Sie waren gekommen, schlechte Nachrichten zu überbringen. Und an ihren versteinerten Mienen war ablesbar, wie schlecht die Zahlen sind. General-Motors-Europa-Chairman Fritz Henderson und sein Vize Carl-Peter Forster planen das radikalste Sparprogramm in der achtzigjährigen Geschichte des amerikanischen Autoherstellers in Europa.
Es trifft das deutsche Geschäft der Tochtergesellschaft Opel besonders hart. "Wir werden bis Ende 2005 in Europa 12.000 Stellen abbauen. Deutschland wird die Hauptlast schultern müssen", sagte Henderson am Donnerstag gegenüber dieser Zeitung. "Die großen deutschen Werke Rüsselsheim und Bochum sind am wenigsten wettbewerbsfähig", ergänzte Forster.
„Bis 2006 werden wir ohne Werksschließung auskommen...“
Besonders betroffen sind die Produktion und die Produktentwicklung. Alle Stellen sollen bereits 2005 wegfallen, wobei die Abfindungszahlungen auch noch das Ergebnis des Geschäftsjahres 2006 belasten können. Insgesamt wollen Henderson und Forster jährlich 500 Millionen Euro Kosten sparen. Weder betriebsbedingte Kündigungen noch die Schließung eines Werkes konnten die beiden am Donnerstag ausschließen. "Bis 2006 werden wir ohne Werksschließung auskommen. Darüber hinaus können wir aber nichts garantieren", sagte Henderson.
Er verwies darauf, daß GM schon heute in der Lage sei, in jedem seiner Werke in der Welt eine hohe Qualität zu fertigen. Und das gelte für alle Marken, auch für die imageträchtige Marke Saab. Dieser Hinweis darf als Kampfansage an das schwedische Werk Trollhättan gewertet werden, das mit Rüsselsheim um den Folgeauftrag zur Produktion der Mittelklasse (Opel Vectra und Saab 9.3) konkurriert. Eine Entscheidung darüber soll spätestens im ersten Quartal 2005 fallen. Von 2008 an soll das neue Modell nur noch in einem Werk vom Band laufen. Das sei heute nur deshalb noch nicht machbar, weil Opel Vectra und Saab 9.3 noch zu unterschiedlich konstruiert seien, erklärte Henderson. "Für das in diesem Wettbewerb unterlegene Werk bedeutet das nicht automatisch das Aus. Es wird aber ungemütlich werden."
"Mit dem Festhalten an Garantien kann man kein Problem lösen"
Wie groß der deutsche Sanierungsbeitrag am Ende sein wird, darüber wollen die GM-Manager mit den Betriebsräten und der Gewerkschaft verhandeln. Nach Informationen dieser Zeitung sollen hierzulande fast 10.000 der insgesamt 32.000 deutschen Arbeitsplätze wegfallen; Je 4000 stehen im Stammwerk in Rüsselsheim und in Bochum auf dem Spiel, der kleinere Rest entfällt auf das Komponentenwerk Kaiserslautern. Im Technischen Entwicklungszentrum in Rüsselsheim sind mindestens 1000 Arbeitsplätze gefährdet. Für alle von der Entlassung betroffenen Mitarbeiter will Opel gemeinsam mit der Arbeitsagentur und der Politik eine Vermittlungs- und Qualifizierungsgesellschaft auflegen.
Die Verhandlungen dürften kompliziert werden, weil Opel durch diverse Standortsicherungsverträge die Hände gebunden sind. "Mit dem Festhalten an Garantien kann man aber kein wirtschaftliches Problem lösen", sagte Forster. Auch das Management werde seinen Beitrag leisten. Der solle etwa 15 Prozent betragen und vorrangig durch die Verkleinerung der Führungsmannschaft erbracht werden. Die übrigen verzichteten zwar nicht auf festes Gehalt, müßten aber mit eingeschränkten Boni rechnen. Einen "Restrukturierungsbonus", von dem die Führungsetage nach der Sanierung wieder profitieren würde, gebe es bei Opel im übrigen nicht.
„Schlimmste Situation, die ich bei GM je erlebt habe"
Daß die Einschnitte nun so drastisch ausfallen, begründeten Henderson und Forster mit der schlechten Marktentwicklung, den hohen Rabatten und den immer noch zu hohen Fixkosten. "Würden wir in Deutschland zu denselben Bruttolöhnen wie in Frankreich produzieren", rechnete Forster vor, "dann fiele unser Jahresergebnis um 500 bis 700 Millionen Euro günstiger aus." Dabei hat der einstige BMW-Vorstand, der 2001 die Führung bei Opel in Rüsselsheim angetreten hatte, drei Jahre lang mit dem Sanierungsprogram "Olympia" die Kosten gesenkt und Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut - allerdings weniger als zu Beginn angekündigt. Erst im November 2003 war unter Forster zusätzlich das Programm "30 plus" aufgelegt worden, das in Rüsselsheim wegen der Unterbeschäftigung eine um fünf Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit von 30 Stunden vorsieht - bei nur geringem Lohnausgleich für die Mitarbeiter.
Es hat offenkundig nicht gereicht. Das jedenfalls ist das für alle Opel-Beschäftigten niederschmetternde Ergebnis der am Donnerstag präsentierten Eckzahlen. Hendersons Lagebeschreibung fiel ernüchternd aus: "Wir verlieren in Europa viel Geld. Wir sind in der schlimmsten Situation, die ich bei GM je erlebt habe." Der 44 Jahre alte Amerikaner mit dem dünnen Schnauzbart ist seit 1988 bei GM. Im Juni hat er als Nachfolger des glücklosen Mike Burns die Verantwortung für das Europa-Geschäft mit den GM-Marken Opel, Vauxhall und Saab übernommen. Seitdem hat er das Tempo der Sanierung enorm gesteigert, hat die weitgehend unabhängig tätigen Marken eng an die Leine genommen, Doppel- und Dreifacharbeiten beendet. Doch das war erst der bescheidene Anfang.
"Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht"
Das nun angekündigte Sanierungsprogramm wird zahlreiche Bereiche umfassen. Europäische Entwicklungsaktivitäten sollen etwa in den globalen Fahrzeugentwicklungsprozeß von GM eingebunden werden - "da, wo es der Endkunde nicht merkt", sagte Forster und nannte als Beispiel die globale Entwicklung eines Türschlosses. Auch die Ressorts Vertrieb, Marketing und Service werden restrukturiert und Werbeausgaben überprüft. Schon beschlossen ist der Rückzug aus der Rennserie Deutsche Tourenwagenmeisterschaft (DTM) nach der Saison 2005.
Henderson und Forster wollen nicht mehr auf den Rückenwind vom Markt warten. "Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht", stellte Henderson klar. Opel müsse als Massenhersteller hohe Rabatte gewähren, als Resultat davon müsse GM in Europa einen Verlust hinnehmen, nun schon zum sechsten Mal in Folge. Früheren Planungen zufolge hätte 2004 ein zumindest ausgeglichenes Ergebnis erzielt werden sollen. Das hatte GM im Vorjahr angekündigt, als ein Verlust im Europa-Geschäft von 286 Millionen Dollar angezeigt werden mußte.
"Mehrarbeit nützt uns überhaupt nichts“
Und auch das dritte Quartal 2004 ist nach den Worten von Henderson alles andere als zufriedenstellend verlaufen. Angeblich werden am Jahresende 400 bis 500 Millionen Euro Verlust stehen. Das kommentierte Henderson nicht, sagte aber: "Aufgrund der seit 1999 erlittenen Verluste und der Tatsache, daß es keinen konkreten Hinweis auf eine Verbesserung der Markt- und Wirtschaftslage gibt, haben wir keine andere Wahl mehr." Er fügte hinzu: "Mehrarbeit nützt uns überhaupt nichts. Wir haben ja Überkapazitäten."
Deshalb ist es für das europäische Führungsduo von GM oberstes Ziel, die Kapazitäten in den großen Werken zu reduzieren. Drei-Schicht-Betrieb ist der erklärte Wunsch für alle Werke. Und auch wenn ein interner Kostenvergleich aller GM-Werke in Europa ergeben hat, daß die deutschen Standorte schlecht abschneiden, während das polnische Werk in Gleiwitz aufgrund niedriger Lohnkosten führend ist, wollte Forster den Standort Deutschland nicht in Gänze schlechtreden: "Unser Werk in Eisenach zeigt, daß es auch in Deutschland geht." Dort werden Opel Astra und Corsa zum IG-Metall-Tarif gefertigt. In Bochum und Rüsselsheim liegen die Kosten laut Forster 20 Prozent über dem Manteltarifvertrag. Die zu hohen Lohnkosten in Bochum hatte GM im Sommer schon als Grund für die Verlagerung eines Teils der Produktion des Zafira-Nachfolgers nach Gleiwitz angeführt. Bisher wird der erfolgreiche Minivan ausschließlich in Bochum gebaut.
Henderson und Forster stellen sich auf harte Verhandlungen mit Betriebsräten und Gewerkschaften ein. Daß es ihnen mit den Ankündigungen Ernst ist, daran ließen sie am Donnerstag keinen Zweifel. Daß sie mit ihrer Radikalkur dem Volkswagen-Konzern in dessen laufender Tarifverhandlung Schützenhilfe gegenüber der Gewerkschaft leisten, ist beiden nach eigener Aussage egal: "Wir kümmern uns nur um unsere Probleme. Unsere Wettbewerber haben ihre eigenen Herausforderungen."
