Home
http://www.faz.net/-gqi-red2
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 10. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

F.A.Z.-Interview „Auch Herr Ackermann hat Fairneß verdient“

27.12.2005 ·  Im Interview mit der F.A.Z. spricht der hessische Ministerpräsident Roland Koch über den Mannesmann-Prozeß und die Folgen für den Finanzplatz Deutschland. Er mahnt die Politik zu Zurückhaltung.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Seit der Bundesgerichtshof in der vergangenen Woche die Freisprüche im Mannesmann-Prozeß aufgehoben hat, wird Josef Ackermann, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, gerade auch aus der Politik mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch fürchtet, daß die Diskussion dem Finanzplatz Deutschland schadet. Er mahnt die Politik zu Zurückhaltung.

Herr Ministerpräsident, sollte Herr Ackermann nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs, das Mannesmann-Verfahren wieder aufzurollen, zurücktreten?

Ich glaube, daß die Politik sehr gut beraten ist, nicht Unternehmensentscheidungen in ihrer Sphäre treffen oder kluge Ratschläge geben zu wollen. Das gilt im übrigen auch umgekehrt. Wir haben ein Interesse an einer erfolgreichen Deutschen Bank, wie wir Interesse haben an einem erfolgreichen Finanzplatz Deutschland. Es bleibt in der Verantwortung der dafür Verantwortlichen in der Bank, wie das im einzelnen organisiert wird, und ich glaube, daß Ratschläge der Politik da eher schaden.

Aber warum gehen dann schon jetzt Politiker quer durch alle Parteien, im Gegensatz zu Ihnen, so sehr mit Ackermann ins Gericht?

Herr Ackermann steht im Licht der Öffentlichkeit und wird damit leben müssen. Das öffentliche Agieren seines Unternehmens und manchmal auch sein eigenes waren in der Vergangenheit nicht immer hilfreich. Politiker sind gerade in schwierigen wirtschaftlichen Situationen vom Aufnehmen von Emotionen nicht frei. Sie spiegeln damit auch ein Stück Volksmeinung wider. Ich glaube aber, daß wir am Ende alle ein Interesse daran haben müssen, daß Deutschland ein attraktiver Platz für internationale Konzerne bleibt.

Hat denn der Ausgang des Revisionsverfahrens Deutschlands Ruf als Standort beschädigt, wie ausländische Zeitungen schreiben?

Deutschland ist stolz darauf, eine unabhängige Rechtsprechung zu haben, die sehr hohe Standards an Verläßlichkeit und Transparenz setzt. Allerdings ändert das nichts daran, daß in der Welt und auch bei uns ein solches Urteil diskutiert werden muß und daß wir auch versuchen müssen zu erklären, welche von anderen Ländern abweichende Maßstäbe wir haben. Sicherlich ist es ein noch zu diskutierender Grundsatz, den der Bundesgerichtshof gefaßt hat, daß man einen Bonus, also eine Belohnung für gute Leistung, in einer Aktiengesellschaft nur dann auszahlen darf, wenn man ihn vorher vertraglich vereinbart hat. Wäre Mannesmann ein Familienunternehmen gewesen, gäbe es die ganze Diskussion nicht. Das ist eine neue Entwicklung, und die hat nichts mit der Integrität von Herrn Ackermann zu tun.

Muß man dann nicht für mehr Rechtsklarheit und Rechtssicherheit sorgen, indem man die aktienrechtlichen Vorschriften zu Pflichten und Verantwortung von Managern überarbeitet?

Ich bezweifle sehr, daß man alles, was in der Wirtschaft passiert, in Gesetze und Verordnungen fassen kann und muß. Die Corporate Governance muß in Deutschland aber weiterentwickelt werden. Schon jetzt sind die dort gefundenen Regeln weit flexibler, als es die Gesetzgebung sein könnte. Wir müssen mit der sicherlich sehr populären Formulierung des Bundesgerichtshofes, in der er Gutsherren und Gutsverwalter miteinander vergleicht, umgehen. Diese Einschätzung des Bundesgerichtshofes schränkt die Möglichkeiten eines Aufsichtsrates, im Interesse von Anteilseignern bestimmte Entscheidungen zu treffen, nicht unerheblich ein. Mir kommt es darauf an, diese Bewertung nicht auf dem Rücken des Vorstandssprechers der Deutschen Bank auszutragen. Herr Ackermann hat sich weder bereichert, noch hatte er die Absicht, sich in irgendeiner Weise untreu zu verhalten. Er hat eine unternehmerische Entscheidung als Aufsichtsrat getroffen, die nun im Streit steht. Das ist schwierig genug, aber es wäre klug, wenn wir es in Deutschland schaffen könnten, den Streit auch wirklich darauf zu konzentrieren. Auch Herr Ackermann hat Fairness verdient.

Sitzt Ackermann denn nicht stellvertretend für den Kapitalismus angelsächsischer Prägung auf der Anklagebank?

In der Öffentlichkeit mag dies der Fall sein. Aber ich bleibe, ohne bisher den vollständigen Text des Urteils zu kennen, bei der Hoffnung, daß solche Art von Verfahren höchstens in Zeitungen, aber nicht vor dem Bundesgerichtshof ausgetragen werden. Wir haben in Deutschland nichts dagegen, Gewinne zu machen. Wir müssen nur nachprüfbar machen, ob es zwischen Anteilseignern, die Gewinne sehen wollen, Arbeitnehmern, die um ihren Arbeitsplatz fürchten, und der Gesellschaft, die von Unternehmen etwas an Leistung für das gesellschaftliche Zusammensein erwartet, fair zugeht.

Stellen Sie sich auch deshalb hinter Herrn Ackermann, weil sie fürchten, daß ein potentieller Nachfolger sich nicht mehr zum Standort Frankfurt bekennt, wie dies Ackermann tut?

Ich bin natürlich froh darüber, daß Herr Ackermann, wenn auch nach einem Suchprozeß mit vielen Diskussionen, am Ende eine so klare Entscheidung zugunsten des Platzes Frankfurt als der Heimat der Deutschen Bank getroffen hat. Auch in diesem Unternehmen gab es ja durchaus unterschiedliche strategische Erwägungen.

Aber spricht nicht die strategische Ausrichtung der Bank gerade gegen einen Verbleib in Frankfurt? Unter der Führung Ackermanns ist das Institut doch schon längst eine angelsächsische Investmentbank geworden, die ihr Geschäft vor allem in London macht.

Wenn andere Institute in Deutschland das Privatkundengeschäft und das Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank hätten, wären sie immer noch ein großer Player. Wir haben doch überhaupt nichts dagegen, daß das Investmentbankgeschäft ein großer Erfolg der Deutschen Bank ist. Nur diesen Erfolg hat sie am Ende, und da schließt sich auch der Kreis mit ihrem Namen, nicht zuletzt wegen ihres deutschen Ursprungs. Das Deutsche ist ein Teil ihres Markenwertes.

Warum haben sich vor Ihnen nur Politiker aus der zweiten Reihe zu Herrn Ackermann geäußert und ihm dabei auch noch einen Rücktritt nahegelegt? Wo bleibt die Unterstützung der Regierung?

Ich bin nur berechtigt, für mich zu sprechen. Und ich halte es für notwendig, darauf aufmerksam zu machen, daß es nicht um die Frage geht, ob man Herrn Ackermann mag oder nicht oder ob er an jedem Tag glücklich agiert hat. Über die persönliche Integrität von Herrn Ackermann wird nicht gestritten. Das ist aber nicht mehr in allen öffentlichen Äußerungen, die aus Deutschland herausgehen, so klar. Und da scheint es mir wichtig, daß auch ein politisch Verantwortlicher, der ein großes Interesse am Finanzplatz Deutschland hat, dieses klar sagt. Wir streiten über eine schwierige Rechtsfrage, in der man sehr unterschiedlicher Meinung sein kann. Das oberste Bundesgericht hat eine klare Richtungsentscheidung getroffen, von der man auch überrascht sein darf. Es geht allein um die Frage, an welcher Stelle ein Aufsichtsrat einer Aktiengesellschaft Entscheidungen treffen darf, die man vielleicht außerordentlich großzügig nennen würde und die ein Familienunternehmer jederzeit treffen darf, die aber nach der Rechtsprechung der deutschen Gerichte jetzt einem Aufsichtsrat verwehrt sind.

Das Gespräch führte Folker Dries.

Quelle: F.A.Z., 28.12.2005, Nr. 302 / Seite 11
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Der große Knall

Von Holger Steltzner

Noch mehr Kredit löst die Strukturprobleme Griechenlands nicht. Das hilft nicht gegen Korruption, Steuerhinterziehung, unfähige Verwaltung und Klientelpolitik. Wenn stattdessen weiter nur Renten und Gehälter gekürzt werden, droht der große Knall. Mehr 6 67

09.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.788,80 +0,59%
 OK
10.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.788,80 +0,59%
FAZ-INDEX 1.515,08 +0,60%
TecDAX 773,23 −0,05%
MDAX 10.356,30 +0,39%
SDAX 5.020,58 +1,11%
REX 421,13 +0,02%
Eurostoxx 50 2.522,34 +0,37%
F.A.Z. EURO INDEX 81,31 +0,42%
Dow Jones 12.890,50 +0,05%
Nasdaq 100 2.563,93 +0,72%
S&P500 1.351,95 +0,15%
Nikkei225 9.002,24 −0,15%
EUR/USD 1,3276 −0,05%
Rohöl Brent Crude 118,34 $ −0,29%
Gold 1.748,00 $ +0,11%
Bund Future 137,23 € −0,37%