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Fachkräfte : Daimler und Bosch holen die Rentner zurück

Ein „Space Cowboy“ auf festem Boden: Daimler holt Ingenieure wie Peter Linden aus dem Ruhestand zurück, um ihre Erfahrung weiter zu nutzen. Bild: Wohlfahrt, Rainer

Im Ruhestand arbeiten ist für viele Menschen normal. Bei Daimler und bei Bosch, dem Pionier der Senior- Experten-Pools, ist das Spezialwissen der ehemaligen Mitarbeiter heute wieder gefragt.

          Der „Rentnermarathon“ ist so ganz nach Peter Lindens Geschmack: Ein Tag Radfahren, ein Tag Schwimmen, ein Tag Walken sei das, erklärt er schmunzelnd. Dabei ist er nicht zimperlich mit seinem Pensum. Gerade erst hat er das schöne Herbstwetter genutzt, um eine Tour im Allgäu zu machen, von Füssen aus über den Plansee hinauf zum Königsschloss Linderhof - das macht schon mal 1000 Meter Höhenunterschied. Aber für jeden Tag sei das ja auch nichts, sagt Linden, der seit knapp zwei Jahren im Ruhestand ist. Und so ist er froh, dass sein alter Arbeitgeber Daimler ihn wieder engagiert hat. Lindens Job ist es, kurz gesagt, den chinesischen Kooperationspartnern von Mercedes klarzumachen, dass sie beim Bau der nächsten E-Klasse die nötigen Werkzeuge für das Formen der Blechteile nicht etwa selbst herstellen oder bei den Japanern kaufen, sondern direkt bei Mercedes in Sindelfingen.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Peter Linden ist dafür prädestiniert: Er kennt den Betriebsmittelbau aus dem Effeff, hat sogar Erfahrung gesammelt in der Entwicklung der entsprechenden Verfahren und lässt sich als promovierter Metall-Physiker so schnell nicht aufs Glatteis führen. Außerdem: „Mein Alter verschafft mir einen gewissen Respekt.“

          Linden ist damit die Idealbesetzung für die Truppe von „Space Cowboys“, wie man bei Daimler die Rentner nennt, die auch im Ruhestand noch für den Autokonzern tätig werden. So wie die Space Cowboys um Clint Eastwood im gleichnamigen Film aus dem Jahr 2000 durch den Einsatz ihrer Uralt-Kenntnisse die Welt vor einem atomwaffenbestückten Satelliten retteten, so soll auch bei Daimler das Spezialwissen ehemaliger Kollegen genutzt werden. Seit dem Start des Programms vor eineinhalb Jahren haben sich 480 frühere Mitarbeiter registrieren lassen - macht in Summe die Erfahrung aus vielen tausend Berufsjahren. Vor allem aus den Bereichen Forschung und Produktion ist die Nachfrage hoch, heißt es bei Daimler.

          Reisen nach China

          Im Fall des China-Projekts hat man sich an Peter Linden, den früheren Abteilungsleiter, erinnert, als klar war, dass einige Reisen nötig würden. Das ist ein Kraftakt, den die eigentlich zuständige Mitarbeiterin aus familiären Gründen nicht stemmen konnte. Schnell geht in China nämlich gar nichts. „Unser stärkstes Argument ist, dass wir die Werkzeuge für die Produktion in Sindelfingen bauen“, sagt Linden. Bessere Referenzen gibt es nicht. Wenn Mercedes selbst die Werkzeuge liefert, aus denen die Bleche für den neuen Mercedes geformt werden, dann muss das „top“ sein, so die Logik. Doch ein Selbstläufer ist das deswegen nicht. Denn die Werkzeuge aus Sindelfingen kosten mehr als bei der Konkurrenz, daher lassen sich die chinesischen Geschäftspartner schon sehr genau jedes technische Detail erklären.

          Sechsmal war Peter Linden dieses Jahr schon in Peking, eine siebte Reise zeichnet sich ab; da wird es dann darum gehen, gemeinsam mit dem Werkstattmeister zu klären, wie der Einsatz der Werkzeuge im Detail laufen soll. Immerhin geht es nicht nur um ein paar Blechteile, wie man laienhaft vermuten mag: Allein die Außenhaut der E-Klasse besteht aus elf Blechen, insgesamt werden zwischen 300 und 400 vorgeformte Blechteile in jedem Auto verbaut.

          Der „Bosch-Mumien-Service“

          Pionier für diese Art von Rentner-Arbeit ist Bosch. Der Stuttgarter Konzern gründete schon vor 15 Jahren die Tochterfirma BMS, was korrekt Bosch Management Support heißt, aber schnell scherzhaft mit „Bosch-Mumien-Service“ übersetzt wurde. Mancher, der von Anfang dabei war, ist mittlerweile hoch in den Siebzigern und immer noch quer durch die Bosch-Welt tätig. In der BMS-Kartei stehen 1600 Namen. Allein im vergangenen Jahr gab es mehr als 1000 Beratungsaufträge mit insgesamt 50 000 Einsatztagen. Das Modell beschränkt sich längst nicht mehr auf die Rentner der deutschen Bosch-Gesellschaften, sondern findet auch in Großbritannien, Nordamerika, Brasilien, Japan und neuerdings in Indien Nachahmer.

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