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Erich Sixt im Interview „Uns fehlt nur noch ein Stempel der Regierung“

22.09.2007 ·  Der größte deutsche Autovermieter Sixt rechnet noch für dieses Jahr mit dem Geschäftsbeginn in China. „Jetzt stehen wir wirklich kurz vor einem Abschluss“, sagte Vorstandschef und Großaktionär Erich Sixt im Gespräch mit der F.A.Z.

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Erich Sixt ist ein Unternehmer mit großer Erfahrung. 1969 begann er seine Arbeit in dem von seinem Großvater und später von seinem Vater aufgebauten Fuhrbetrieb. Seit Jahren ist Sixt der größte Autovermieter in Deutschland. Ein Fünftel des Umsatzes erzielt die seit 1986 börsennotierte Gesellschaft im Ausland. Erich Sixt steht nicht nur als Vorstandsvorsitzender an der Spitze, sondern ist auch der größte Aktionär.

Herr Sixt, Sie sollten sich aus dem Autovermietgeschäft zurückziehen und einen Fahrradverleih gründen. Dann wären Sie der deutsche Vorkämpfer gegen den Klimawandel.

Das habe ich mir tatsächlich einmal überlegt: 1973 während der ersten Ölkrise. Das Sonntagsfahrverbot für Autos war ein Horrorszenario für Autovermieter. Das andere Mal habe ich in den achtziger Jahren darüber nachgedacht, als ich in Peking gewesen bin. Damals gab es dort fast nur Fahrräder. Wir bleiben aber beim Auto. Im Übrigen halte ich die Diskussion um den Klimawandel für typisch deutsch. Wir wollen Musterschüler sein und haben die Illusion, dass ein paar Gramm weniger CO2 das Weltklima verändern.

Aber wenn nicht jeder einen Beitrag leistet, auch die Autofahrer in Deutschland, erreichen wir doch niemals eine Verbesserung.

Das ist schon richtig, aber selbst wenn wir alle Autos in Deutschland abschaffen würden, würde sich das Weltklima so gut wie nicht verändern. Der Ausstoß kommt doch hierzulande von den vielen Millionen alten Autos. Der neue Siebener-BMW zum Beispiel stößt weniger Kohlendioxid aus als ein 15 Jahre alter VW Golf. Nur: Den Vorschlag, die alten Fahrzeuge stillzulegen und neue Fahrzeuge zu kaufen, hat sich noch niemand zu machen getraut.

Politisch wäre das nicht durchzusetzen.

Das stimmt. Deshalb werden wir echte Verbesserungen nur mit revolutionären neuen Technologien erzielen. Das halte ich auch für richtig, schon allein, weil uns das Öl irgendwann ausgehen wird. Einen Wasserstoffantrieb zum Beispiel finde ich faszinierend. Es wird aber wohl noch dauern, bis diese Technologie serienreif ist.

Fragen Ihre Kunden mittlerweile nach speziell schadstoffarmen Autos?

Die Kundennachfrage nach umweltfreundlichen Fahrzeugen ist gleich null. Allerdings haben wir ohnehin eine moderne Vermietflotte mit einem Alter der Autos von höchstens sechs Monaten.

Werden Sie den Umweltaspekt künftig hervorheben, oder warum vermietet Sixt seit kurzem VW Touran mit Erdgasantrieb?

Unser Marketing werden wir nicht umstellen. Aber Sixt ist seit jeher Innovationsführer, und deshalb nehmen wir jetzt tausend Erdgasautos in unsere Flotte. Damit lässt sich der Verbrauch signifikant verringern. Und sparsame Autos sind manchen Kunden schon wichtig.

Stärker als auf den Umweltaspekt achten Ihre Kunden offenbar auf den Preis. Im ersten Halbjahr haben Sie eine angepeilte Preiserhöhung um zwei bis drei Prozent nicht durchsetzen können. Wird Ihnen das bis Jahresende noch gelingen?

Es sieht noch nicht danach aus - zumindest nicht in der Höhe von durchschnittlich zwei bis drei Prozent. Trotzdem hat sich unser Geschäft im ersten Halbjahr erfreulich entwickelt.

Aber die Konkurrenten Europcar, Hertz und Avis, hinter denen Finanzinvestoren stehen, jagen Ihnen mit aggressiver Preispolitik Kunden ab.

Falsch, Sixt jagt den Wettbewerb und gewinnt derzeit Marktanteile. Was die Preise angeht, das ist eben Marktwirtschaft. Ohne den Preisdruck ginge es uns noch besser. Er zwingt uns immerhin, unser Flottenmanagement immer weiter zu verbessern. Aber im großen Rahmen können die Wettbewerber die Preise nicht senken, sonst würden sie untergehen. Mit einem Eigenkapital von nur noch 87 Millionen Euro würde schon ein kleiner Fehler Avis Europe ruinieren. Und Europcar hat wegen horrender Finanzschulden für uns erfreuliche 10 Millionen Euro Verlust im ersten Halbjahr 2007 gemacht.

Worauf kommt es an, um das Flottenmanagement besser zu machen?

Man muss vor allem die Nachfrage exakt prognostizieren. Zum Beispiel legen wir schon jetzt den Fahrzeugbedarf für Ostern 2008 fest und treffen Annahmen. Dazu verwenden wir Zeitreihen, die bis Ostern 1998 zurückreichen. Wir müssen also Volkswirt spielen.

Haben Sie dafür eine eigene volkswirtschaftliche Abteilung?

(lacht) Die sitzt Ihnen gegenüber. Ich bin sozusagen der Chefvolkswirt von Sixt. Von einer eigenen Abteilung halte ich nichts. Das bläht nur die Verwaltung auf. Ich verlasse mich lieber auf den gesunden Menschenverstand.

Im Leasinggeschäft haben Sie zuletzt einen Gewinnrückgang beklagt und über das lange Zögern der Bundesregierung geschimpft. Jetzt steht fest, dass Leasing im Vergleich mit anderen Finanzierungsformen steuerlich nicht benachteiligt wird. Hat sich seitdem Ihr Geschäft belebt?

Ja, in den vergangenen sechs Wochen haben wir einige schöne Abschlüsse mit deutschen Firmen für ein paar tausend Fahrzeuge abgeschlossen. Endverhandlungen, in die ich mich meistens einschalte, führen wir außerdem mit einem europäischen Konzern.

Im Ausland expandieren Sie kräftig. Befürchten Sie nicht, dass es zu schnell geht und Sixt sich übernimmt?

Das Risiko ist überschaubar, weil wir ja nicht eigenes Kapital einsetzen, wo Franchisenehmer aktiv sind. Schaden an der Marke müssen wir aber verhindern. Der Aufwand hält sich allerdings in Grenzen. Dafür haben wir Prüforganisationen, die Testanmietungen machen. Die Ergebnisse stellen wir den Franchisepartnern und unseren Betrieben zur Verfügung und schaffen so eine Wettbewerbssituation.

Müssen Sie inzwischen global präsent sein, um international tätige Konzerne als Kunden zu halten?

Der Trend geht ganz klar in diese Richtung. Mit größeren Konzernen wie EADS oder Siemens könnten wir anderenfalls keine Abschlüsse machen, wenn wir nicht in ganz Europa agieren würden. Binnen weniger Jahre haben wir eine Präsenz in mehr als 85 Ländern aufgebaut. Das sichert auf lange Jahre unsere Expansion. Einen Abschluss für die ganze Welt können wir aber nicht bieten.

Streben Sie eine weltweite Präsenz an, wie Hertz sie bietet?

Ja, natürlich. Wir sind ja nicht mehr weit davon entfernt. Unser einziger großer weißer Fleck sind die Vereinigten Staaten. Es ist kein Geheimnis, dass wir dort einen starken, finanzkräftigen Kooperationspartner oder Franchisenehmer suchen.

Warum nehmen Sie den amerikanischen Markt nicht allein in Angriff?

Das überlasse ich der nächsten Vorstandsgeneration. Finanziell wäre das zwar schon jetzt möglich. Wir bräuchten dafür aber auch die Managementkapazitäten aus dem eigenen Unternehmen. Das geht nicht über Nacht. Wir stellen fieberhaft Nachwuchskräfte ein, um ihnen den Sixt-Spirit zu geben. Ich glaube nicht daran, dass man gute Manager einfach einkaufen kann wie ein Fußballverein seine Spieler.

Einen Markteintritt in China kündigen Sie schon seit längerem an. Wann ist es so weit?

Jetzt stehen wir wirklich kurz vor einem Abschluss. Uns fehlt nur noch ein Stempel von der Regierung. Ich rechne fest damit, dass wir den noch in diesem Jahr bekommen. Unser Partner ist auf jeden Fall startklar.

Wo beginnt Sixt in China?

Es geht los mit ein paar Filialen in Schanghai und Peking. Das Geschäft für das Mieten für wenige Tage ist noch nicht groß, aber europäische Firmen brauchen dort in ihren Niederlassungen Fahrzeuge für Mitarbeiter, die einige Monate in China tätig sind.

Sie sind 63 Jahre alt und erfreuen sich offensichtlich bester Gesundheit. Machen Sie sich über Ihre Nachfolge überhaupt Gedanken?

Natürlich. Wir setzen stark auf eigene Gewächse, und es gibt eine Reihe von Mitarbeitern, die vielversprechend ist. Solange ich aber noch fit und geistig beweglich bin, bleibe ich Vorstandsvorsitzender.

Kommen Ihre zwei Söhne für eine Nachfolge in Frage?

Es ist viel zu früh, um das zu beantworten. Sie sind noch unter 30 und müssen sich erst bewähren. Beide haben ihren Masterabschluss in Wirtschaftswissenschaften im Ausland gemacht. Konstantin ist Geschäftsführer der neuen Internet-Plattform Carmondo.de, die zur Sixt-Gruppe gehört. Alexander arbeitet als Unternehmensberater für Roland Berger.

Das Gespräch führte Joachim Herr.

Quelle: F.A.Z., 22.09.2007, Nr. 221 / Seite 15
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