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Ferdinand Piëch Der Sieger

21.02.2007 ·  Er ist der Herrscher über Volkswagen. Mehr denn je. Die letzten Gegner strecken ihre Waffen - vor ihm, vom Schicksal dazu erwählt, das Erbe des bewunderten Großvaters Ferdinand Porsche fortzuführen. Es ist die Geschichte eines Besessenen.

Von Georg Meck
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Drei Dinge zählen im Leben des Ferdinand Piëch. Volkswagen, Familie, Geld. In dieser Reihenfolge. So bekennt er selbst. Insofern darf man sich ihn als glücklichen Menschen vorstellen, denn diese drei Dinge verbinden sich im Moment aufs trefflichste: Die Familie hat VW unter Kontrolle gebracht. Und sie verdient damit viel Geld.

Nie war die Herrschaft des Ferdinand Piëch vollkommener. Sein Clan hat über Porsche die Macht bei Europas größtem Autohersteller übernommen, das Land Niedersachsen ist abgemeldet, die Führungspositionen mit Vertrauten besetzt. Alle Versuche des Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU), sich dagegen zu stemmen, Piëch gar aus dem Konzern zu drängen, sind gescheitert. Im April, in den Tagen um seinen 70. Geburtstag, wird ihn der Aufsichtsrat für weitere fünf Jahre zu seinem Vorsitzenden wählen.

Stiller Genuss im Moment des Triumphes

Wulff kann dies nicht verhindern, nachdem alles darauf deutet, dass der Europäische Gerichtshof im Sommer das VW-Gesetz abschaffen wird: Das Land Niedersachsen verliert damit seine Veto-Macht. Dies verlangt die EU-Kommission seit Jahren, so argumentierte jetzt auch der Luxemburger Generalanwalt. Der Weg für Porsche als wichtigstem Eigner mit bald 30 Prozent der VW-Aktien ist damit frei. Und Wulff fügt sich in sein Los. Auf der Betriebsversammlung vorige Woche in den Wolfsburger Werkshallen beschwor er schon mal die neue Eintracht.

Ferdinand Piëch stand stumm daneben, im für ihn typischen Nadelstreifenanzug, mit dem typischen Piëch-Lächeln. Undurchschaubar, irgendwo zwischen milde und maliziös. Kein Wort des Triumphes hat der ehemalige VW-Chef in dieser Situation verloren. Das wäre auch nicht klug: Warum auf den am Boden liegenden Gegner noch eintreten? Zweifel, wer aus der Schlacht als Sieger hervorgeht, hatte der VW-Patriarch sowieso nie. Fiel es ihm doch schon schwer, Wulff als halbwegs respektablen Gegner zu akzeptieren: ein Politiker, emporgekommen über Ortsvereine und Parteigremien, gewählt vom Volk. Er dagegen, der Milliardär, vom Schicksal dazu erwählt, das Erbe des bewunderten Großvaters Ferdinand Porsche fortzuführen.

Hochachtung vor dem Werk der Vorfahren

Der geniale Techniker hatte nicht nur den Käfer erfunden, sondern auch die ersten Fertigungshallen in Wolfsburg gebaut. Sohn Ferry hat sich später um den Aufbau der Sportwagenfabrik Porsche in Stuttgart gekümmert, Tochter Louise - Piëchs Mutter - um die Porsche-Holding in Salzburg. Dahinter steckt heute der größte Autohändler Europas, nicht zuletzt dank der Lizenzen aus Wolfsburg.

Mit dem VW-Einstieg von Porsche im Jahr 2005 fügte sich für Ferdinand Piëch zusammen, was schon immer zusammengehört: VW, Familie, Geld. Das Erbe zu bewahren ist ihm zu wenig. Es zu mehren, seine Pflicht. "Meine Haltung zum Geldverdienen war immer: möglichst nichts vom Ererbten anfassen. Erben ist eine Glückssache. Aber das ist kein Recht, es zu verspielen oder zu vergeuden." Niemanden verachtet Piëch mehr als die Enkel, die das Geschaffene der Vorfahren mit Saus und Braus durchbringen. "Diese Erbengesellschaft widert mich richtig an."

Ruppig, brutal, grausam Richtung Platz eins

Piëch selbst mokiert sich gerne über die laienpsychologischen Versuche, seine Motivation aus der Herkunft, dem Gedanken an die Dynastie herzuleiten. Das allein ist es nicht. Ihn treibt eine historische Mission, es geht um einen Platz in der Geschichte, um seinen eigenen wohlgemerkt. In seiner aktiven Zeit als VW-Chef hatten ihn amerikanische Medien zum Automanager des Jahrhunderts gewählt. In fünf Jahren, wenn er bei Volkswagen abtritt, will er den Konzern auf Platz eins in der Welt sehen. Toyota sei der Maßstab, das propagieren Piëchs wichtigste Manager, VW-Chef Martin Winterkorn und Porsche-Lenker Wendelin Wiedeking.

In dieser Mission lässt der VW-Herrscher sich nicht beirren. Ruppig, brutal, bisweilen grausam geht er dabei vor. Der Mann sei ein Genie, entschuldigen Bewunderer. Einen Autisten nennen ihn seine Gegner und Opfer. Tatsache ist: Der Mann verströmt bisweilen eine Kälte, zu der kein gewöhnlicher Manager fähig ist. Niemand schweigt bedrohlicher als Ferdinand Piëch, minutenlang lässt er sein Gegenüber im Ungefähren. Bei Bedarf zerstört er Karrieren mit einem Satz. "Unsere Anwälte nehmen mit den Ihrigen Kontakt auf." Mehr Worte braucht er nicht, um Kündigungen auszusprechen. "Ich habe hohe Ansprüche. Kann sein, dass das manchen Angst einflößt", sagte er mal im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Schlechte Vorstände zu feuern bringe doppelten Gewinn: "Bei uns richtet er keinen Unsinn an. Und er kriegt ein gutes Zeugnis, wenn er zum Wettbewerber geht. Bis die merken, was wir angestellt haben, vergehen drei Jahre."

Hingabe an seine vierrädrigen Lieblinge

Mit solcher Lust inszeniert Piëch diese Härte, dass der Verdacht naheliegt, er verpflichte manche Manager nur, um sie hinterher zu meucheln. So hatte er Bernd Pischetsrieder, den er im Herbst abgesägt hat, einst selbst als Nachfolger ausgewählt. Er habe jemanden gesucht, der besser sei als er selbst, hatte Piëch gesagt - wahrscheinlich schon damals eine Lüge. Kaum vorstellbar, dass es im Kopf des Ferdinand Piëch einen fähigeren Automanager gibt als Ferdinand Piëch. Bei ihm hat sich die Erkenntnis verfestigt, Techniker seien unübertreffliche Manager. "Sie können genauso gut rechnen wie Kaufleute. Und sie beherrschen dazu die Technik. Umgekehrt geht das nicht."

Vertriebsleute straft er mit Verachtung. Die Finanzen sind sein blinder Fleck, auch für die Produktion braucht er fähige Helfer. "Piëchs Ehrgeiz war nie die optimale Fabrik, sondern das optimale Auto", sagt einer, der ihn lange kennt. Die Hingabe an seine vierrädrigen Lieblinge verlangt er von allen Untergebenen. Während der Testfahrten, an denen der Patriarch bis heute teilnimmt, erschnuppern sie die Stimmung am Hofe. Die besten Karten hat, wer mit ihm im Wagen sitzen darf. Auch das folgende Fahrzeug gibt Anlass zu Hoffnungen. Wer am Ende der Karawane fährt, sollte besser über einen neuen Job nachdenken. "Insofern ist Piëch berechenbar in seiner ganzen Unberechenbarkeit", sagt einer aus dem VW-Konzern. "Er arbeitet mit Symbolen. Daran ist immer ablesen, wer in der Gunst wo steht."

Natürlich funktioniert diese Art zu führen in keinem gewöhnlichen Konzern. Aber Volkswagen ist auch kein normaler Konzern, das war er noch nie. VW war von Beginn an ein politisches Projekt, kein ökonomisches. Adolf Hitler verlangte von der Industrie, einen für jedermann erschwinglichen Kleinwagen zu bauen. Ferdinand Porsche ("ein unpolitischer Mensch"), habe sich nach den politischen Verhältnissen ausgerichtet, sagt Piëch: "Er konnte die Herrschenden dafür gewinnen, etwas zu tun, was er gern hätte."

Er ist ein Meister der schamlosen Instrumentalisierung

Nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs in Wolfsburg dann das Versuchsfeld für die angebliche Versöhnung von Arbeit und Kapital, ein Art volkseigener Betrieb, in dem nichts läuft ohne die IG Metall. Das daraus erwachsene System der gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen Vorstand und Betriebsrat hat Piëch nicht erfunden. Wohl aber nutzt er es so bedingungslos für eigene Zwecke wie niemand vor ihm.

So fremd ihm die kleinbürgerlichen Gewerkschaftsfunktionäre persönlich sind, so schamlos instrumentalisiert er sie. Wenn er Bugatti haben will, dann kauft er Bugatti. Und wenn es einen Preis hat, dass dabei niemand seine Kreise stört, dann zahlt er den. Und sei es an irgendwelche Betriebsräte, damit die seine Pläne im Aufsichtsrat abnicken.

Peter Hartz, der ehemalige VW-Personalvorstand, ist inzwischen verurteilt worden in dem Skandal um Lustreisen und Sonderboni, der heute für das System VW steht. Piëch will von all dem nichts gewusst haben. Einen Beleg für seine Mittäterschaft haben die Ermittler nicht gefunden. Ungerührt hat der Aufsichtsratschef die Affäre ausgesessen, ebenso die Kritik an seinen Verstößen gegen den Corporate-Governance-Kodex und die Vorwürfe angelsächsischer Investoren. All das lässt ihn kalt. Was zählt, sind VW, Familie, Geld. In dieser Reihenfolge.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 44
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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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