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Veröffentlicht: 30.03.2013, 14:12 Uhr

Entspannungsindustrie Mach mal langsam!

Mehr Muße! Mehr Zeit für mich! Nach nichts sehnen sich die Deutschen mehr. Und weil Müßiggang ziemlich stressig ist, hilft eine ganze Industrie bei der Entschleunigung nach.

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© dpa Eine gestresste Frau an ihrem Arbeitsplatz: Die Zahl der psychischen Erkrankungen hat sich seit 2000 verdoppelt

Sechs Minuten brauchen Sie, um diesen Artikel zu lesen. Mindestens. Sechs Minuten, in denen Sie tausend andere Dinge tun könnten: frühstücken zum Beispiel, Mails beantworten, twittern, telefonieren, bügeln, Ostereier verstecken, vielleicht auch alles gleichzeitig. Haben Sie also diese Zeit?

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Immerhin ist Zeit das Gut, das den Menschen heute am meisten fehlt. Zeit für sich oder die Familie. Zeit innezuhalten. Zeit für ein gutes Buch. Zeit, um nachzudenken. Befragt man die Deutschen nach ihren Wünschen, so steht „mehr Zeit haben“ ganz weit vorne auf ihrer Liste. Denn immerzu meinen wir, dass die Zeit uns wegläuft, und dann hecheln wir hinterher, bis wir nicht mehr können. Das Ganze nennt sich Stress. Und der tut nicht gut. Bereits jeder fünfte Deutsche leidet unter Stress. Und da Stress der Hauptauslöser für etliche psychische Erkrankungen ist, nehmen diese von Jahr zu Jahr zu, seit dem Jahr 2000 hat ihre Zahl sich verdoppelt. Ärzte und Psychologen warnen bereits vor Burnout als neuer Volkskrankheit.

Entschleunigung als Allheilmittel

Nun mag man sich wundern, woher das rührt. Schließlich arbeiten die meisten von uns seit Einführung der 35-Stunden-Woche deutlich weniger als die Menschen vor 50 Jahren. Trotzdem nimmt der Zeitdruck zu, den die Menschen verspüren, die innere Nervosität auch. Der Stress entsteht im Kopf, weil wir in der Mailflut ersticken, nie Feierabend machen, noch nachts rastlos umherserven oder an Präsentationen feilen. Weil wir gute Mitarbeiter, perfekte Eltern und Ehepartner zugleich sein wollen, weil wir den Wettbewerb gegen Chinesen, Inder und Amerikaner gewinnen wollen.

Nun geht es also darum, diesem Geschäftigkeitsterror wieder zu entkommen. Und da der Stress in der Beschleunigung unserer Gesellschaft wurzelt, so lautet die gängige Meinung, gibt es nur ein Allheilmittel dagegen, die „Entschleunigung“.

Die Menschen wollen ausspannen, zur Ruhe kommen, aussteigen oder einfach nur mal tief durchatmen. Aus dem Eskapismus weniger, die schon vor zehn, zwanzig Jahren ihr Heil im Yoga und in Selbstfindungskursen suchten oder sich aufmachten, um den Jakobsweg zu laufen (wie Hape Kerkeling in seinem Dauerbestseller „Ich bin dann mal weg“), ist eine große gesellschaftliche Sehnsucht geworden. Einen Gang runterschalten, Schlacke rauslassen, Energie reinholen, das ist angesagter denn je, über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg.

Nur Loser haben Zeit

So hat eine Tourismus-Studie ergeben, dass der große Urlaubstraum von „Palmen am Meer“ bei den Bundesbürgern 2009 erstmals nicht mehr an erster Stelle stand. Er wurde vom Wunsch, „viel Zeit zu haben“ verdrängt, auch „zu sich selbst finden“ wird den Urlaubern immer wichtiger. Das passt zu den Ergebnissen des Luxury Institutes in New York, das regelmäßig die Reichen nach den begehrtesten Luxusgütern befragt. Wer dabei an Sportwagen, Schmuck oder Designer-Kleidung denkt, liegt falsch. So gilt unter Amerikas Wohlhabenden heute „mehr Zeit jenseits der Arbeit zu haben“ als eines der höchsten Luxusgüter, ebenso wie „die Freiheit, zu Hause arbeiten zu können“. Dieses Luxusbedürfnis nennt sich „conspicuous leisure“, Geltungserholung. Und diese löst nach und nach den Geltungskonsum ab.

Infografik / Die Vorsätzeder Deutschen © F.A.Z. Vergrößern

Damit kehrt ein längst vergessenes Ideal zurück: Bereits in der Antike war die Muße hochgeachtet unter allen, die eine höhere gesellschaftliche Stellung hatten. Denn den Müßiggang musste man sich leisten können. Erst im Mittelalter ging die Muße verloren, galt fortan als unproduktiv und wurde als Faulheit verachtet. Der Fleiß als Ideal trat an ihre Stelle. Da blieb er, festgemeißelt durch die Industrialisierung, bis vor kurzem unangefochten. Vielleicht aber haben wir es dann übertrieben, denn ein Workaholic zu sein, galt zunehmend als Auszeichnung. Wer Mails noch nachts um drei Uhr schrieb, demonstrierte sich und anderen, wie wichtig er war, wie belastbar und voller geistiger und körperlicher Energie. „Oh, ich habe so einen Stress“, ging manch einem viel leichter über die Lippen als: „Ach, was mach ich heute nur?“ Selbst jene, die Zeit hätten, schämten sich ihrer, meint der Physiker Ulrich Schnabel („Muße. Vom Glück des Nichtstuns“). „In einer Leistungsgesellschaft, die Wachstum, Konsum und Erlebnismaximierung feiert, ist Nichtstun ein bitterer Genuss.“ Nur Loser haben Zeit.

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