Nirgendwo sonst sprudeln die Gewinne zurzeit so stark wie in der Ölindustrie: Allein die drei marktführenden Konzerne Exxon Mobil, British Petroleum (BP) und Royal Dutch Shell werden in diesem Jahr Schätzungen zufolge insgesamt 70 Milliarden Dollar, umgerechnet 58 Milliarden Euro, verdienen.
Die große Ernte ist nicht etwa dem Umstand zu verdanken, daß die Nachfrage nach Öl und damit die Produktionsvolumina dramatisch gestiegen wären. Entscheidend ist vielmehr der starke Anstieg des Rohölpreises, der sich allein in den vergangenen zwei Jahren verdoppelt hat und in diesem Monat in New York in der Spitze 62 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) erreichte.
Ölkonzerne: Giganten nach Marktkapitalisierung
Der für die Ertragsrechnung der Ölkonzerne ausschlaggebende Durchschnittspreis lag im zweiten Quartal bei 53 Dollar. Das sind 6 Prozent mehr als im ersten Quartal und nochmals 39 Prozent mehr als im zweiten Quartal des vergangenen Jahres. Das Gros der Ölkonzerne wird daher nach Schätzungen der Analysten für das zweite Quartal Gewinnsteigerungen in der Größenordnung von 40 Prozent vermelden. BP wartete schon am Dienstag mit einem um 29 Prozent höheren Quartalsgewinn von 5 Milliarden Dollar auf, Exxon Mobil und Royal Dutch Shell werden an diesem Donnerstag folgen.
Die mit Abstand höchsten Gewinne fährt Exxon Mobil ein: Analystenschätzungen zufolge wird das Unternehmen 2005 rund 30 Milliarden Dollar verdienen. Dies entspricht in etwa dem Fünffachen dessen, was die Deutsche Telekom im vergangenen Jahr nach Steuern erwirtschaftet hat. Schon im vergangenen Jahr hat Exxon Mobil mit 25 Milliarden Dollar den höchsten Unternehmensgewinn aller Zeiten erzielt. Der Konzern ist denn auch in diesem Jahr an der Börse zur am höchsten bewerteten Aktiengesellschaft der Welt aufgerückt und überrundete damit den langjährigen Spitzenreiter General Electric. Derzeit stellt sich die Marktkapitalisierung von Exxon Mobil auf 380 Milliarden Dollar. Auf Platz vier der Weltrangliste folgt BP, auf Platz sechs Royal Dutch Petroleum. BP ist damit auch die größte europäische Aktiengesellschaft. Selbst in Asien wird die Rangliste inzwischen von einem Ölkonzern, der halbstaatlichen Petrochina, angeführt.
Analysten rechnen mit sinkenden Ölpreisen
Die Ölbranche wird in diesem Jahr eine Rendite erwirtschaften, die rund dem Dreifachen ihrer Kapitalkosten entspricht. In der Summe werden die Gewinne der börsennotierten Ölgesellschaften weit über 200 Milliarden Dollar liegen und damit an das Bruttoinlandsprodukt Polens heranreichen. Die Börsenbewertungen der Ölkonzerne gelten aber immer noch als moderat. Dies liegt daran, daß das Gros der Fachleute nicht daran glaubt, daß die Ölhausse nachhaltiger Natur sei. In ihren Schätzungen gehen die Analysten für 2006 fast ohne Ausnahme von wieder sinkenden Ölpreisen aus. Allerdings war dies auch in den Vorjahren der Fall, was sich dann jeweils als Irrtum herausstellte.
