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Feindbild Bank : Wieso hassen alle Goldman Sachs?

  • -Aktualisiert am

Goldmans Deutschland-Chef Alexander Dibelius mit Freundin. Bild: BrauerPhotos (c) G.Schober

Die amerikanische Investmentbank ist Symbol für den bösen Finanzkapitalismus. Ihretwegen ist sogar die Regierung in Dänemark auseinander gebrochen.

          Ein blassgelbes Transparent verhüllte am Mittwoch den Sockel der Reiterstatue vor dem dänischen Parlament in Kopenhagen. Darauf zu sehen: ein Krake mit weit aufgerissenem Maul, der offenbar kurz davor ist, sich seine Umgebung einzuverleiben. Die dazugehörige Aufschrift: „Goldman Sachs“. Rings um die Statue protestierten Tausende Dänen gegen die Entscheidung der Regierung, Anteile der staatlichen Energiegesellschaft an die amerikanische Investmentbank zu verkaufen. Rund 200.000 ihrer Landsleute hatten zuvor im Internet eine Petition gegen den Verkauf unterzeichnet, eine stattliche Zahl in einem Land, dessen Bevölkerung aus gerade einmal fünfeinhalb Millionen Menschen besteht. Und damit nicht genug: Einen Tag später hatte sich der Streit derart aufgeheizt, dass daran die Regierungskoalition zerbrach.

          Nun hätte es die dänische Regierungskrise vielleicht auch ohne die Beteiligung von Goldman Sachs gegeben, zwischen den Koalitionspartnern herrschte schon öfter wirtschaftspolitischer Knatsch. Aber rekordverdächtige Unterschriftenzahlen unter Petitionen und Bürger, die auf die Straße gehen, weil ein verschuldetes Staatsunternehmen frisches Kapital bekommt?

          Eine andere Erklärung liegt näher: Wo Goldman Sachs auftaucht, sehen die Leute rot. Das New Yorker Finanzhaus steht mittlerweile stellvertretend für alles Übel, das jemals aus der Finanzwelt kam oder zu kommen schien. „Bis vor wenigen Jahren wurde man dafür bewundert, dort gearbeitet zu haben“, sagt Philip Murphy, der frühere amerikanische Botschafter in Deutschland und langjähriger Goldman-Sachs-Mitarbeiter. „Es war so, als hätte man an einer besonders guten Universität studiert.“

          „Ein Vampirkrake“

          Diese Bewunderung ist mit der Finanzkrise in Angst und Verachtung umgeschlagen. Keine Theorie über die Machtverteilung in der amerikanischen Regierung, in der nicht irgendwo die ehemaligen Goldman-Sachs-Mitarbeiter in den Ministerien Erwähnung finden, kein Bericht über den EZB-Präsidenten Mario Draghi ohne den süffisanten Hinweis auf seine Vergangenheit bei der Bank – an der Spitze der europäischen Geldpolitik stehe, so wird suggeriert, ein Agent des Finanzkapitals. Dabei hat Draghi in seiner langen Karriere nur ein einziges Jahr bei Goldman Sachs verbracht.

          Nun gibt es gute Gründe, das Gebaren der Investmentbanken in der Finanzkrise zu verurteilen. Doch der Hass auf Goldman Sachs bewegt sich in anderen Dimensionen: Der Vergleich des amerikanischen Journalisten Matt Taibbi, Goldman Sachs sei ein „Vampirkrake“, der die Menschheit aussauge, ist zum geflügelten Wort geworden. In Internetforen werden auch Jahre nach der Finanzkrise Geldpreise dafür ausgelobt, Mitarbeiter der Bank anzugreifen: Spucken 10 Dollar, Anpinkeln 20, Zahlung nach Bereitstellung von filmischem Beweismaterial über Paypal.

          Auf jeden Artikel über Goldman Sachs gibt es Leserreaktionen, die die Bank mit der Mafia vergleichen und fordern, man solle sämtliche Mitarbeiter „in den Knast“ bringen. Am Rosenkrieg von Goldmans Deutschland-Chef Alexander Dibelius ergötzt sich das ganze Land. Und ein Twitter-Account, der vorgeblich die Fahrstuhlgespräche bei Goldman Sachs dokumentiert, hat wohl vor allem deswegen Hunderttausende Abonnenten, weil die fiesen Kommentare sich so nahtlos in das negative Bild einfügen, das sich viele von der Bank machen.

          Murphy glaubt, dass Goldman Sachs wegen seiner Position an der Spitze der Finanzindustrie zum Sündenbock wurde: „Alle großen Banken haben ihren guten Ruf verloren, aber Goldman wurde als Anführer gesehen. Das hat sich festgesetzt.“ Der arrogante Ton, den die oberen Chargen der Bank im Umgang mit der Öffentlichkeit pflegten, tat ein Übriges, das Feindbild zu zementieren: „Gottes Werk“ tue er, ließ Goldman-Chef Lloyd Blankfein im Jahr 2009 im Interview mit der Londoner Zeitung „The Times“ verlauten.

          „Wir nutzen Feindbilder, um uns die Welt verständlich zu machen“, sagt Rolf van Dick, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt. Wir beschränken unsere Wahrnehmung auf einen kleinen wahren Kern, damit wir an der Komplexität nicht irrewerden – gerade bei großen Umwälzungen wie der Finanzkrise. Und ist ein starkes Bild einmal in der Welt, wird es schnell instrumentalisiert. Goldman Sachs wird wohl noch eine Weile der böse Vampirkrake bleiben.

          Quelle: F.A.S.

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