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Kaufhaus-Sortimente : Karstadt übt sich in Basisdemokratie

Die neue Karstadt-Chefin Eva Lotta Sjöstedt Bild: dpa

Es geht nicht mehr um die große weite Welt von New York oder London: Jetzt zählt die Meinung der Mitarbeiter und der Kunden.

          Wer weiß wohl am besten, was die Kundin in ihrer Warenhausfiliale sucht, was sie dort findet oder - fast noch wichtiger - was sie dort nicht findet? Vermutlich ist es die Verkäuferin oder die Kassiererin vor Ort und nicht etwa die Top-Führungskraft in der entfernten Zentrale in Essen. Eva Lotta-Sjöstedt, langjährige Ikea-Managerin und seit einigen Monaten neue Chefin des angeschlagenen Warenhaus-Konzerns Karstadt, besinnt sich beim Ringen um die Sanierung auf die Expertise ihrer vielen Beschäftigten an der Basis. Die Mitarbeiter sollen dabei helfen, Karstadt neu zu erfinden, lautet die Philosophie der Schwedin, die in dem jetzt gestarteten Projekt mit dem Titel „Karstadt Zukunftsprogramm“ zum Ausdruck kommt. „Wir schicken nicht mehr Roland Berger oder McKinsey in die Filialen, wir fragen unsere Mitarbeiter“, ergänzt Vertriebsgeschäftsführer Thomas Wanke im Gespräch mit dieser Zeitung.

          Brigitte  Koch

          Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

          Systematisch will man nun Filiale für Filiale in intensiven Gesprächsrunden Verbesserungsvorschläge, Ideen und Wünsche sammeln, über ein Computer-Tool verarbeiten und dann möglichst zeitnah umsetzen. All die Vorschläge würden auf ihr wirtschaftliches Potential geprüft und auch mit einer konkreten Umsatzerwartung hinterlegt, wie Wanke beschreibt. „Es mag wie eine Plattitüde klingen, aber wir können Karstadt nur weiterentwickeln, wenn wir auf die Mitarbeiter hören und das dann auch umsetzen“, zeigt er sich überzeugt. Deshalb ist bei diesem Projekt auch der Betriebsrat mit ins Boot geholt worden. Bei den jeweiligen Auftaktveranstaltungen in den einzelnen Filialen ist der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmuth Patzelt stets dabei. Ziel ist, die 83 Warenhäuser sehr viel stärker als bisher an den jeweiligen lokalen Bedürfnissen auszurichten. Parallel zu den Mitarbeitern sollen die Kunden nach ihren Wünschen gefragt werden. Denn zuletzt hatte Karstadt mit zu vielen neuen flippigen Marken Stammkunden vergrault, ohne aber neue Klienten zu gewinnen. Nun will man alles daransetzen, um die klassische Kernzielgruppe der Frauen im Alter um die 50 Jahre in die Häuser zurückzuholen.

          Karstadt soll künftig individueller werden – je nach Region mit einem anderen Sortiment.
          Karstadt soll künftig individueller werden – je nach Region mit einem anderen Sortiment. : Bild: Kaufhold, Marcus

          Im Gegensatz zu den stark auf Skaleneffekte setzenden großen internationalen Handelsketten wie Zara oder Primark müsse sich Karstadt wieder mehr als der Mittelständler oder der gute Nachbar vor Ort präsentieren, beschreibt Wanke die Vorstellungen des neuen Managements.

          In Flensburg lange Hosen, in Schwabing Edelfüller

          „Ein Warenhaus in Rosenheim muss anders aussehen als ein Warenhaus in Flensburg, eine Karstadt-Filiale in Schwabing bedient völlig andere Zielkunden als das Münchener Haus am Nordbad. Das bedeutet, dass wir sehr viel Komplexität managen müssen, aber das können wir stemmen.“ Während beispielsweise in Flensburg überdurchschnittlich viel Damenhosen in extralangen Größen benötigt würden, könnten in Schwabing Edelschreibwaren verkauft werden, die für andere Filialen viel zu teuer seien, nennt der Vertriebsmanager mit Führungserfahrungen bei Adler, Takko oder Obi Beispiele. Großstadthäuser wie die in Düsseldorf oder Essen sollen eher die am Wochenende einen Ausflug in die Stadt machenden Familien bedienen, Kleinstadthäuser mehr die tägliche Nahversorgung übernehmen. In Filialen, die von vielen internationalen Touristen aus Russland, Arabien oder China profitieren, seien wiederum andere Marken und Sortimente gefragt als beispielsweise in Filialen nahe der Schweizer oder österreichischen Grenze.

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