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Nach dem Middelhoff-Urteil : Die Stunde der Langweiler

Warum schert sich der Fiskus darum?

Verlässt man die eindeutigen Fälle, landet man schnell in Gebieten, in denen die Farben grau werden. Spätestens am Kamener Kreuz mitten im Ruhrgebiet, wo notorisch Stau ist, wurde Middelhoff auf dem Weg von seinem Wohnort Bielefeld zur Arcandor-Zentrale in Essen nervös. Wurde die Unruhe unerträglich, orderte der Mann lieber den Hubschrauber, damit seine Mitarbeiter nicht länger auf ihn verzichten mussten. „Rund um die Uhr im Einsatz“ für die Firma, so lautet die Begründung für die zusätzlichen Kosten. Ist es nicht wichtiger, der Führungsmann kommt schnell in sein Vorstandsbüro, wo ständig große Entscheidungen zum Wohle des Unternehmens von ihm verlangt werden, als dass er sinnlos – also letztlich teuer – auf deutschen Autobahnen herumsteht? Das alles ist unerträgliche Aufplusterungsrhetorik, löst den Fall aber gleichwohl nicht zuungunsten Middelhoffs. Wäre es wirklich so eindeutig, dass die Wahl des Wohnortes Privatsache ist, dürfte kein Firmenchauffeur seinen Chef morgens an der Tür seiner Villa abholen. Wäre es wirklich so eindeutig, müsste man auch die Einführung der Entfernungspauschale im Steuerrecht als Fehlgriff bezeichnen: Wenn der Arbeitgeber sich nicht um die Wahl der Wohnorte seiner Arbeiter scheren muss, warum dann der Fiskus?

Auf ungefähr solchen und anderen Argumenten hatten die Verteidiger Middelhoffs ihre Abwehrstrategie aufgebaut, sind aber nicht durchgedrungen. Es wäre einfach gewesen, hätte sich im Rückblick dokumentieren lassen, dass Eignerin Schickedanz ihrem Top-Mitarbeiter Middelhoff diese Luxusflüge explizit erlaubt oder explizit verboten hat. Doch luzide Transparenz gibt es selten im Leben; auch unter ganz feinen Leuten ist Verlässlichkeit nicht sicher, zumal sich das Verhältnis der beiden Protagonisten inzwischen merklich abgekühlt hat.

Gängige Praxis in Großkonzernen

Nicht Aufopferung, sondern Statusabsicherung birgt den Schlüssel zum Verständnis. Es reicht, sich in der Welt der Reichen und Mächtigen ein wenig umzusehen, um zu erkennen, dass auch in der vermeintlich entzaubert-rationalen Wirtschaftswelt glanzvoll schmückende Accessoires bis heute gang und gäbe sind. Weil ein Auto der S-Klasse (fast) jedermann fährt, muss für die Leute in den Top-Etagen eben zuweilen ein Privatjet her. Dem Arbeitsplatz im Büro soll der Besucher schnell ansehen, mit wem er es zu tun hat. Warum ist es nicht anstößig, wenn ein Vorstandschef sich hinter seinen Schreibtisch einen originalen Siebdruck von Andy Warhol oder Gerhard Richter hängt?

Statusgemäß ausgeschmückte Protzbüros sind in vielen Unternehmen eine Selbstverständlichkeit. Ihre Bewohner werden sagen, das erwarteten die Kunden, sei also ganz und gar im Interesse des Geschäfts und steigere am Ende gar den Wert des Unternehmens, sollte der Preis der Kunstwerke am Markt sich im Lauf ihrer Vorstandstätigkeit erhöhen. Könnten nicht mit ebensolchem Recht die Eigentümer all dieser Unternehmen geltend machen, die teuren Rechnungen für Innenarchitekten und Galeristen schmälerten ihre Dividende? Es wäre doch wohl absurd, das ganze Statusgeprotze der Mächtigen – ein üppiges Sekretariat, Chauffeur, Kofferträger nebst Edelabsteigen im Fünfsternehotel – komplett als Verstoß gegen die Vermögensbetreuungspflicht unter Strafe zu stellen. Kosten und Nutzen verteilen sich eben nicht evident: Ob das Unternehmen, quasi als Statuskompensation, einen geldwerten Nutzen aus dem vielen Lametta zieht oder einen Schaden erleidet, lässt sich selten zweifelsfrei errechnen. Was er getrieben habe, sei „gelebte Praxis in Großkonzernen“, beteuert Middelhoff: Da versteckt er seine Großmannssucht hinter allzu viel Bescheidenheit. Aber die Grenzen sind zweifellos fließend.

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