creme aus den lokalen Haselnüssen ersetzt wurde. Auf diese Weise entstand der Nutella-Aufstrich, der auch sechzig Jahre später noch zu den Umsatzbringern des Konzerns gehört.

Auf der Flucht vor Entführungen

Michele Ferrero brachte immer wieder Produktinnovationen hervor, lebte aber sonst sehr traditionsgebunden, selbst als er mit Frau und Kindern zeitweise nach Brüssel ging, um den Gefahren des Terrorismus und der Entführungen zu entgehen. Selbst die Namen in der Familie künden von Traditionsbewusstsein. Der Patriarch Michele hatte seine Söhne mit den Namen des Vaters Pietro und des Onkels Giovanni getauft. Die Enkel heißen wiederum so wie der Großvater, Michele der Sohn von Giovanni, Michael der Spross des jungen Pietro.

Dennoch treten langsam Unterschiede im Lebensstil der jüngeren Ferreros zutage. Offiziell fungieren Pietro, geboren 1963, und der nur ein Jahr jüngere Bruder Giovanni, seit Ende der neunziger Jahre zusammen als Geschäftsführer der Ferrero-Gruppe, die ihren offiziellen Konzernsitz in Luxemburg hat. Der Ältere, Pietro, kümmert sich um Fragen der Produktion, hat aber auch Interesse für die Finanzwelt entwickelt. Die hat er unter anderem auch als Mitglied im Verwaltungsrat der Mailänder Mediobanca gesammelt, die in Norditalien noch immer eine graue Eminenz darstellt und erprobt ist in vielen Übernahmeschlachten. Mit täglichem Fahrradtraining rund um Alba erhält sich Pietro seine athletische Figur, zählte sogar zu den Teilnehmern von Radrennen für Amateure.

Der jüngere Bruder Giovanni gilt dagegen als introvertiert wie der Vater. Giovanni kümmert sich um das Marketing der Gruppe von Brüssel aus, wo er sein Hauptquartier aufgeschlagen hat. Dort kann er sich auf eine Truppe von Fachleuten stützen, aber auch auf ein Werbebudget, das einen dreistelligen Millionenbetrag erreicht. Im Gegensatz zum sportlichen Bruder Pietro schreibt der nachdenkliche Giovanni Ferrero Romane, die er trotz der Scheu gegenüber der Öffentlichkeit unter eigenem Namen publiziert hat. Die handeln von den Begegnungen zwischen reichen Europäern und armen afrikanischen Einwanderern oder von den Nachfolgeproblemen, die in einer traditionell geprägten Unternehmerfamilie mit einem beherrschenden Patriarchen auftauchen.

Neun von zehn Produktideen enden als Flop

Wenn nun die Familie Ferrero überlegen will, ob sie sich gemeinsam mit einem amerikanischen Konkurrenten in eine Übernahmeschlacht um ein englisches Unternehmen stürzen will, schälen sich unterschiedliche Vorstellungen heraus: Pietro wird nachgesagt, er wäre selbstsicher genug und auch bereit zum Risiko. Giovanni Ferrero gilt als zurückhaltend, doch andererseits will er nicht dem älteren Bruder in der Öffentlichkeit die alleinige Vertretung der Familie überlassen. Für den Patriarchen Michele dagegen ist das Londoner Parkett eine Welt, zu der er nicht gehören will. Die Wachstumsrezepte für sein Unternehmen - Familienbesitz, Verzicht auf die Börse, Festhalten an europäischen Produktionsstandorten und überdurchschnittliche Entlohnung - sind das Gegenteil dessen, was auf dem Londoner Parkett als schick gilt. Glanz- und machtvolle Auftritte, wie sie nötig sind, um in der Finanzwelt zu imponieren, gleiten aus der Sicht eines traditionsbewussten Piemontesen schnell ins Geckenhafte ab.

Für Michele Ferrero spielt sich das Unternehmerleben anderswo ab, vor allem bei der Suche nach neuen Produktideen und im Perfektionismus, der nötig ist, sich mit den aufwendig entwickelten Neuheiten dauerhaft am Markt zu behaupten. Schließlich enden gewöhnlich neun von zehn Produktideen als Flop. Michele Ferrero kann dagegen mit immer neuen Erfolgen glänzen. Produktinnovationen bringt er nur auf den Markt, wenn auch er selbst mit dem Geschmack zufrieden ist. Und er kann es sich noch immer erlauben, unerkannt im Supermarkt die Präsentation und Qualität seiner Produkte zu kontrollieren. Und die der Konkurrenz.

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Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

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