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Familienunternehmen Merckle Die frommen Milliardäre vom Blautopf

30.11.2008 ·  Adolf Merckle ist in Not: Bis zum Dienstag halten seine Banken noch still. Dann braucht er frisches Geld. Oder das Imperium zerfällt. Das wäre eine Schmach für den Unternehmer und eine Zäsur für Blaubeuren.

Von Georg Meck
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Blaubeuren ist weit weg von Wall Street und New York. Die größte Attraktion ist der Blautopf, eine der tiefsten Quellen der Republik: Schulklassen aus dem Schwabenland werden hier busweise hingekarrt, Sporttaucher erkunden die Höhlen. Viel mehr Abenteuer wird hier für gewöhnlich nicht geboten. Wenn das Städtchen südlich von Ulm jetzt vom Beben der Weltbörsen erschüttert wird, dann liegt das einzig an einem Mann: Adolf Merckle, bis vor kurzem einer der reichsten Menschen der Welt - und nun ein prominentes Opfer der Turbulenzen an den Finanzmärkten.

Mit VW-Aktien hat der gottesfürchtige Unternehmer einen dreistelligen Millionenbetrag verloren. Da er zudem gewagte Transaktionen mit seinen diversen Firmen mit Aktienpaketen als Sicherheit unterlegt hat, deren Wert in den schlimmen Wochen geschwunden ist, setzen ihm die Banken die Pistole auf die Brust. Von einer "Liquiditätsverknappung" spricht die Familie des Milliardärs, in Stuttgart hat sie bei der Landesregierung vorgefühlt, ob sie ihr nicht mit ein paar hundert Millionen aushelfen könnte - das hat die Not erst recht öffentlich gemacht: Noch 48 Stunden hat der Unternehmer nun Zeit, einen Überbrückungskredit mit seinen 30 Gläubigern auszuhandeln. Gelingt dies nicht, wird das Sachvermögen verwertet: Merckle muss Firmen abgeben, sein in Jahrzehnten aufgebautes Konglomerat zerfällt. Eine Schmach für den bald 75 Jahre alten Unternehmer. Eine Zäsur für Blaubeuren, wo das Ehepaar Merckle längst in den Stand der Ehrenbürger erhoben wurde.

Eine Institution im Schwabenland

Die Merckles sind eine Institution im Schwabenland, Inbegriff für eine hoch erfolgreiche Familie. Rechtschaffen, unerschrocken, gewitzt, um nicht zu sagen: gerissen. Legende sind die bisweilen vor Gericht ausgetragenen Konflikte des Patriarchen; mit Teilhabern, Banken, in Ungnade gefallenen Managern, aber auch innerhalb des Clans - angefangen mit dem Streit ums Erbe, den er einst mit seinen beiden Schwestern ausgefochten hatte. Meist ging es um viel Geld. Fast immer hat Merckle gewonnen. Im Lauf der Jahre hat sich der gelernte Anwalt ein undurchsichtiges Konglomerat zusammengekauft: Mit einer geerbten Pharma-Klitsche hat er angefangen, später wurde er Pillenhändler (Phoenix), Baustofflieferant (Heidelcement), Hersteller von Pistenraupen (Kässbohrer) und als Hobby Liftbetreiber im Kleinen Walsertal. Verkreuzt und verschachtelt sind die Firmen, verbunden durch Beteiligungsgesellschaften mit seltsamen Namen. Außer Merckle selbst findet sich niemand, der dem Gebilde eine besondere Offenheit attestiert.

Als einen typisch schwäbischen Milliardär, dem man sein "Geld nicht ansieht", schildern ihn die Freunde in Blaubeuren, wo er bisweilen als Spaziergänger oder auf dem Rad anzutreffen ist. Zu sprechen ist der Unternehmer für die Medien selten, im Moment gar nicht. Schließlich kämpft er um sein Lebenswerk: "Milliardär verzockt sein Vermögen mit VW-Aktien", musste er über sich lesen. Mit einem Schlag war der Mann, der all die Jahre so auf seine Unsichtbarkeit geachtet hatte, zum Gespött geworden.

In Blaubeuren verfliegt die Häme

Sobald man sich Blaubeuren nähert, verfliegt die Häme. Schließlich geht es um einen wichtigen Arbeitgeber. An Merckle hängen Jobs und damit auch der Wohlstand in der Region. "Mein Gott, wie konnte das passieren?", fragen die Wohlmeinenden unter den Honoratioren. "Geschieht dem Pfennigfuchser gerade recht", sagen nur jene, denen es schon lange unheimlich war, wie er Tausende Hektar Wald auf der Schwäbischen Alb wie in den neuen Bundesländern aufgekauft hat.

Der Titel "größter Waldbesitzer der Republik" klingt noch ehrenhaft, aber "größter Spekulant"? Das passt so gar nicht zum Bild des ehrbaren Familienunternehmers, unempfänglich für die Lockungen des schnellen Geldes. Viele Mythen hat die Finanzkrise zerstört, ganz sicher auch den irrigen Glauben, dass Manager von der Gier zerfressen sind, im Gegensatz zum moralisch einwandfreien Familienunternehmer, der allenfalls schlechten Gewissens nach Profit strebt.

Für Investmentbanker hatten die pietistischen Mittelständler auf der Schwäbischen Alb noch nie viel übrig. Der Kurzatmigkeit der Börsen ist ihnen ein Graus, die angelsächsische Spielart der Marktwirtschaft mehr Schrecken als Verheißung. Nur wer genau hinschaute, erkannte, dass ein Vorzeigeunternehmer wie Adolf Merckle nicht viel anders handelte als die Private-Equity-Gesellschaften: Firmen kaufen, wenn sie am Boden liegen. Das Management, falls nicht tüchtig, auswechseln. Die Firma auf Vordermann bringen, wenn nötig mit rabiaten Methoden. Die Gewinne am Ende möglichst steuersparend dem Vermögen zuführen und an der Börse sich vermehren lassen. Wertpapiergeschäfte hätten seit Jahrzehnten erheblich zum Erfolg seiner Gruppe beigetragen, entschuldigt Merckle den Ausrutscher mit den VW-Aktien.

Das erste deutsche Generikaunternehmen

Begonnen hat die unternehmerische Tradition Merckles Großvater. Im böhmischen Aussig gründet der im Jahr 1881 einen Großhandel für chemische und pharmazeutische Rohmaterialien: "Adolf Merckle, Drogen und Chemikalien en gros". Nach Ende des Zweiten Weltkrieges werden die Merckles im Sudetenland enteignet. Ludwig Merckle, der Sohn des Gründers, flieht mit der Familie nach Blaubeuren, in die Heimat seiner Frau. Dort bauen sie die Firma wieder auf. 1967 übernimmt Adolf Merckle, der heutige Clan-Chef, die Geschäfte. Sieben Jahre später legt er in Ulm den Grundstein für die "Ratiopharm GmbH", das erste deutsche Generikaunternehmen - eine "kolossale Idee", wie er selbst findet: Als Erster hat er sich in Amerika abgeguckt, Medikamente nachzuahmen, deren Patentschutz abgelaufen ist. Ausgerechnet diese Keimzelle für den Aufschwung der Familie könnte nun als Erstes geopfert werden.

Bibelworte für jeden Tag

In einer Betriebsversammlung hat Adolf Merckles Sohn Ludwig vorige Woche verkündet, dass die Banken zum Verkauf von Ratiopharm drängen. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung in der Zentrale. Man fürchtet den Abbau von Stellen wie den Verlust der Identität. Wohl keine Merckle-Firma ist so durchdrungen vom pietistischen Geist der Familie wie Ratiopharm. Die Firma beschäftigt eigens eine protestantische Pastorin als Seelsorgerin für die Beschäftigten. Zum Jahresanfang lässt Ruth Merckle, die kirchlich stark engagierte Gattin des Patriarchen, schon mal die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeinde verteilen, mit Bibelworten für jeden Tag. Selbst gefeuerte Manager - davon gibt es etliche - nehmen der Familie die entschieden christliche Haltung ab, wenngleich sie zweifeln, "ob damit ein Unternehmen in schwierigen Zeiten zu führen ist".

Adolfs Sohn Philipp Merckle hat es versucht: Als Ratiopharm böse Schlagzeilen im Zusammenhang mit Schiebereien in Arztpraxen hatte, wollte er als Chef ein neues Fundament legen. Der promovierte Apotheker redete von ethischer Verantwortung, christlichen Werten und dem "Mitarbeiter als höchstem Gut". Auch mehr Transparenz hat er geschworen.

Das ging nicht lange gut, Philipp Merckle unterlag innerhalb der Familie und verließ im Frühjahr den Chefposten bei Ratiopharm, um fortan mit seiner Stiftung ("world in balance") für "eine Welt in Harmonie" zu streiten. Noch missionarischer wirkt Adolf Merckles jüngster Sohn Tobias: Der bibelfeste Sozialpädagoge führt ein Projekt für kriminelle Jugendliche, den Gutshof "Seehaus", ein paar Autominuten von Stuttgart entfernt. Das Haus wurde mehrfach als vorbildlich ausgezeichnet und vom Staat als Gefängnisersatz zugelassen, finanziell unterstützt wird es von diversen Merckle-Firmen.

An diesem Dienstag, 24 Uhr, läuft nun das Ultimatum von deren Gläubigern ab. Wie antwortete Ludwig Merckle einst, auf die Stärken der Familie angesprochen: "Man muss immer an die Zukunft glauben." Die Banken verlangen Sicherheiten.

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Jahrgang 1967, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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