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Fachkräfte gesucht Nicht nur Master, sondern auch Meister

26.07.2011 ·  Handwerker klagen über immer weniger geeignete Bewerber von Haupt- und Realschulen. Das Bundesinstitut für Berufsbildung will jetzt Abiturienten für das Handwerk begeistern.

Von Helmut Bünder, Bonn
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Für deutsche Unternehmen, die jetzt schon händeringend nach Fachkräften und Auszubildenden suchen, ist es eine bedrohliche Entwicklung: Die Schülerzahlen sinken, aber die Abiturientenquote steigt. Und nach dem Abitur zieht es die meisten jungen Leute an die Universitäten; weniger als ein Fünftel von ihnen entscheidet sich für eine betriebliche Ausbildung. „Hier liegt ein großes Potential brach. Wir müssen die Abiturienten stärker für die Betriebe begeistern statt einseitig nach immer mehr Akademikern zu rufen“, sagte Hubert Esser, der neue Präsident des Bundesinstituts für Berufliche Bildung (BIBB), im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Das Nachsehen haben vor allem die deutschen Handwerksunternehmen. Sie klagen über immer weniger geeignete Bewerber von den Haupt- und Realschulen, doch unter den Abiturienten kann sich allenfalls jeder Zwanzigste für einen Handwerksberuf erwärmen. Sehr viel höher im Kurs stehen dagegen Banken, andere kaufmännische Berufe oder die Fachinformatik.

„Das ist auch eine Frage des Marketings. Viele junge Leute haben das Handwerk nicht mehr auf dem Radarschirm“, sagt Esser und mahnt die Handwerksverbände, sich besser in Szene zu setzen. Die Karrierechancen einer dualen Ausbildung würden vielfach unterschätzt. Dabei zeigten Studien, dass die Aussichten keineswegs hinter der eines akademischen Werdegangs zurückstünden. „Wirtschaft und Politik sind gefordert, die Schwerpunkte neu zu setzen. Deutschland braucht nicht nur Master, sondern auch Meister, die als selbständige Unternehmer ihr Gewerbe zu führen wissen“, sagte Esser.

Seit Anfang Mai leitet er das BIBB, eine dem Bildungs- und Forschungsministerium zugeordnete Behörde mit mehr als 600 Mitarbeitern. Als „Kompetenzzentrum“ kümmert es sich unter anderem mit Analysen und Empfehlungen um die Weiterentwicklung der beruflichen Bildung, definiert die Ausbildungsberufe und liefert statistisches Material über die Lage am Ausbildungsmarkt. Als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet es Esser, die Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Säulen des Bildungssystems zu verbessern. Nur so ließen sich die Talente und Begabungspotentiale optimal ausschöpfen, sagte er. Der dualen Ausbildung eile zu Unrecht immer noch der Ruf einer Sackgasse voraus. Esser selbst ist ein Beispiel dafür, dass dies nicht stimmen muss: Er hatte zunächst eine Bäckerlehre gemacht, bevor er sich entschied, das Abitur zu machen und zu studieren. Heute hätte er es einfacher: Wer nach einer abgeschlossenen Ausbildung mehrere Jahre gearbeitet hat oder seinen Meister macht, darf in den meisten Bundesländern auch ohne Abitur an eine Hochschule.

„So ließen sich langfristig Denkbarrieren und Vorurteile abbauen“

Eine Aufwertung der beruflichen Bildung verspricht sich Esser vom geplanten Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR). Auf Initiative der Europäischen Union wird damit zum ersten Mal versucht, auf unterschiedlichen Wegen erlangte Bildungsabschlüsse untereinander vergleichbar zu machen. Der Bachelor etwa soll nach den vorliegenden BIBB-Entwürfen auf dem gleichen Niveau (Stufe 6 auf einer Skala von 1 bis 8) eingestuft werden wie ein Meisterbrief des Handwerks oder ein Technikerabschluss; eine drei- oder dreieinhalbjährige Berufsausbildung würde ebenso viel „zählen“ wie das Abitur. Esser hofft, dass das neue Instrument zu einem Bewusstseinwandel beitragen wird: „Es muss in die Köpfe, dass gleiche Qualifikationsniveaus über unterschiedliche Bildungsbiographien erworben werden können. So ließen sich langfristig Denkbarrieren und Vorurteile abbauen“.

Kurzfristig setzt die Bundesregierung zusammen mit der Wirtschaft auf öffentliche Kampagnen, um gerade bei leistungsstarken Schülern für die duale Aus- und Weiterbildung zu werben. Dabei müsse jedoch gleichzeitig das Ausbildungsplatzangebot insgesamt erhöht werden. Sonst drohe ein Verdrängungswettbewerb zu Lasten weniger qualifizierter Schüler, warnte der BIBB-Präsident. In diesem Sommer werden den voraussichtlich rund 620 000 Ausbildungsplätzen in Deutschland nach Schätzungen des BIBB voraussichtlich 668.000 Bewerber gegenüberstehen. Allein in Westdeutschland wird die Zahl der Schulabgänger aber bis zum Ende des Jahrzehnts um rund 135 000 zurückgehen, wobei sich diese Entwicklung auf die Haupt- und Realschulen konzentriert. Umso wichtiger sei eine möglichst reibungslose Eingliederung der Schüler in das Ausbildungssystem, sagte Esser. Zuletzt begannen immer noch mehr als 320.000 Jugendliche eine „Übergangsmaßnahme“ zwischen Schule und Ausbildung. Entweder brachten sie keinen ausreichenden Abschluss mit oder waren mit ihren Bewerbungen erfolglos geblieben; vielen von ihnen fällt es auch schwer, sich bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz rechtzeitig zu orientieren. Mehr als 4 Milliarden Euro im Jahr fließen nach Schätzungen von Fachleuten in die Programme und Initiativen, mit denen versucht wird, diese Jugendlichen in eine Ausbildung zu bringen.

Esser hält es für überfällig, diesen Förderdschungel zu lichten. „Die Vielfalt der Angebote muss reduziert, das Angebot insgesamt verknappt werden“, sagte er. Statt an den Symptomen zu kurieren, müsse schon in den Schulen mehr Anleitung geboten werden. Esser empfiehlt, alle Schulen zu verpflichten, ab der siebten Klasse ein Fach „Berufsorientierung“ anzubieten. So könnten sich die Schüler, begleitet von regelmäßigen Praktika, rechtzeitig mit ihren Chancen, Begabungen und Möglichkeiten auseinandersetzen. „Geld ist genug vorhanden, es muss nur wirksamer investiert werden“, meinte Esser.

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Jahrgang 1957, Wirtschaftskorrespondent in Bonn.

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