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Fairer Handel Abschied vom Müsli-Design

22.09.2006 ·  Die Weltläden müssen weg vom Mitleidseffekt, meint Markus Frieauff vom Weltladen-Dachverband. In einer Marketing-Offensive will Frieauff „gehobene Geschenkboutiquen“ aus den Weltläden machen - und so fairen Handel an den Kunden bringen.

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Ausgerechnet der Discounter Lidl hat die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf fair gehandelte Produkte gelenkt. Das Unternehmen, das mit der Gewerkschaft Verdi ebenso im Clinch liegt wie mit der alternativen Welthandelsorganisation Attac, will zehn Produkte in sein Angebot aufnehmen, die das Siegel „Fairtrade-Transfair“ tragen und damit nachweisbar unter sozialen Mindesstandards für Produzenten und Mitarbeiter in Entwicklungsländern hergestellt worden sind. Auch wenn Lidl damit nur sein Image aufpolieren will, hat Markus Frieauff, Marketingreferent des Weltladen-Dachverbandes e. V., Mainz, nichts dagegen. Im Gegenteil, „unser Interesse muß es sein, daß so viele Transfair-Produkte gehandelt werden wie nur möglich“, sagt er. Er geht sogar so weit zu sagen, daß es am allerbesten wäre, man bräuchte gar keine separaten Weltläden (früher Dritte-Welt-Läden) mehr, weil der traditionelle Handel nur Transfair-Produkte anbietet. „Dann wären wir zwar überflüssig, hätten unser Ziel aber erreicht.“

Soweit ist es aber noch lange nicht. In Deutschland werden im Jahr für gut 100 Millionen Euro Transfair-Produkte verkauft. Das ist ein verschwindend kleiner Anteil am gesamten Handelsvolumen von mehr als 700 Milliarden Euro. Aber während der Einzelhandelsumsatz insgesamt stagniert, ist der Umsatz mit fair gehandelten Produkten im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen, heißt es beim Bundesverband der Verbraucherzentralen in Berlin. Und das Potential sei noch riesig. 37 Prozent der Verbraucher finden die Idee hinter dem fairen Handel gut, hat die Bundesentwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul in einer entsprechenden Umfrage im Jahr 2003 herausfinden lassen. Aber die meisten davon kaufen solche Produkte nie, weil sie kein Geschäft mit einem entsprechendem Angebot kennen, weil die Öffnungszeiten ungünstig sind, weil die Läden unattraktiv unschön aussehen und weil viele Verbraucher Angst haben, daß das Geld am Ende doch nicht förderungswürdigen Unternehmen und deren Mitarbeitern zugute kommt.

Weltläden sollen Geschenkboutiquen werden

Das alles zu ändern hat sich der Weltladen-Dachverband angeboten und für 500.000 Euro Zuschuß aus der Ministerin Steuertopf das Konzept Weltladen 2006 entwickelt. Der Verband konnte dabei für sich in Anspruch nehmen, mit den Weltläden den größten Absatzkanal für Transfair-Produkte zu repräsentieren. Es gibt in Deutschland etwa 800 Weltladen-Verkaufsstellen, die mit steigender Tendenz in diesem Jahr knapp 50 Millionen Euro umsetzen. Davon sind viele aber Kleinstverkaufsstellen wie Marktstände oder auch nur Verkaufstische in Kirchen. Im Weltladen- Dachverband sind 480 Umweltläden organisiert, die auch alle über ein Geschäft verfügen. Und diese Läden, obwohl auch sie zum größten Teil ausschließlich mit ehrenamtlichen Mitarbeitern betrieben werden, sollen professionalisiert werden. „Nur wenn der Marktauftritt der Qualität der Produkte und der Idee entspricht, kaufen die Verbraucher auch“, ist Frieauff überzeugt. Und die Qualität sei heute hoch. Die Zeiten, als fair gehandelter Kaffee am schlechten Geschmack zu erkennen war, seien längst vorbei.

„Wir sprechen heute mit unseren Produkten anspruchsvolle, genuß- und sinnorientierte Verbraucher an“, sagt Frieauff. Damit diese Kunden aber in den Weltladen kommen, „müssen wir weg vom Müsli-Design“ und auf den Mitleidseffekt verzichten, der noch vielfach von Fairtrade-Anbietern angesprochen wird. Frieauff möchte auch den Anteil der Lebensmittel von heute noch 60 Prozent deutlich senken. Er verspricht sich von handwerklichen Produkten viel mehr. „Wir wollen die Weltläden zu gehobenen Geschenkboutiquen machen“, nennt er sein sehr ehrgeiziges Ziel. Bis dahin ist aber noch ein langer Weg, wenngleich erste Erfolge der Professionalisierung an den ersten 20 umgestellten Geschäften bereits sichtbar sind.

Um biologischen Anbau müssen sich andere kümmern

Bei allen auf das neue Konzept umgestellten Läden, dessen Rechte beim Weltladen-Dachverband liegen, hätten sich Umsatzsteigerungen zwischen 15 und 90 Prozent eingestellt, versichert Frieauff. Das Hauptproblem sei meist der unattraktive Standort. Weltläden müßten zunehmend in die Fußgängerzonen verlegt werden, um auch die Laufkundschaft anzusprechen. Jeder Euro mehr Umsatz helfe soziale Mindeststandards in der Dritten Welt festigen. Und darum gehe es dem fairen Handel, und nur darum. „Die meisten Lebensmittel bei uns stammen zwar aus biologischem Anbau“, sagt Frieauff. Aber es gebe auch Lebensmittel aus konventionellem Anbau, denn der biologische Anbau sei ebensowenig das Anliegen der Transfair-Bewegung wie der Erhalt der Regenwälder oder die Unterstützung humaner Hilfsprojekte. Darum müßten sich andere Gruppen kümmern.

Transfair, das Zertifikat wird übrigens von einer in Köln ansässigen Gesellschaft vergeben, sei darauf aus, die sozialen Rechte benachteiligter Bevölkerungskreise zu entwickeln. Das müsse nicht nur in der Dritten Welt sein. Zunehmend seien auch Produkte aus osteuropäischer Produktion denkbar, wo es auch gelte, soziale Rechte zu stärken, sagte Frieauff. Er ist überzeugt davon, daß nur der Ausbruch aus der Nische, die zu Zeiten der Gründung in den sechziger und siebziger Jahren sogar revolutionären Charakter hatte, dem Anliegen gerecht wird, soziale Standards zu heben. Und wenn dabei andere Handelsorganisationen mithelfen, sei ihm das recht. Daß sie auf absehbare Zeit die Weltläden überflüssig machen, glaubt er nicht.

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