Home
http://www.faz.net/-gqi-qfgu
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energie Rußland öffnet Gasprom für ausländische Anleger

24.06.2005 ·  Ausländische Aktionäre dürfen künftig ohne Beschränkung Aktien des weltgrößten Erdgasproduzenten Gasprom erwerben. Gleichzeitig hat sich die Regierung die Aktienmehrheit gesichert. Investoren bleiben skeptisch.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Ausländische Aktionäre dürfen künftig ohne jede Beschränkung Aktien des weltgrößten Erdgasproduzenten Gasprom erwerben. Das kündigte der Verwaltungsratsvorsitzende Dimitri Medwedew auf der Gasprom-Hauptversammlung am Freitag in Moskau an. Medwedew, der auch Stabschef der russischen Regierung unter Wladimir Putin ist, erläuterte dies als wichtigen Schritt zur Liberalisierung des russischen Aktienmarktes. Bisher konnten Ausländer nur eine gesonderte Anteilskategorie mit stark eingeschränkten Mitspracherechten erwerben. Größter ausländischer Aktionär ist der deutsche Energiekonzern Eon über seine Tochtergesellschaft Ruhrgas mit 6,5 Prozent. Insgesamt befinden sich derzeit rund 11,5 Prozent der Anteile in ausländischer Hand.

Den staatlichen Griff auf den Erdgaskonzern hat die russische Regierung indes gleichzeitig gestärkt. Medwedew berichtete, daß der Staat eine Beteiligung von 10,7 Prozent in mehreren Tranchen bis zum Jahresende erwerben werde und sich damit die absolute Aktienmehrheit sichere. Erst vor diesem Hintergrund, so versichern Kenner des Unternehmens und seines staatlichen Umfeldes, sei die Regierung überhaupt bereit gewesen, zumindest theoretisch auch größere stimmberechtigte Beteiligungen von ausländischen Aktionären zuzulassen. Die von der Hauptversammlung bestätigten Vertreter des elfköpfigen Aufsichtsrates spiegeln den überragenden Einfluß der Regierung wider: Dominiert wird das Gremium künftig weiterhin von fünf Repräsentanten des Kreml, dazu kommen vier Mitglieder aus dem Management sowie ein Vertreter des russischen Investors United Financial Group. Hinzu kommt als einziger Ausländer der Vorstandsvorsitzende von Ruhrgas, Burckhard Bergmann. Matthias Warnig, der als Moskauer Repräsentant der Dresdner Bank, eines wichtigen Finanziers und Beraters von Gasprom, kandidiert hatte, wurde nicht gewählt.

Ausländisches Finanzinteresse gestärkt?

Ob die jüngsten Vorgänge um Gasprom dazu taugen, das ausländische Finanzinteresse wieder stärker nach Rußland zu lenken, wie dies die Regierung Putin beabsichtigt, ist noch nicht auszumachen. Generell ist Gasprom sicherlich eine attraktive Anlagemöglichkeit: Das Unternehmen ist mit einem Umsatz 2004 von 25,6 Milliarden Euro und einem Reingewinn von 4,7 Milliarden Euro das wirtschaftliche Schwergewicht Rußlands, das gegenwärtig von den hohen Energiepreisen profitiert.Zudem wird der russische Staat über den Anteilserwerb rund 6 Milliarden Euro an Gasprom überweisen. Weiterhin ist Gasprom schon stark in die internationale Wirtschaft eingebunden: Größter Abnehmer ist Deutschland vor Italien, der Türkei und Frankreich. Als positiv werteten Beobachter schließlich, daß die Aufhebung der Beschränkungen für ausländischen Anteilsbesitz weiter geht als erwartet.

Dem steht gegenüber, daß die russische Regierung in der jüngeren Vergangenheit das Vertrauen ausländischer Anleger stark erschüttert hat: In erster Linie durch das westlichen Maßstäben nicht standhaltende Gerichtsverfahren gegen den Ölkonzern Yukos beziehungsweise dessen politisch unliebsamen Inhaber Michail Chodorkowskij, der kürzlich wegen Steuerhinterziehung und Betruges zu neun Jahren Freiheitsentzug verurteilt wurde. Als Hebel dienten schwer nachvollziehbare Steuernachforderungen von rund 28 Milliarden Euro. Im Zuge des Verfahrens wurden Yukos-Aktionäre faktisch enteignet, während die Regierung sich wesentliche Teile des Ölkonzerns sicherte.

Bergmann wieder einziger Ausländer im Aufsichtsrat

Das Risiko der politischen Konfrontation mit dem Kreml immerhin dürften Gasprom-Anleger nicht eingehen. Das zeigt der Vorstoß von Gasprom in der Medienbranche: Auch dort ist der Konzern Marktführer. Zuletzt erwarb er die Mehrheit an der führenden Qualitätszeitung Iswestija mit einer Auflage von 200000 Exemplaren. Weiterhin gehören drei Fernsehsender, fünf Radiostationen und ein Zeitschriftenverlag zu Gasprom - ein Medienkonzern, der ohne politische Rückendeckung augenscheinlich nicht hätte entstehen können.

Der Vorstandsvorsitzende der Essener Ruhrgas AG, Burckhard Bergmann, ist während der Hauptversammlung abermals in den Aufsichtsrat des Energiekonzerns gewählt worden. Er ist damit wieder der einzige Ausländer in dem Gremium. Der zweite deutsche Kandidat, Matthias Warnig, Chef der Dresdner Bank Rußland, konnte sich dagegen nicht durchsetzen. Presseberichten zufolge soll Warnig zu DDR-Zeiten hauptamtlicher Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein.

Quelle: pso. / F.A.Z., 25.06.2005, Nr. 145 / Seite 14 / dpa
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Eine deutsche Bank

Von Gerald Braunberger

Josef Ackermann verlässt die Deutsche Bank, die Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen übernimmt. Das Kredithaus agiert überall auf der Welt - von der Rolle eines Weltmarktführers ist die Bank allerdings weit entfernt. Mehr 11 8

31.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.264,38 −0,26%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.364,39 −0,33%
Dow Jones 12.422,50 +0,02%
EUR/USD 1,2367 −0,02%
Rohöl Brent Crude 102,27 $ −0,95%
Gold 1.540,00 $ 0,00%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.