Home
http://www.faz.net/-gqi-781ip
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Entspannungsindustrie Mach mal langsam!

Mehr Muße! Mehr Zeit für mich! Nach nichts sehnen sich die Deutschen mehr. Und weil Müßiggang ziemlich stressig ist, hilft eine ganze Industrie bei der Entschleunigung nach.

© dpa Vergrößern Eine gestresste Frau an ihrem Arbeitsplatz: Die Zahl der psychischen Erkrankungen hat sich seit 2000 verdoppelt

Sechs Minuten brauchen Sie, um diesen Artikel zu lesen. Mindestens. Sechs Minuten, in denen Sie tausend andere Dinge tun könnten: frühstücken zum Beispiel, Mails beantworten, twittern, telefonieren, bügeln, Ostereier verstecken, vielleicht auch alles gleichzeitig. Haben Sie also diese Zeit?

Bettina Weiguny Folgen:  

Immerhin ist Zeit das Gut, das den Menschen heute am meisten fehlt. Zeit für sich oder die Familie. Zeit innezuhalten. Zeit für ein gutes Buch. Zeit, um nachzudenken. Befragt man die Deutschen nach ihren Wünschen, so steht „mehr Zeit haben“ ganz weit vorne auf ihrer Liste. Denn immerzu meinen wir, dass die Zeit uns wegläuft, und dann hecheln wir hinterher, bis wir nicht mehr können. Das Ganze nennt sich Stress. Und der tut nicht gut. Bereits jeder fünfte Deutsche leidet unter Stress. Und da Stress der Hauptauslöser für etliche psychische Erkrankungen ist, nehmen diese von Jahr zu Jahr zu, seit dem Jahr 2000 hat ihre Zahl sich verdoppelt. Ärzte und Psychologen warnen bereits vor Burnout als neuer Volkskrankheit.

Entschleunigung als Allheilmittel

Nun mag man sich wundern, woher das rührt. Schließlich arbeiten die meisten von uns seit Einführung der 35-Stunden-Woche deutlich weniger als die Menschen vor 50 Jahren. Trotzdem nimmt der Zeitdruck zu, den die Menschen verspüren, die innere Nervosität auch. Der Stress entsteht im Kopf, weil wir in der Mailflut ersticken, nie Feierabend machen, noch nachts rastlos umherserven oder an Präsentationen feilen. Weil wir gute Mitarbeiter, perfekte Eltern und Ehepartner zugleich sein wollen, weil wir den Wettbewerb gegen Chinesen, Inder und Amerikaner gewinnen wollen.

Nun geht es also darum, diesem Geschäftigkeitsterror wieder zu entkommen. Und da der Stress in der Beschleunigung unserer Gesellschaft wurzelt, so lautet die gängige Meinung, gibt es nur ein Allheilmittel dagegen, die „Entschleunigung“.

Die Menschen wollen ausspannen, zur Ruhe kommen, aussteigen oder einfach nur mal tief durchatmen. Aus dem Eskapismus weniger, die schon vor zehn, zwanzig Jahren ihr Heil im Yoga und in Selbstfindungskursen suchten oder sich aufmachten, um den Jakobsweg zu laufen (wie Hape Kerkeling in seinem Dauerbestseller „Ich bin dann mal weg“), ist eine große gesellschaftliche Sehnsucht geworden. Einen Gang runterschalten, Schlacke rauslassen, Energie reinholen, das ist angesagter denn je, über alle gesellschaftlichen Schichten hinweg.

Nur Loser haben Zeit

So hat eine Tourismus-Studie ergeben, dass der große Urlaubstraum von „Palmen am Meer“ bei den Bundesbürgern 2009 erstmals nicht mehr an erster Stelle stand. Er wurde vom Wunsch, „viel Zeit zu haben“ verdrängt, auch „zu sich selbst finden“ wird den Urlaubern immer wichtiger. Das passt zu den Ergebnissen des Luxury Institutes in New York, das regelmäßig die Reichen nach den begehrtesten Luxusgütern befragt. Wer dabei an Sportwagen, Schmuck oder Designer-Kleidung denkt, liegt falsch. So gilt unter Amerikas Wohlhabenden heute „mehr Zeit jenseits der Arbeit zu haben“ als eines der höchsten Luxusgüter, ebenso wie „die Freiheit, zu Hause arbeiten zu können“. Dieses Luxusbedürfnis nennt sich „conspicuous leisure“, Geltungserholung. Und diese löst nach und nach den Geltungskonsum ab.

Infografik / Die Vorsätzeder Deutschen

Damit kehrt ein längst vergessenes Ideal zurück: Bereits in der Antike war die Muße hochgeachtet unter allen, die eine höhere gesellschaftliche Stellung hatten. Denn den Müßiggang musste man sich leisten können. Erst im Mittelalter ging die Muße verloren, galt fortan als unproduktiv und wurde als Faulheit verachtet. Der Fleiß als Ideal trat an ihre Stelle. Da blieb er, festgemeißelt durch die Industrialisierung, bis vor kurzem unangefochten. Vielleicht aber haben wir es dann übertrieben, denn ein Workaholic zu sein, galt zunehmend als Auszeichnung. Wer Mails noch nachts um drei Uhr schrieb, demonstrierte sich und anderen, wie wichtig er war, wie belastbar und voller geistiger und körperlicher Energie. „Oh, ich habe so einen Stress“, ging manch einem viel leichter über die Lippen als: „Ach, was mach ich heute nur?“ Selbst jene, die Zeit hätten, schämten sich ihrer, meint der Physiker Ulrich Schnabel („Muße. Vom Glück des Nichtstuns“). „In einer Leistungsgesellschaft, die Wachstum, Konsum und Erlebnismaximierung feiert, ist Nichtstun ein bitterer Genuss.“ Nur Loser haben Zeit.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Die Wirkung von Meditation Der Geist kann Gene an- und abschalten

Was passiert beim Meditieren im menschlichen Körper? Dass sich so Stress oder Schmerzen verringern lassen, ist bekannt. Die Forschung, insbesondere in der Epigenetik, offenbart aber noch weit Erstaunlicheres. Mehr Von Andrea Freund

31.10.2014, 10:50 Uhr | Stil
Trinken gegen den Burnout

In Japan sind die Gruppen betrunkener Angestellter längst zur Zielscheibe des Spotts geworden: Mit spätabendlichen Trinkritualen versuchen sie, den Stress am Arbeitsplatz zu kompensieren. Doch standen ihre 20-Stunden-Schichten einst für den Aufschwung der japanischen Wirtschaft, sind sie heute mehr ein Kampf ums Überleben. Mehr

10.10.2014, 12:02 Uhr | Gesellschaft
Ernährung im Berufsalltag Leichte Kost für harte Arbeit

Manager können nicht auf Dauer schlecht essen und gut arbeiten. Deshalb fordert Cynthia Ahrens, Trainerin von Führungskräften, mehr Eigenverantwortung und die Rückkehr der Lunchbox. Mehr

20.10.2014, 12:00 Uhr | Beruf-Chance
Fehlalarm Kein Ebola in Oberhausen

Der Ebola-Verdacht bei einem Mann in Oberhausen hat sich nicht bestätigt, wie ein Sprecher der Stadt am Donnerstag erklärte. Großalarm wurde ausgelöst, weil ein Nachbar wegen eines Wasserschadens in die Wohnung gekommen war und dort den erkrankten Afrikaner gesehen hatte. Mehr

23.10.2014, 17:57 Uhr | Gesellschaft
Säureblocker für den Magen Nicht alle Spei-Babys brauchen Medikamente

Säuglinge spucken oder schreien viel – und Kinderärzte verordnen immer häufiger Säureblocker für den Magen. Doch das kann Folgen haben. Mehr Von Martina Lenzen-Schulte

22.10.2014, 21:56 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 30.03.2013, 14:12 Uhr

Geld rettet Japan nicht

Von Carsten Germis

Die japanische Zentralbank überrascht die Märkte mit einer noch weiteren Öffnung der geldpolitischen Schleusen. Doch das rettet das Land nicht. Mehr 6 12

Umfrage

Sparen Sie angesichts der niedrigen Zinsen noch?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --