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F.A.Z.-Interview „Der Finanzmarkt glaubt uns nicht“

26.04.2005 ·  Im F.A.Z.-Interview spricht Allianz-Finanzvorstand Helmut Perlet über die schwachen Aktienkursentwicklung des Versicherungs- und Bankkonzerns und den Zweifel an der Dresdner Bank.

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Wenn die Aktionäre des Münchner Versicherungs- und Bankkonzerns Allianz kommende Woche zur Hauptversammlung zusammenkommen, werden sie wohl mit gemischten Gefühlen auf ihr Unternehmen blicken. Ihre Geschäftszahlen hat die Allianz 2004 klar verbessert, doch dem Aktienkurs des Finanzriesen hat das bisher keinen Auftrieb verschafft. Helmut Perlet, 58 Jahre alt, ist Finanzvorstand der Allianz.

Herr Perlet, warum mag die Börse die Allianz nicht?

Wir hatten noch nie so viele Kaufempfehlungen von Analysten wie jetzt. Der Kapitalmarkt erkennt unsere Fortschritte also durchaus an.

Zufrieden können Sie wohl kaum sein: Im Zwölfmonatsvergleich stagniert Ihr Aktienkurs.

Wir müssen aus der Kursentwicklung ganz emotionslos ableiten: Der Finanzmarkt glaubt offensichtlich derzeit noch nicht, daß wir, wie angekündigt, von 2006 an unseren Gewinn prozentual zweistellig steigern können. Es sind draußen noch gewisse Zweifel vorhanden, und es liegt an uns, die Anleger durch positive Geschäftsergebnisse zu überzeugen.

Woher kommt die Skepsis?

Ich habe in den vergangenen Wochen mit vielen Investoren geredet. Dabei kamen vor allem drei Punkte zur Sprache. Was die Leute natürlich bewegt, ist, daß rund 60 Prozent des operativen Gewinns aus der Schaden- und Unfallsparte stammen. 2004 war das Ergebnis in diesem Bereich super. Wir können uns damit auch international sehr gut sehen lassen. Es bestehen aber Befürchtungen, daß in diesen Märkten die Ergebnisse nicht gehalten werden können.

Die Abhängigkeit der Allianz von der Geldmaschine Sachversicherung ist also zu groß.

Bei einem Anteil von 60 Prozent ist die Abhängigkeit noch nicht zu groß. Aber jedenfalls ist dieser Bereich der größte Ergebnisträger. Ich erwarte, daß der zyklische Abschwung in den Sachversicherungsmärkten dieses Mal flacher ausfallen wird, als viele denken. Auch bei vielen europäischen Wettbewerbern wird der Fokus in den kommenden Jahren auf der Marge und nicht auf aggressivem Wachstum liegen. Das stützt die Preise. Außerdem können wir bei der Allianz auch in diesem Jahr die Kostenbasis noch weiter verbessern. Dadurch erwarte ich mittelfristig einen positiven Ergebniseffekt. Mit unserer Kostenquote liegen wir bislang nur im Mittelfeld.

Die Sachgruppe Deutschland hat 2004 Stellen abgebaut und Niederlassungen geschlossen. Sind im Inland weitere Arbeitsplätze bedroht?

Wir wollen in diesem Jahr keine weiteren Schadenbüros oder Nebenstandorte schließen. Wie sich die Mitarbeiterzahl entwickelt, hängt vom weiteren Schadenverlauf, besonders in der Kraftfahrzeugversicherung, ab.

Was sind die anderen Punkte, die die Anleger an der Allianz zweifeln lassen?

Eine weitere Frage ist: Glauben die Investoren, daß wir in der Lebensversicherung und der Vermögensverwaltung stärker wachsen können als der Markt? Wir sind davon überzeugt. Denn Altersvorsorge und Geldanlage sind in unserem Heimatmarkt Europa die größten Wachstumsfelder, und hier sind wir in Europa Marktführer.

Die Märkte sind skeptischer?

Genau.

Und was ist mit Ihrer Tochtergesellschaft Dresdner Bank?

Das ist der dritte Punkt. Die Investoren haben mittlerweile deutlich mehr Zutrauen, daß die Bank 2005 ihr Ziel erreicht, die Kapitalkosten, also eine Eigenkapitalrendite von knapp 9Prozent zu verdienen. Sie fragen aber: Wo ist darüber hinaus Raum für Ergebnissteigerungen?

Ihr Konkurrent Hypo-Vereinsbank (HVB) peilt bis 2007 eine Eigenkapitalrendite von 15 Prozent vor Steuern an.

Die Vorgabe für die Dresdner Bank lautet auf Sicht der kommenden Jahre, 12Prozent nach Steuern auf das Risikokapital zu erreichen.

Warum sind Sie weniger ehrgeizig als HVB-Chef Dieter Rampl?

Selbst in sehr guten Jahren haben deutsche Privatbanken nie mehr als 12Prozent nach Steuern verdient. Wir haben aber eine echte Chance, bei der Dresdner Bank voranzukommen. Die notwendigen harten Restrukturierungen gingen zwangsläufig zu Lasten des Geschäfts. Damit sind wir nun durch. Jetzt können wir uns wieder ganz darauf konzentrieren, profitabel zu wachsen.

Die Dresdner Bank hängt, verglichen mit HVB und Commerzbank, stark vom Kapitalmarktgeschäft ab. Wieviel Rückenwind brauchen Sie durch die Börsenentwicklung, um Ihr Gewinnziel 2005 zu erreichen?

Die Planungen beruhen auf einem normalen Börsenumfeld, ohne größere Schocks oder Korrekturen.

Hat Sie der heftige Knick an den Aktienmärkten vergangene Woche nervös gemacht?

Nein. Wir fühlen uns, was unsere Gewinnentwicklung angeht, recht gut abgesichert.

Wie ist denn das erste Quartal bei der Dresdner Bank und in den anderen Konzernsparten gelaufen?

Die Entwicklung war über alle Segmente hinweg absolut im Rahmen unserer Erwartungen.

Also sind weder nach unten noch nach oben große Ausreißer zu erwarten?

Nach unten gibt es jedenfalls keine Ausreißer.

Vielleicht zweifeln die Investoren ja noch immer daran, daß Ihr Allfinanzkonzept, Versicherung und Bankgeschäft zusammenzufassen, funktioniert. Citigroup und Credit Suisse gehen gerade den umgekehrten Weg.

Wir haben uns das sehr gründlich überlegt. In anderen europäischen Kernmärkten wie Italien und Frankreich ist diese Integration von Banken und Versicherungen sehr erfolgreich. Es gibt im Markt derzeit eben verschiedene Geschäftsmodelle, und man wird am Ende sehen, welches das beste ist. Vielleicht gibt es ja auch mehrere erfolgreiche Lösungen.

Bisher liefen der Dresdner Bank aber die Kunden davon. Sie hat heute noch rund 5,3 Millionen Kunden - 20 Prozent weniger als noch 2001.

Ja, wir hatten einen Kundenabrieb. Allerdings hatten im Börsenhype vor einigen Jahren auch noch viele Kunden bei mehreren Banken Depots. Da hat es eine Bereinigung gegeben. Angesichts des gewaltigen Turnarounds bei der Dresdner Bank ist es aber eine sehr gute Managementleistung, den Umsatz zu stabilisieren. Das Ziel für das Bankgeschäft lautet, einen Kundenmarktanteil von 10 Prozent zu erreichen, das sind rund 6,5 Millionen Kunden. Um diese Vorgabe zu erreichen, haben wir uns vorgenommen, dieses Jahr über unsere Versicherungsagenten 300000 neue Kunden für die Bank zu werben. Wenn uns das gelingt, werden wir die Märkte auch überzeugen, daß das eine Wachstumsgeschichte ist.

Das Gespräch führte Marcus Theurer.

Quelle: F.A.Z., 27.04.2005, Nr. 97 / Seite 22
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