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Exportrückgang Chinas Angst vor der Krise

27.11.2011 ·  Die Exporteure leiden unter dem Rückgang der Bestellungen aus der EU und aus Amerika. Auf ein Konjunkturpaket können die Hersteller nicht bauen - dafür ist die Inflation zu hoch.

Von Christian Geinitz, SHENZHEN
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© REUTERS In Wenzhou südlich von Schanghai ballt sich der chinesische Mittelstand: Die Hafenstadt trägt etwa ein Prozent zu Chinas Wirtschaftskraft bei

Statt zur Fräse greifen die Metallarbeiter zum Pinsel. Mit gelber Farbe ziehen sie die Markierungen auf dem Hallenboden nach. Hinter den Linien sitzen ihre Kollegen an den Werkbänken und polieren Halterungen für Navigationsgeräte. Jeder zweite Arbeitsplatz ist unbesetzt. „Wir versuchen, unsere Leute so gut es geht zu beschäftigen“, sagt Ling Bin, Verwaltungsdirektor und Miteigentümer des Zulieferbetriebs Asic im südchinesischen Shenzhen. „Das wird immer schwieriger.“

150 seiner 400 Mitarbeiter hat der Mittelständler schon entlassen, der Bau einer zweiten Fabrik wurde auf Eis gelegt. Niemand weiß, ob das neue Werk, das 200 Millionen Yuan (23 Millionen Euro) kostet, je benötigt wird. „Die Unsicherheit in Europa und Amerika hat uns voll erwischt“, klagt Ling. „Die Eigentümerfamilie ist sehr besorgt, es gibt fast kein anderes Gesprächsthema.“ Der Betrieb, der mehrheitlich zur taiwanischen Liye-Gruppe gehört, liefert zur Hälfte an europäische Kunden, in Deutschland an Bosch, Rexroth, ZF oder Behr.

„Hoffentlich nicht so schlimm wie damals“

Seit dem Spätsommer hätten die Bestellungen aus der EU und den Vereinigten Staaten um ein Drittel abgenommen, sagt Ling. Statt 90 Prozent wie früher exportiert Asic in diese Märkte nur noch 60 Prozent seiner Produkte. Für das Gesamtjahr erwartet die Gesellschaft einen Umsatzrückgang um mehr als 30 Prozent. „Als wir uns von der ersten Krise gerade erholt hatten, schlug die Schuldenkrise zu“, sagt Ling. „Hoffentlich wird es diesmal nicht so schlimm wie damals.“

Nach den Verwerfungen 2008 stand das Unternehmen in der Südprovinz Guangdong schon einmal vor dem Aus. Dann jedoch machte die Zentralregierung mit Steuerabschlägen und Kaufanreizen die Märkte für Autos, Maschinen und Konsumgüter wieder flott. Der Kraftfahrzeugverkauf stieg 2009 um 45 und 2010 um 32 Prozent. China wurde zum größten Neuwagenmarkt der Welt, alle wichtigen Hersteller mussten Sonderschichten fahren.

Um mitzuhalten, plante Asic das zweite Werk. Es sollte viel größer als der Hauptstandort werden und profitabler. Denn in Shenzhen wurden im Aufschwung die Arbeitskräfte knapp und teuer. Liye wählte deshalb die Nachbarprovinz Jiangxi, die Heimat vieler Wanderarbeiter. Dort kostet ein Asic-Mitarbeiter nur 2500 Yuan im Monat (290 Euro), fast ein Fünftel weniger als in Shenzhen. Um unabhängiger von internationalen Aufträgen zu werden, unterschrieb der Zulieferer zudem Verträge mit einheimischen Autobauern. Etwa mit dem Daimler-Partner BYD, der ebenfalls in Shenzhen ansässig ist, sowie mit Huatai aus Peking, das zwischenzeitlich Saab übernehmen wollte.

Heute geht es diesen Hoffnungsträgern schlecht. BYD hat sich vom am schnellsten wachsenden Pkw-Hersteller Chinas zu einem Sorgenkind entwickelt. In den ersten neun Monaten ging der Absatz um fast 16 Prozent zurück, der Gewinn schmolz um 86 Prozent. Der Konzern muss Betriebsteile stilllegen und Personal abbauen, der Aktienkurs ist seit Jahresanfang um 58 Prozent gefallen. Bei Huatai stürzte der Absatz in den ersten zehn Monaten dieses Jahres sogar um fast drei Viertel. „Im Ausland kriselt es, der Inlandsmarkt kühlt sich ab, es sieht nicht gut aus“, fasst es Ling zusammen.

Die Schwierigkeiten sind nicht auf den Süden beschränkt. Auch an der Ostküste, in Chinas zweiter Werkbank für die Welt, geht es den Ausfuhrbetrieben schlechter als vor einem Jahr. Im Jangtsedelta und den benachbarten Regionen trifft es weniger die großen Staatskonglomerate und ausländischen Unternehmen als vielmehr den chinesischen Mittelstand. Der ballt sich in Wenzhou südlich von Schanghai. Die Hafenstadt trägt etwa ein Prozent zu Chinas Wirtschaftskraft bei, einen guten Teil davon erwirtschaften die 400000 kleinen und mittleren Betriebe. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Provinz Zhejiang, in der Wenzhou liegt, ist so groß wie das Österreichs, der Export entspricht dem Thailands.

Betriebe fürchten Zahlungsausfall europäischer Kunden

„Die Lage hier ist noch schwieriger als 2008“, sagt Zhou Dewen, Präsident des Verbands der kleinen und mittleren Unternehmen von Wenzhou. Die Bestellungen aus der EU seien gefallen, gleichzeitig habe der Euro gegenüber dem Renminbi (Yuan) spürbar an Wert verloren. Eine weitere Hinwendung zum Binnenmarkt als Ersatz für das Ausland falle vielen Unternehmen schwer, da sie dieses Potential schon in der ersten Krisenrunde ausgeschöpft hätten.

Hinzu kommt nach Zhous Einschätzung diesmal eine Besonderheit. Trotz der sinkenden Auftragseingänge nähmen viele Betriebe Bestellungen aus Europa gar nicht mehr an, da sie einen weiteren Sturz des Euro oder sogar den Zahlungsausfall der Kunden befürchteten. Ling Bin von Asic in Shenzhen bestätigt das. In der zurückliegenden Krise sei er auf bestellten Waren sitzen geblieben. Einige Auftraggeber hätten ihre Lieferungen erhalten, aber bis heute nicht bezahlt, darunter sogar internationale Autobauer.

Die Provinz Guangdong, in dem Lings Unternehmen liegt, ist eigentlich das Kraftwerk des chinesischen Aufschwungs. Nirgendwo im Reich der Mitte ist die Wirtschaft stärker als hier - und sie hängt vor allem von der Ausfuhr ab. Die 98 Millionen Einwohner produzieren ein BIP, das dem Indonesiens entspricht, der Export erreicht den Wert ganz Südkoreas. Die Region ist zugleich ein Seismograph für die Stabilität Chinas. Wenn im Perlflussdelta mit seinen Metropolen Guangzhou (Kanton) und Shenzhen die Wirtschaft wackelt, dann schrillt im fernen Peking der Alarm.

Zuletzt war das 2008 und 2009 der Fall, als Zehntausende Exportbetriebe schließen mussten und Millionen Wanderarbeiter ihre Stellung verloren. Die Zentralregierung reagierte über Nacht und legte das größte Konjunktur- und Kreditprogramm auf, das die Welt je gesehen hat. Außerdem kettete sie den Renminbi wie früher fest an den Dollar. Da er dadurch nicht aufwerten konnte, wurden chinesische Waren auf den Weltmärkten vergleichsweise billiger. In Spitzenzeiten galt die chinesische gegenüber der amerikanischen Währung als zu 40 Prozent unterbewertet.

Das viele Geld half der Wirtschaft Chinas zwar über die Krise hinweg, machte sie aber auch angreifbar. Die laxe Geldpolitik, die Kreditflut, die riesigen Infrastrukturinvestitionen, die Dollarbindung fachten die Preise an, plusterten eine Immobilienblase auf, trieben die Kommunen in die Überschuldung, schürten Ängste vor Kreditausfällen und Überkapazitäten, trieben die Devisenreserven in kaum noch zu bewältigende Höhen. Um gegenzuhalten, haben Zentralbank und Regierung die Geldpolitik gestrafft, Investitionen und Kaufhilfen zurückgefahren, den Renminbi leicht aufgewertet.

Die zweitgrößte Volkswirtschaft steckt in einer Zwickmühle

Die gebremste Auslandsnachfrage und die Politik der Drosselung aber drücken auf das Wirtschaftswachstum. Im dritten Quartal war es so niedrig wie seit Frühjahr 2009 nicht, als China die Finanzkrise zu spüren bekam. Mit rund 9 Prozent in diesem und mehr als 8 Prozent im kommenden Jahr sind die Wachstumsaussichten noch rosig. Doch relativ zu den 10,4 Prozent 2010 ist der Rückgang signifikant.

In der jetzigen Phase der Unsicherheit an den Weltmärkten steckt die zweitgrößte Volkswirtschaft in einer Zwickmühle. Drücken die Verantwortlichen weiter aufs fiskal- und geldpolitische Bremspedal, könnten sie die Wirtschaft abwürgen. Geben sie aber wieder Gas, verschärfen sich die Inflation, die Kreditrisiken, die Nöte der Banken und Kommunalhaushalte. Klar sei, dass es ein derart enormes Konjunkturpaket wie vor drei Jahren diesmal nicht geben werde, sagt Yi Xianrong, Direktor des Instituts für Finanzforschung an der staatlichen Denkfabrik CASS. Er hält es auch nicht für nötig: Die Abschwächung des Außenhandels sei beabsichtigt, eine Zunahme des BIP um 8 bis 9 Prozent im Jahr reiche aus.

Das sehen nicht alle Fachleute so optimistisch. „Die Stimulierungspolitik hat China viele Probleme eingetragen, die die Gestaltungsmöglichkeiten im Falle einer neuen Krise arg eingrenzen“, sagt Lei Wanting vom Forschungszentrum für Wirtschaftsentwicklung an der Universität für Wissenschaft und Technik in Hongkong. „In Zeiten hoher Preissteigerungen und öffentlicher Defizite lassen sich die Exportausfälle nicht mehr so einfach durch eine Anregung der Binnennachfrage ausgleichen.“ Ein maßgeblicher Politiker hat auf den schärfer wehenden Wind in der Ausfuhr schon reagiert, Chinas Handelsminister Chen Deming. Trotz der zunehmenden Beschwerden Amerikas, das China in der Wechselkurspolitik unerlaubte Wettbewerbsverzerrungen vorwirft, ist Chen der Ansicht, dass die Aufwertung des Renminbi langsam zum Ende kommen sollte.

Schließlich habe sich Chinas Außenhandelsüberschuss merklich verkleinert. Die Situation ist knifflig, denn die Ausfuhr ist eine von Chinas wichtigsten Stützen. Ihr Anteil am BIP hat sich zwischen 2000 und 2007 von 21 auf 35 Prozent erhöht. Damals stammte also jeder dritte erwirtschaftete Yuan aus dem Auslandsgeschäft. In der Krise ist die Bedeutung zurückgegangen, der Außenhandel des Exportweltmeisters bleibt aber entscheidend für das Wohl und Wehe der Konjunktur. Seit Jahren will China wegkommen von dieser Abhängigkeit, hat auf dem Weg dahin aber noch nicht viel erreicht. Nach den ersten drei Quartalen dieses Jahres ist der Quotient schon wieder auf 28 Prozent geklettert.

Angesichts dieser Verwundbarkeit könnte die Schwäche der Hauptmärkte EU und Amerika dem Fernen Osten heftig zusetzen. Die Deutsche Bank hat ausgerechnet, dass jeder Prozentpunkt, um den die beiden Volkswirtschaften weniger zulegen, Chinas Exportwachstum 7 Prozentpunkte kostet. Noch ist die Entwicklung gut, aber sie verliert an Fahrt. Im Oktober nahm die Ausfuhr so schwach zu wie seit vielen Monaten nicht.

„Es könnte schlimmer kommen als in der Finanzkrise“

Obgleich der Wert insgesamt weiterhin positiv und zweistellig ist, bringt die Abkühlung einzelne Unternehmen wie Asic in die Bredouille. Brenzlig könnte die Lage werden, wenn die Lieferungen ins Ausland stagnieren oder sogar sinken wie 2009. Damals fiel der Export um 16 Prozent. Auch heute gibt es wieder erste Anzeichen für einen Rückgang. Auf der Außenhandelsmesse in Kanton Anfang des Monats bestellten Einkäufer aus Europa 19 Prozent weniger als vor einem Jahr. „Wenn sich die Lage weiter zuspitzt, könnte es schlimmer kommen als in der Finanzkrise“, sagt Luo Fengting, Vizedirektorin bei Zhongnan, der größten privaten Arbeitsvermittlung in Shenzhen. In der Stadt und in der östlich gelegenen Region Chaoshan hätten bereits einige Betriebe schließen müssen, darunter vorübergehend auch Junduoli, ein Vorzeigehersteller von LED-Leuchten. „Plötzlich stehen wieder Tauende auf der Straße, genau wie damals“, sagt Luo.

Im vergangenen Jahr bauten jeden Monat etwa 450 Unternehmen ihre Stände in den Hallen von Zhongnan auf, um Arbeitskräfte zu rekrutieren. Jetzt sind es im Durchschnitt nur noch 300. In dem Saal oberhalb von Luos Büro sind viele der Tische zur Kontaktanbahnung zwischen Arbeitgebern und Jobsuchenden unbesetzt. Bei unserem letzten Besuch im März 2010 hingen hier Hunderte von Stellenausschreibungen, diesmal sind die meisten Klammern leer.

Etwas verloren sitzt Liu Li an einem der Pulte, sie rekrutiert Arbeitskräfte für den Kunstgewerbehersteller Gaodeng. „In unserem Geschäft gibt es ganz klar eine neue Krise“, sagt sie. „Wegen der Flaute im Westen ist unser Umsatz um 30 Prozent gefallen.“ Gaodeng exportiert fast alle Waren nach Europa und Amerika, vor allem Fotorahmen und Wanduhren. „Das lohnt sich nicht mehr, wir satteln um.“ Künftig will man Elektronikbauteile für chinesische Computerhersteller zusammensetzen, dafür sucht Liu jetzt das Personal.

Der einzige Arbeitgeber im nächsten Gang ist der Sportartikelhersteller Jinhua. Er liefert Golftaschen nach Amerika und in die EU. Noch sei das Exportvolumen stabil, sagt der stellvertretende Verwaltungsdirektor Wang Xuemin. „Aber die Gewinne sind stark gefallen.“ Das hänge mit dem Anstieg der Löhne um 20 Prozent im Jahr zusammen und mit der Aufwertung des Renminbi. Seit Juni 2010 hat Chinas Währung gegenüber dem Dollar etwa 8 Prozent zugelegt. „Es ist nicht die Schuldenkrise allein, die uns Exporteuren das Leben schwer macht“, sagt Wang und packt seine Sachen zusammen. „Es wird insgesamt eisiger.“

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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