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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Energie Kraftwerksbau im Hochgebirge

 ·  Gebirgsseen können Energie speichern, die Wind- und Solarkraftwerke zu viel produziert haben. In den Hohen Tauern entsteht derzeit ein neues Pumpspeicher-Kraftwerk. 2011 soll es fertig sein. Österreichs Wasserspeicher werden für die europäische Energieversorgung immer wichtiger.

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In den Hohen Tauern liegt das Herz von Österreichs Energiewirtschaft. Hier arbeiten die zentralen Speicherkraftwerke des Energieversorgers Österreichische Elektrizitätswirtschafts-AG. Derzeit baut der Verbund ein Erweiterungsprojekt der Kraftwerksanlage Kaprun-Oberstufe, die auch Limberg I genannt wird. Mit dessen Erweiterung Limberg II wird ein Pumpspeicherkraftwerk errichtet, das im kommenden Jahr seinen Betrieb aufnehmen soll. Es nutzt die Höhenunterschiede der beiden Speicherseen Mooserboden auf 2036 Metern Seehöhe und Wasserfallboden, der 1672 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Beide Hochgebirgsseen liegen ungewöhnlich nahe beieinander.

Bereits seit dem Frühjahr 2006 laufen im hinteren Kapruner Tal die Arbeiten auf Hochtouren. Limberg II ist ein Ausgleichs- und Regelkraftwerk. Nach Fertigstellung im Sommer 2011 soll die Leistungskapazität der Kraftwerksgruppe Kaprun von 353 auf 833 Megawatt steigen. Dadurch können dann rund zehn Prozent der in Österreich benötigten Netzleistung zu Spitzenverbrauchszeiten zur Verfügung gestellt werden.

Das Kraftwerk trägt nicht nur zur Gewährleistung eines sicheren und stabilen Netzbetriebes in Österreich bei. Limberg II hat auch eine europäische Bedeutung: Der Anteil stark schwankender Stromerzeugung aus Wind und Photovoltaik wird in den kommenden Jahren deutlich steigen. Damit werden auch die Alpenspeicher stärker gefordert. Österreich versteht sich bereits jetzt als "grüner Akku Europas" und wird diese Position ausbauen. Zwar kommt Österreich nach Angaben des Verbands der Österreichischen E-Werke (VEÖ) nur auf einen Anteil von 2,5 Prozent an der EU-Stromerzeugung, jedoch bereits auf 17,5 Prozent Anteil an der EU-Pumpspeicherleistung. Mit Limberg II wird das Land nach Schätzung von Karl Wimmer, Leiter der Kraftwerksgruppe Kaprun-Salzach, mehr als 20 Prozent erreichen.

Kosten: 365 Millionen Euro

Den Energieversorger-Verbund kostet der Neubau des Kraftwerkes 365 Millionen Euro. Diese Investition soll einen zusätzlichen Umsatz von rund 50 Millionen Euro im Jahr bringen. Wie viel Ergebnis daraus erzielt werden soll, darüber hält sich der Konzern allerdings bedeckt. Jedoch dürfte das Kraftwerksprojekt mit einer Rendite von zumindest 7 Prozent kalkuliert worden sein. Im vergangenen Jahr erlöste der Verbund 3,5 Milliarden Euro im Jahr und war mit einem operativen Ertrag von 30 Prozent des Umsatzes einer der profitabelsten Stromerzeuger in Europa.

Bereits Anfang der siebziger Jahre angedacht, wurde das Projekt 1994 aufgrund der bevorstehenden Liberalisierung des Strommarktes wieder auf Eis gelegt, da es nicht rentiert hätte. Da aber nun mit dem Aufstieg der Windenergie mehr Ausgleichsspeicher notwendig und lukrativer werden, genehmigte der Aufsichtsrat vor vier Jahren den Bau von Limberg II.

Als große Schwierigkeit der Baustelle erweist sich eine steile Bergflanke, die die Hälfte vom Jahr über lawinengefährdet ist. "Das ist eine logistische Herausforderung, weil man vom Transport vollkommen abgeschlossen ist", berichtet Paul Stering, der in der Verbund-Austrian Hydro Power AG für Maschinenbau und Instandhaltung zuständig ist. Deshalb wird entsprechend bevorratet. Zu diesem Zweck wurde eigens ein unterirdischer Tunnel gebaut. Er ist sechs Kilometer lang und bringt die Arbeiter von einer Seehöhe von mehr als 700 Meter auf rund 1600 Meter herauf. Daran wurde rund ein Jahr gearbeitet. Der Tunnelbau verursachte fast ein Zehntel der Gesamtkosten.

Dreihundert Spezialisten auf der Hochgebirgsbaustelle

Limberg II wird landschaftlich verträglich, nämlich komplett unterirdisch in Kavernen errichtet. Nach der Fertigstellung wird von außen nur das Zufahrtstor in die Maschinenkaverne zu sehen sein. Bereits in der Planungsphase wurde starkes Augenmerk auf den Schutz der Natur gelegt. Die Anlagenteile liegen im Berginneren und minimieren die Eingriffe in die Natur. Für das im Zuge der Errichtung der Kavernen ausgebrochene Gestein wurden drei Felslagerstätten angelegt. Die Aufschüttungen werden natürlichen Geländeformen angepasst und begrünt. Sie werden nach Abschluss der Arbeiten selbst für Fachleute nicht mehr erkennbar sein. Um Flächen im Hochgebirge rasch zu begrünen, kommt das sogenannte "Saat-Soden-Kombinationsverfahren" zum Einsatz. Die Pflanzen, die vorher an der Stelle wuchsen, werden in Form von Rasenziegeln aufbewahrt und später wieder dort angepflanzt. Denn nur wenige Pflanzen aus dieser Höhe sind als Saatgut erhältlich, wie Helmut Wittmann vom Institut für Ökologie in Salzburg erklärt. Zwischen den Rasenziegeln werden dazu noch neue Alpenpflanzen eingesät. Dadurch gelingt es, den Oberboden zu stabilisieren und die ursprüngliche Vegetation rasch wiederherzustellen. Die Bauaktivitäten stören die Bewohner und den Tourismus in der Region kaum, denn die Baustelle ist vom Ort Kaprun aus weder sicht- noch hörbar und die Kapruner Hochgebirgsstauseen bleiben im Sommer weitgehend ungehindert erreichbar.

Dreihundert Spezialisten arbeiten auf der Hochgebirgsbaustelle. Darunter gibt es auch Deutsche. Olaf Busies ist für die Qualitätssicherung zuständig und arbeitet für MCE Industrietechnik. Er arbeitet wie viele an diesem Projekt in einem sogenannten Dekadenrhythmus: zehn Tage zwölf Stunden, dann hat er wieder rund eine Woche frei. Er kommt aus Leipzig, hat sich mit seiner Familie aber inzwischen in Tirol angesiedelt. Burkhardt Schrandt arbeitet als Straßen- und Lawinenposten auf rund 1600 Metern Seehöhe. Seit mehr als einem Jahr ist der 53 Jahre alte Baden-Württemberger in Kaprun beschäftigt. Er arbeitet acht Tage und hat dann sechs Tage frei. Für ihn ist das besser, als an jedem Wochenende heimzufahren. Der Job ist offenbar gut bezahlt, wie der Werkpolier berichtet, ohne Details zu nennen. Es sei schon etwas speziell, auf dieser Seehöhe zu arbeiten, sagt Schrandt. Vom Hochgebirge hat er in seiner Freizeit allerdings genug. "Ich mache keinen Bergurlaub mehr."

Der Beitrag ist Teil der Serie „Energie für die Zukunft“ die vollständig in der gedruckten F.A.Z. erscheint und teilweise auch auf FAZ.NET. Bislang erschienen: Solarkraftwerke auch für bewölkte Himmel, 12. Juni; Neuer Schub für fossilen Kraftwerksbau, 14. Juni; China setzt auf riesige Wasserkraftwerke , 19. Juni; Strom aus der Wüste, 21. Juni; Langes Warten auf Nabuccos Gas, 25. Juni; Energie: Das Zauberwort lautet Flüssiggas, 2. Juli.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

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