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FAZ.NET-Spezial Ende der Gemütlichkeit bei VW

24.10.2007 ·  Unter der schützenden Decke des VW-Gesetzes hat man es sich in Wolfsburg jahrzehntelang gemütlich gemacht. Das war reiner Protektionismus. Nun könnte VW zu einem ganz normalen Unternehmen werden. Ein Kommentar von Johannes Ritter.

Von Johannes Ritter
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Mit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum VW-Gesetz beginnt für Volkswagen eine neue Zeitrechnung. Europas größter Automobilhersteller wird schon bald zu einer Tochtergesellschaft des kleinen Sportwagenbauers Porsche. Das gefällt nicht allen in Wolfsburg. Gleichwohl kann dies für die weitere Entwicklung von VW von Vorteil sein.

Das VW-Gesetz von 1960 war reiner Protektionismus; es sollte den Volkswagen-Konzern vor dem harten Wind des Wettbewerbs schützen. Der Windabweiser war die Stimmrechtsbeschränkung: Jeder Aktionär hat maximal 20 Prozent der Stimmrechte – gleichgültig wie viele Aktien er besitzt. Diese Regelung machte Volkswagen als Übernahmekandidat uninteressant und sicherte den Einfluss des Landes Niedersachsens, das bis heute mit 20 Prozent an VW beteiligt ist.

Gemütlich unter der schützenden Decke

Unter der schützenden Decke dieses Gesetzes hat man es sich in Wolfsburg jahrzehntelang gemütlich gemacht. VW zahlte seinen Mitarbeitern die höchsten Löhne der ganzen Branche, obwohl sie viel mehr Zeit brauchten um ein Auto zu bauen als die Wettbewerber. Selbst als der Konzern Anfang der neunziger Jahre unter den hohen Arbeits- und Produktionskosten zu ersticken drohte, scheute man vor harten Einschnitten zurück. Die vom damaligen Personalvorstand Peter Hartz erfundene Vier-Tage-Woche ist ein typisches Beispiel dafür, wie die Interessen der Landespolitiker im Aufsichtsrat mit denen der Betriebsräte und Gewerkschaften vereint und zulasten der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens durchgesetzt wurden.

Nach dem Wegfall der Stimmrechtsbeschränkung könnte VW zu einem normalen Unternehmen werden. Denn nun ist der Weg frei zur mehrheitlichen Übernahme durch Porsche. Der Stuttgarter Sportwagenbauer, der bereits 31 Prozent der Stammaktien besitzt, wird seinen VW-Anteil früher oder später auf etwas mehr als 50 Prozent erhöhen und dann ein entsprechend großes Stimmrecht haben. Porsche-Vorstandschef Wiedeking wird weitere Aufsichtsratsmandate für seine Mannschaft bekommen und so zunehmend das Ruder in Wolfsburg in die Hand nehmen. Schon jetzt hinterfragt Wiedeking im Kontrollgremium Kostenstrukturen im Konzern und mischt sich in die Modell- und Markenpolitik ein. Besorgt registrieren die um ihre Macht fürchtenden VW-Vorstände dass zunächst nicht einmal VW-Vorstandschef Martin Winterkorn in den Vorstand der neu gegründeten Porsche Holding SE einziehen soll. Unter dem Dach dieser europäischen Aktiengesellschaft werden die Porsche-Eigentümerfamilien Porsche und Piëch ihre VW-Beteiligung halten. Im Aufsichtsrat dieser Holding werden die VW-Arbeitnehmervertreter deutlich weniger Gewicht haben als bei Volkswagen selbst.

Pfiffige Konstruktion

Mit dieser pfiffigen Konstruktion hat Wiedeking die Grundlage geschaffen, um bei VW durchzugreifen, ohne die unternehmerische Selbständigkeit der erfolgreichen Schwestergesellschaft Porsche AG anzutasten. Die Frage ist allerdings: Kann Wiedeking bei VW wirklich so aufräumen, wie er es für richtig erachtet? Nicht er, sondern Ferdinand Piëch steht an der Spitze des VW-Aufsichtsrates. Der machtbewusste Enkel des „Käfer“-Erfinders Ferdinand Porsche hängt an Prestigeobjekten wie Phaeton, Lamborghini, Bugatti und Bentley, die wohl niemals ihre Investitionskosten einspielen. Wiedeking hingegen hält nichts von „teuren Spielereien“. Auch die offene Attacke auf die Pfründe der VW-Arbeiter, mit der Wiedeking den Betriebsrat in Wolfsburg auf die Palme brachte, dürfte Piëch missfallen haben. Denn Piëch verdankt seine Wiederwahl zum Chefkontrolleur nicht zuletzt dem Schulterschluss mit der Arbeitnehmerbank.

Wenn Wiedeking es tatsächlich wagt, dem mächtigen Piëch die Stirn zu bieten, braucht er starke Rückendeckung. Die scheint er von der Porsche-Familie zu bekommen, die auf der Aktionärswaage des Sportwagenbauers ein leichtes Übergewicht hat gegenüber dem Piëch-Clan. Die Porsches wissen genau, dass das milliardenschwere Engagement bei Volkswagen nicht frei von Risiken ist. Denn hier wedelt der Schwanz mit dem Hund: Die kleine Porsche AG mit sieben Milliarden Euro Umsatz übernimmt einen Konzern, der mehr als 100 Milliarden Euro umsetzt. Wenn da etwas schief geht, ist ruckzuck auch das Vermögen der sparsamen Familie in Gefahr. Von Wiedeking wird also erwartet, dass Volkswagen den alten Schlendrian ablegt und in jeder einzelnen Einheit ordentlich Geld verdient.

Und wie reagiert Niedersachsen auf das Ende des VW-Gesetzes? Ministerpräsident Wulff will die Landesbeteiligung behalten, obwohl er fortan kaum noch Einfluss hat auf die Geschicke in Wolfsburg. Das ist die falsche Reaktion. Schon aus ordnungspolitischen Gründen sollte Wulff die Anteile verkaufen. Zudem ist der Moment günstig, denn nie war der VW-Aktienkurs höher als heute. Mit den Erlösen von bis zu 10 Milliarden Euro ließe sich viel Vernünftiges anfangen. Mit dieser Aussicht sollte Wulff auch im Landtagswahlkampf die Niedersachsen über die vermeintliche Kälte des Kapitalmarktes hinwegtrösten können, dem die Luxemburger Richter nun die VW-Tür geöffnet haben.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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