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FAZ.NET-Spezial Das Experiment beginnt

16.02.2005 ·  Viele wissenschaftliche und politische Debatten wurden geführt bis das Kyoto-Protokol zustande kam. Nun tritt das Abkommen in Kraft, ein gigantisches Experiment mit ungewissem Ausgang - ein politisches mindestens ebenso wie ein wissenschaftliches. FAZ.NET-Spezial

Von Joachim Müller-Jung
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Es gibt nicht viele völkerrechtliche Abkommen, die schon am Tag des Inkrafttreten eine Festtagsstimmung zu erzeugen vermögen, wie es das Kyoto-Protokoll tut. In Bonn, dem Sitz des Sekretariats zur Klimarahmenkonvention, und an zahlreichen anderen Städten rund um den Globus feiert die Umweltdiplomatie heute ein Vertragswerk, das der langjährige Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer, einmal als den „ersten Schritt auf einer langen Reise“ bezeichnet hat.

Ein glatter Euphemismus. Denn in vielerlei Hinsicht ist das Kyoto-Protokoll ein gigantisches Experiment mit ungewissem Ausgang - ein politisches mindestens ebenso wie ein wissenschaftliches. Am Ende, so hoffen nicht wenige, entscheidet sich damit vielleicht sogar die ewige Frage, ob es so etwas wie eine entscheidungs- und vor allem zukunftsfähige Weltgemeinschaft, die die Vereinten Nationen gerne repräsentieren, wirklich geben kann.

Eine schwierige diplomatische Aufgabe

Schon in diesem Punkt, in den moralischen Ansprüchen, unterscheidet sich das Kyoto-Prokoll von dem einzigen wirklich großen Erfolg, den die globale Umweltdiplomatie bisher zu feiern hatte. Das Montrealer Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht hat die gesteckten Ziele, die Verringerung der Emissionen an ozonschädlichen Spurengasen, mit Bravour erfüllt. Es war aber verglichen mit dem nun zu Gebote stehenden ökologischen Anliegen eine leichte Aufgabe.

Das Verbot der Fluorchlorkohlenwasserstoffe gegen die Interessen einer vergleichsweise überschaubaren Industrie durchzusetzen war vielleicht nicht immer einfach, aber angesichts der vorhandenen Alternativen letztlich nicht zu verhindern. In ähnlicher Weise, so hoffte man nach der Unterzeichung der Klimarahmenkonvention in Rio des Janeiro vor dreizehn Jahren, könnte das in dem Übereinkommen formulierte Ziel - die Vermeidung eines „gefährlichen Klimwandels“ - erreicht werden.

Nicht alle im gleichen Umfang verpflichtet

Zum erstenmal erschien das Weltklima nicht mehr als ein reines Naturphänomen, dem man machtlos ausgeliefert ist. Die Vision des „Klimahandelns“ durch den Menschen wurde zu einem konkreten Plan. Ein Plan, für den die Umweltdiplomaten zigmal um den Globus jetteten, und der sie auf dem ersten Höhepunkt ihrer Verhandlungsreisen in die japanische Kaiserstadt Kyoto führte, wo in den frühen Stunden des elften Dezember 1997 einige der wichtigsten Industriestaaten einwilligten, die Emissionen der klimawirksamen Treibhausgase, insbesondere des bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe erzeugte Kohlendioxyds, zu verringern.

Nicht alle wurden im gleichen Umfang verpflichtet. Nationale Ziele und Möglichkeiten wurden berücksichtigt und das Ergebnis stellte nicht jeden zufrieden, aber wichtig war die gemeinsame Richtung. Ein Ergebnis, das in den darauffolgenden Jahren freilich immer wieder zu kippen drohte, weil die Vereinigten Staaten als der wichtigste Treibhausgasemittent und mit ihr Australien, Kanada sowie eine zeitlang Rußland die ökonomischen Folgekosten nicht zu tragen bereit waren.

Erst als Rußland im vergangenen Jahr einwilligte das Protokoll zu unterzeichnen, weil es sich damit erhebliche Einnahmen über den im Abkommen vereinbarten Emissionshandel versprechen durfte, war der Weg für das Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls frei. In die Euphorie heute spielt deshalb ein Gutteil Erleichterung mit hinein.

Ausreden

Das Experiment kann nun also beginnen. Wenn alles glatt läuft, wird am Ende des Jahrzehntes abgerechnet. Wer hat seine Reduktionsziele erreicht, wer nicht. Momentan spricht wenig dafür, daß es glatt läuft. Deutschland zum Beispiel wird sein von Umweltminister Trittin selbstgestecktes Ziel, eine Verringerung um 25 Prozent gegenüber 1990 kaum erreichen. Seit ein paar Jahren stagniert man bei etwa sechzehn Prozent.

Damit steht Deutschland zwar im internationalen Vergleich noch gut da, aber man findet sich in schlechter Gesellschaft all derer wieder, die sich ähnlich wie beim europäischen Stabilitätspakt Ausreden für die Überschreitung der selbstgesetzten Margen zu überlegen haben.

Das eigentliche Experiment

Das Experiment läuft aber auch deshalb nicht eben glatt, weil man eigentlich lange vor dem Abrechnungsdatum auf dem Weg zu viel ehrgeizigeren Zielen sein wollte. Die Deckelung der Kohlendioxyd-Konzentration in der Luft bei dem doppelten Wert der vorindustriellen Ära - eine der gängigen Forderungen aus der Wissenschaft - ist mit einer fünfprozentigen Reduktion, wie jetzt im Kyoto-Protokoll festgelegt, unmöglich zu erreichen. Sechzig bis achtzig Prozent müßten es nach Expertenmeinung im Laufe der nächsten Jahrzehnte schon werden.

Hier beginnt dann das eigentliche Experiment. Erst dann kommt es zum Schwur. Wird die Staatengemeinschaft, wenn sie denn die Sektgläser glücklich geleert hat, bereit sein, diese großen Schritte zu gehen - unter einer nach wie vor unklaren Risikolage und unter den Vorzeichen der gebotenen Verhältnismäßigkeit? Von den widerspenstigen Vereinigten Staaten, aber auch von den wachstumsfreudigen asiatischen und südamerikanischen Schwellenländer wird viel abhängen, wird viel Entgegenkommen erwartet.

Die schlimmsten Auswüchse des Klimawandels abwenden

Im G8-Verbund verhandelt man das unter der Führung des britischen Premier Blair zur Zeit intensiv. Blairs standhafter Einsatz für die Klimawissenschaften, die die Notwendigkeit und vor allem die Möglichkeit sieht, das Weltklima kontrollieren und zumindest die schlimmsten Auswüchse des Klimawandels abwenden zu können, dürfte die Richtung der kommenden Jahre vorgeben. Es ist die einzige Haltung, die das Experiment überhaupt zum Erfolg führen kann.

Vorausgesetzt, die Prämissen stimmen und die Klimahändler müssen beim Handeln nicht plötzlich irgendwann feststellen, daß die Natur allen Zähmungsversuchen zum Trotz ihre eigenen Wege geht. Dann bleibt zu hoffen, daß man in den Klimaschutzplänen auch präventive Maßnahmen vorgesehen hat, die möglichst viele Menschen vor den Folgen des unausweichlichen Klimawandels zu schützen vermögen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. Februar 2005
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