22.09.2008 · Die Touristikbeteiligung an Thomas Cook ist einziger Gewinnträger von Arcandor. Doch Arcandor braucht dringend Geld - nicht zuletzt, um die Waren für das Weihnachtsgeschäft in den Karstadt-Filialen zu finanzieren. Nun wollen die Banken, dass die Thomas-Cook-Beteiligung verkauft wird - zumindest teilweise.
Von Brigitte Koch, Carsten Knop und Hans-Christoph NoackArcandor steht schwer unter Druck. Um noch vor dem Weihnachtsgeschäft an frisches Geld zu kommen, wird der Warenhaus- und Reisekonzern nun von Banken gedrängt, einen Teil seines Beteiligungspakets an der Thomas Cook plc. von bisher insgesamt knapp 53 Prozent zu verkaufen. Thomas Cook ist nach TUI der zweitgrößte Touristikkonzern der Welt. Beide Konzerne sind vor allem in Europa stark. Wie die F.A.Z. aus Bankenkreisen zuverlässig erfahren hat, fordern einige Hausbanken von Arcandor, dass ein Verkaufsprozess eingeleitet wird, der von der amerikanischen Bank Goldman Sachs gesteuert werden soll.
Der Sprecher des Essener Konzerns wollte zum Stand und zum Inhalt der laufenden Verhandlungen mit den Kreditinstituten keine Stellung nehmen. Er sei aber optimistisch, dass die noch laufenden Gespräche zu einem positiven Abschluss gebracht werden. Spekulationen über einen möglichen Komplettrückzug von der Touristiktochter, der von einigen Instituten offenbar erwünscht wird, wies er vehement zurück. Vermutet wurde, Goldman könnte Käufer für ein Paket von insgesamt bis zu 44,8 Prozent an Thomas Cook suchen.
Der einzige Gewinnträger
Der im Konzernabschluss von Arcandor bisher noch voll konsolidierte Touristikkonzern macht rund 60 Prozent des Gesamtumsatzes aus und ist derzeit der einzige Gewinnträger. Sollte die Beteiligung auf unter 50 Prozent sinken, müsste das Unternehmen entkonsolidiert werden und würde nur noch als Beteiligung geführt. Über dieses mögliche schmerzliche Szenario ist im Aufsichtsrat von Arcandor in der vergangenen Woche auch schon gesprochen worden. In den seit Tagen laufenden Kreditgesprächen geht es sowohl um die Refinanzierung einer Tranche der vorhandenen Verbindlichkeiten als auch um die Aufstockung des Kreditrahmens.
Der Essener Konzern benötigt frisches Geld, nicht zuletzt, um die Ware für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft in den Warenhäusern und im Versandhandel zu finanzieren. Zum Konsortium gehören die bayerische Landesbank, die Dresdner Bank, die Commerzbank und die Royal Bank of Scotland. Vor allem letztere soll sich in den Gesprächen unter dem Druck der aktuellen Finanzmarktprobleme quer gestellt haben. „Möglicherweise hat gerade ein angelsächsisches Instut derzeit besonderes Interesse daran, bestimmte Positionen zu bereinigen“, hieß es. Nach den Informationen der F.A.Z. geht es in den Kreditverhandlungen insgesamt um 300 bis 400 Millionen Euro, wobei die zusätzliche Linie oberhalb eines Betrages von 150 Millionen Euro liegen soll. Der auf dem Tisch liegende Vorschlag, auf die Beteiligung an Thomas Cook zurückzugreifen, soll im Grundsatz Konsens unter den Banken sein, hieß es. Allerdings müssten noch alle Beteiligten ihre Zustimmung geben.
Der Arcandor-Konzern wies zur Jahresmitte Nettofinanzverbindlichkeiten von rund bei 1,5 Milliarden Euro auf, wovon rund eine Milliarde Euro auf Bankschulden entfielen, die mit einem (Teil-)Verkauf der Thomas Cook-Beteiligung abgelöst werden könnten. Der im Frühjahr 2007 mit dem Wettbewerber My Travel fusionierte gesamte Thomas-Cook-Konzern wird derzeit mit etwas mehr als 3 Milliarden Euro bewertet, was mehr als dem Dreifachen der Börsenkapitalisierung von Arcandor entspricht. Die Finanzsituation der Essener hat sich nicht zuletzt deshalb weiter angespannt, weil das operative Geschäft der Karstadt-Warenhäuser zuletzt stärker eingebrochen ist als erwartet. Anders als erhofft, hat zudem der Verkauf der Neckermann-Beteiligung keinen Mittelzufluss gebracht, sondern sogar Zugeständnisse gekostet. Und auch die Verzögerung des Zahlungseingangs aus dem Verkauf der Warenhausimmobilien dürfte sich negativ ausgewirkt haben.
„Wir haben ganz, ganz viel Zeit“
Anfang September hatte sich Manny Fontenla-Novoa, der Vorstandsvorsitzende von Thomas Cook, in einem Pressegespräch kurz vor Ende des Rumpfgeschäftsjahres 2007/08 (1. November 2007 bis 30. September 2008) zuversichtlich gezeigt, die gesteckten Ziele zu erreichen. Analysten rechnen seinen Angaben zufolge im Mittel mit einem Umsatz von 8,58 Milliarden Pfund (10,8 Milliarden Euro) und einem Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 342 Millionen Pfund (430,5 Millionen Euro). Die Ebit-Marge sehen Analysten bei 4 Prozent.
Zu den seit Monaten laufenden Verhandlungen über eine Fusion der Fluggesellschaften Condor, Tuifly und Germanwings hatte der Arcandor-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff in der vergangenen Woche gesagt, er stehe nicht unter Zeitdruck. „Wir haben ganz, ganz viel Zeit.“
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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