16.09.2010 · Dem Gründer von Facebook wird in dem Film „The Social Network“ kein schmeichelhaftes Denkmal gesetzt. Facebook hat erst mit Schulterzucken reagiert, kann dem Rummel um den Film aber nicht entgehen.
Von Roland Lindner, New YorkFrei erfunden oder nicht: Die Eröffnungsszene aus dem Film "The Social Network", in der Mark Zuckerberg von seiner Freundin abserviert wird, hat das Zeug dazu, das öffentliche Bild vom Gründer der Online-Gemeinde Facebook zu prägen. Ein Mädchen mit dem Namen Erica sagt zu ihm: "Du wirst erfolgreich und reich sein. Aber du wirst in dem Glauben durch das Leben gehen, dass Mädchen dich nicht mögen, weil du ein Streber bist. Und ich will dich wissen lassen, dass das nicht wahr sein wird. Es wird sein, weil du ein Arschloch bist."
Die pikante Szene steht in dem Drehbuch des Films, der am kommenden Freitag seine Premiere auf dem New Yorker Filmfestival feiern und eine Woche später in den amerikanischen Kinos anlaufen wird (Deutschland-Start ist der 7. Oktober). Der Film zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Porträt von Zuckerberg aus den Anfangstagen von Facebook. Er kommt als skrupelloser und gleichzeitig von Minderwertigkeitskomplexen geplagter Egomane daher, der zum Internet-Wunderkind geworden ist, indem er andere übers Ohr gehauen hat. Der Film wurde in der Branche zunächst eher als Nischenproduktion gesehen, aber in den vergangenen Wochen hat sich der Rummel gewaltig erhöht, und die ersten Kritiken waren glänzend. Facebook hat "The Social Network" in der Öffentlichkeit lange Zeit weitgehend ignoriert und als "Fiktion" abgetan. Die sich abzeichnende Breitenwirkung des Films stellt das Unternehmen nun aber vor ein Imageproblem und sorgt für Druck, selbst in das Geschehen einzugreifen.
Ein Ritterschlag für Facebook
In gewisser Weise ist "The Social Network" ein Ritterschlag für Facebook. Es kommt nicht allzu oft vor, dass ein einzelnes Unternehmen zum Gegenstand einer mit Spannung erwarteten Hollywood-Produktion wird. Weitaus größeren und etablierteren Adressen aus der Technologiebranche wie etwa dem Internetkonzern Google blieb ein ähnliches filmisches Denkmal bislang verwehrt. "The Social Network" ist vor und hinter der Kamera hochkarätig besetzt: David Fincher ("Der seltsame Fall des Benjamin Button") führte Regie, das Drehbuch kam von Aaron Sorkin, der mit der Fernsehserie "The West Wing" bekannt geworden ist. Mark Zuckerberg wird vom aufstrebenden Jungschauspieler Jesse Eisenberg dargestellt, Popstar Justin Timberlake spielt Sean Parker, neben Zuckerberg einer der zentralen Architekten von Facebook.
Es besteht kein Zweifel daran, dass Mark Zuckerberg eine äußerst erzählenswerte Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Er war gerade 19 Jahre alt und ging auf die Eliteuniversität Harvard, als er eine Online-Kommunikationsplattform für seine dortigen Studienkollegen ins Leben rief, aus der Facebook hervorging. Die Seite, deren Nutzer Profile anlegen, miteinander kommunizieren und Inhalte austauschen, hat sich in rasantem Tempo zu einem Massenphänomen entwickelt. Facebook hat heute mehr als 500 Millionen Mitglieder auf der Welt und ist für viele Menschen ein zentrales Instrument für die Kontaktpflege im sozialen wie auch im beruflichen Umfeld. Umsätze macht das Netzwerk mit Anzeigen auf seiner Seite, in diesem Jahr könnten es nach Schätzung des Marktforschungsinstituts Emarketer 1,3 Milliarden Dollar werden. Facebook ist noch nicht an der Börse, der Wert des Unternehmens wird aber auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Zuckerberg ist heute 26 Jahre alt, und die Zeitschrift "Forbes" erklärte ihn in ihrer aktuellen Liste der Superreichen zum jüngsten Milliardär der Welt.
Der Film blieb unautorisiert
"The Social Network" beleuchtet indessen die vermeintlich dunklen Seiten von Zuckerbergs Aufstieg. Der Film greift die erbitterte Auseinandersetzung um die Entstehungsgeschichte von Facebook auf. Mehrere frühere Harvard-Studienkollegen haben Zuckerberg beschuldigt, die Idee für Facebook von ihnen geklaut zu haben. Der Streit landete vor Gericht und endete zunächst mit einem Vergleich, gegen den die Zuckerberg-Rivalen mittlerweile aber Berufung eingelegt haben. Der Fall wurde zum Stoff für ein Buch mit dem Namen "Milliardär per Zufall" (Originaltitel: "The Accidental Billionaires"). Dessen Autor Ben Mezrich hat seine Geschichte mit knalligen Episoden über die angebliche Macht- und Sexbesessenheit von Zuckerberg gewürzt und dabei selbst zugegeben, die Ereignisse dramatisiert zu haben. Auch die Macher des Films erheben nicht den Anspruch, mit ihrem Werk hundertprozentig bei der Wahrheit zu bleiben.
Allerdings haben sie sich offenbar ursprünglich bemüht, den Segen von Facebook zu bekommen. Produzent Scott Rudin erzählte der "New York Times" kürzlich, er habe über einen längeren Zeitraum hinweg Kontakt zu zwei hochrangigen Managern von Facebook gehalten: Sheryl Sandberg, die als Chief Operating Officer das Tagesgeschäft des Unternehmens führt, sowie Kommunikationschef Elliot Schrage. Sandberg und Schrage hätten eine fast fertige Version des Films gesehen und seien wenig begeistert gewesen. Die zunächst verfolgte Idee einer Zusammenarbeit mit Facebook an dem Film sei schließlich aufgegeben worden, und "The Social Network" blieb unautorisiert. Nicht jedem ist das offenbar klar, denn die Pressestelle berichtet bis heute von Anrufern, die meinen, Facebook stecke selbst hinter dem Film.
Stattdessen hat Facebook versucht, die Aufmerksamkeit klein zu halten und Desinteresse zu demonstrieren. Das Unternehmen gab eine wenig aussagekräftige Stellungnahme heraus, in der es hieß: "Der Film könnte ein Zeichen sein, dass Facebook wichtig für die Menschen geworden ist - auch wenn der Film Fiktion ist." Zuckerberg selbst sagte vor einigen Wochen in einem Fernsehinterview, er habe keine Absicht, den Film zu sehen. Mit solchen "Ablenkungen" solle man sich gar nicht erst beschäftigen. Im Übrigen würden die Menschen einen danach beurteilen, was man kreiere, und nicht danach, was über einen in einem Film gesagt werde.
Der Filmstart steht kurz bevor
Die auf soziale Netzwerke spezialisierte Beraterin Barbara Rozgonyi sagt, Facebook verfolge mit Blick auf den Film "eine Strategie des Vermeidens", und sie hält dies für einen Fehler. Der Film werde Facebook viel Aufmerksamkeit bescheren, und das Unternehmen sollte sich selbst aktiver in die öffentliche Diskussion einschalten und deren Richtung mitbestimmen. Markenberater Rob Frankel meint, wenn Facebook sich den Rummel um den Film offensiver zunutze machen würde, könnte das Unternehmen am Ende trotz der negativen Darstellung Zuckerbergs sogar davon profitieren.
Nun, da der Filmstart kurz bevorsteht, scheint sich Zuckerberg tatsächlich etwas mehr zu öffnen. Vor wenigen Tagen erschien in der Zeitschrift "New Yorker" ein großes Porträt, in dem sich Zuckerberg von einer etwas menschlicheren Seite zeigt und Einblicke in sein Privatleben gibt. Zuckerbergs Freundin kommt zu Wort, und er selbst gibt zu bedenken, er sei heute nicht mehr der gleiche wie damals im Alter von 19 Jahren, als er Facebook gegründet hat: "Ich denke, ich bin reifer geworden und habe viel gelernt."
| Name | Kurs | Prozent |
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