http://www.faz.net/-gqe-8x9k6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F+ Icon
F.A.Z. PLUS
abonnieren
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 26.04.2017, 18:00 Uhr

F.A.Z. Exklusiv Diebesbanden plündern den Einzelhandel

Kritik an zu nachsichtigen Staatsanwälten: Ein Unternehmer aus Westfalen begehrt gegen die Justizbehörden auf. Intensivtäter kommen aus wenigen Ländern.

von
© dpa Elektronikartikel sind begehrtes Diebesgut

Der Einzelhandel in Deutschland beklagt eine steigende Zahl von Ladendiebstählen. Die Täter gehen bandenmäßig sowie mit zunehmender Brutalität vor. Und die Strafverfolgungsbehörden kümmern sich nach Ansicht der Händler nicht genug: „Eigentumsdelikte dürfen nicht als Bagatellen betrachtet werden. Staatsanwaltschaften und Gerichte sollten bei Ladendiebstählen auf die Möglichkeit der Verfahrenseinstellung nur in Ausnahmefällen zurückgreifen und Taten stattdessen konsequent strafrechtlich sanktionieren“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE, Stefan Genth, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die Zahl der schwerwiegenden Diebstähle ist nach Angaben des Handelsverbands zwischen 2013 und 2016 kontinuierlich um fast 30 Prozent gestiegen.

Michael Ashelm Folgen:

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) betonte in dieser Woche, dass laut neuer polizeilicher Kriminalstatistik der Anteil der ausländischen Tatverdächtigen und darunter der Asyl-Zuwanderer höher sei als ihr Anteil an der Bevölkerung – das gilt für alle Delikte. Er verwies auf Tätergruppen aus Algerien, Tunesien, Marokko, vom Balkan und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion.

„Es wird immer schlimmer“

Ein ganz lauter Hilferuf kommt vom Handelsunternehmer Gerd Pieper aus Herne, dem die größte inhabergeführte Parfümeriekette Deutschlands gehört – mit seinen Söhnen in der dritten Generation. „Für uns und unsere Mitarbeiter ist das ein unhaltbarer Zustand. Es wird immer schlimmer“, sagt Pieper. Seine 150 Geschäfte mit 1200 Angestellten liegen vornehmlich in Nordrhein-Westfalen. Er berichtet von mehr als 300 Ladendiebstählen am Tag. Der Schaden belaufe sich in seinen Geschäften auf mehr als eine Million Euro im Jahr. Weil die Zahl ständig steige, habe er nun schon den zweiten Sicherheitsbeauftragten einstellen müssen. Hinzu kommen erhebliche Aufwendungen für Kamera- und Aufnahmetechnik zur Identifizierung der Täter.

 
Diebesbanden plündern den Einzelhandel. Ein Unternehmer klagt: „Es wird immer schlimmer!“

Viele Diebstähle würde gefilmt, dann auf CD gebrannt und diese der Polizei übergeben. „Doch wenn wir einen Diebstahl anzeigen, wird das Ermittlungsverfahren in aller Regel eingestellt. Es ist frustrierend zu sehen, dass der Täter mindestens einmal ohne Folge stehlen darf; das lässt mich am Rechtsstaat zweifeln“, sagt Pieper der F.A.Z. Jeder Täter sollte bestraft werden.

Von den Staatsanwaltschaften erhält der Unternehmer in der Regel Briefe mit Begründungen, die ihn nicht zufriedenstellen. Meist heißt es, das Verschulden des Täters sei als „gering“ anzusehen und ein „öffentliches Interesse“ an der Strafverfolgung „nicht“ vorhanden. Pieper sagt: „Staatsanwälte haben offenbar das Gefühl, dass der Diebstahl eines Parfüms für 20 Euro nicht so schlimm sei. Sie sehen den Einzelfall, ohne zu registrieren, dass uns das Produkt zig-mal geklaut wird. Die Staatsanwälte sollten sich mal in unsere Geschäfte stellen und das mitmachen, was meine Mitarbeiter jeden Tag erleben.“

Rund 86 Euro je Diebstahl

Um seinem Unmut kundzutun, hat der 73 Jährige, der sich in verschiedensten Wirtschaftsverbänden engagiert hat und viele Jahre auch ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Herne war, direkt einen Brief an den Justizminister Nordrhein-Westfalens, Thomas Kutschaty (SPD), geschrieben. Geantwortet hat ein Mitarbeiter des Ministers. Beide Schreiben liegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vor. Aus Düsseldorf kamen vor allem Hinweise auf Paragraphen. Zudem hieß es, die Strafverfolgungsbehörden würden zur Ahndung von Ladendiebstählen „beträchtliche Anstrengungen“ unternehmen. „Unsere Erfahrung zeigt, dass es sich überwiegend um Wiederholungstäter handelt und die Staatsanwaltschaften die Verfahren wohl nicht miteinander abgleichen“, sagt Pieper.

Mehr zum Thema

Die HDE-Zahlen machen deutlich, dass sich neben den schwerwiegenden Diebstählen auch die Zahl der polizeilich erfassten einfachen Ladendiebstähle weiterhin auf hohem Niveau bewegt. Laut EHI Retail Institute liegt die Dunkelziffer bei 98 Prozent, womit zuletzt jährlich mehr als 26 Millionen Fälle im Wert von rund 86 Euro je Diebstahl unentdeckt blieben. „Der durch Ladendiebstähle verursachte wirtschaftliche Schaden beträgt jährlich über 2 Milliarden Euro. Trotz bester Präventionsarbeit der Einzelhandelsunternehmen steigen die Zahlen seit einigen Jahren spürbar an“, sagte Genth.

Anteil der ausländischen Verdächtigen: 40,4 Prozent

Die schweren Delikte seien für Unternehmer und Mitarbeiter auch psychisch eine ernsthafte Belastung. In der aktuellen Kriminalstatistik schneidet Nordrhein-Westfalen quer über alle Delikte hinter den Stadtstaaten wieder mit am schlechtesten ab. Beim Ladendiebstahl geht es dabei immer öfter um Intensivtäter. Häufig schlagen organisierte Banden auf Bestellung ausländischer Hintermänner zu. Bezogen auf alle Delikte hat sich der Anteil von tatverdächtigen Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit im Vergleich zum Vorjahr von 38,5 auf 40,4 Prozent erhöht. In Sachsen sind ein Prozent der Zuwanderer für fast 40 Prozent der Straftaten der Zuwanderer verantwortlich. Das ist überall in der Republik so ähnlich. Eine kleine Gruppe an Intensivtätern bringt den Großteil der Migranten in Misskredit, sagte Innenminister de Maizière.

Im Fokus sind besonders kriminelle Flüchtlinge aus den Maghreb-Staaten. Sie haben laut Ermittlungsbehörden einen höheren Anteil an der Gruppe der Tatverdächtigen als alle anderen Zuwanderer. Von den 351 Beschuldigten der Übergriffe auf Frauen in Köln an Silvester 2015/2016 stammen fast 200 aus Algerien, Tunesien und Marokko. Von den nach F.A.Z.-Informationen mehr als 650 Personen, die vom BKA als „Gefährder“ eingestuft werden und 380 möglichen Terrorhelfern, hat ein Drittel keinen deutschen Pass. Ein Viertel davon stammt aus dem Maghreb.

Vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ist zu erfahren, dass von 130.000 Asyl-Migranten aus Algerien, Tunesien und Marokko, die sich in Deutschland aufhalten, mehr als 9000 ausreisepflichtig sind. Etwa 7000 haben derweil vom Staat trotzdem eine Duldung erhalten. Die Anträge sind aber fast chancenlos.

Daimler am Pranger

Von Susanne Preuß, Stuttgart

Daimler hat ein Super-Ergebnis erwirtschaftet. Die Führung sollte sich jetzt nicht daran ergötzen, sondern alles dran setzen, dass der dramatische Ansehensverlust aufgehalten wird. Mehr 0

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden
Zur Homepage