14.08.2010 · Tim Clark, Präsident der Fluggesellschaft Emirates mit Sitz in Dubai, spricht mit der F.A.Z. über seine jüngsten Großeinkäufe bei Airbus und Boeing, den Wettbewerb mit der Lufthansa und die Zukunft Dubais als Flughafen-Drehkreuz der Golfregion.
Herr Clark, im Juli stockten Sie Ihre Bestellungen bei Boeing für den Großraum-Flieger 777 um 30 auf 101 auf. Kurz zuvor erhöhten Sie die Bestellungen für den Airbus-Konkurrenten A380 um 32 auf 90 Maschinen. Gegenwärtig fliegt Emirates mit 149 Passagierjets insgesamt 104 Destinationen an. Brauchen Sie so viele neue Flugzeuge?
Unsere jüngsten Abschlüsse sind ein doppeltes Signal: ein Signal des Vertrauens in das Wachstum der gut gehenden Luftfahrtindustrie, auch ein Signal unserer Verpflichtung, eine moderne, umweltfreundliche und effiziente Flotte für morgen aufzubauen. Sie sind außerdem ein Spiegel unseres Optimismus, und der ist eine Folge davon, dass wir mehr in mehr als 20 aufeinander folgenden Jahren Gewinne erwirtschaftet haben, selbst im Krisenjahr 2009. Nun haben wir Bestellungen von 204 Großraumflugzeugen laufen, die nach dem Listenpreis einen Wert von mehr als 68 Milliarden Dollar haben. Das ist doch nicht schlecht für eine Fluggesellschaft, die vor 25 Jahren mit zwei geleasten Flugzeugen begonnen hat.
Andere große Fluggesellschaften stagnieren, während Sie weiter bestellen. Wie begründen Sie die Expansion ?
Grundlage der Entscheidung, zusätzliche Flugzeuge zu erwerben, ist der Wachstumsplan für das kommende Jahrzehnt. Jede Bestellung bei Boeing und Airbus erfolgte auf einer sorgfältigen Planung der aktuellen und künftigen Anforderungen für unser weltweiten Flugziele.
Aufträge, Energie, Iran - das ist die dreifache Agenda für den Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Persischen Golf. Die Vereinigten Emirate sind für Merkel wichtig. Sie versteht sich gut mit dem Kronprinzen des Emirats Abu Dhabi, Muhammad Bin Zayed Al Nahyan.
Sind Ihre Flugzeuge gut ausgelastet?
Im Finanzjahr 2009/10 hatten wir in unserem Netzwerk, das alle sechs Kontinente umfasst, trotz eines Anstiegs der Kapazität um 20 Prozent eine Auslastung unserer Passagier-Sitze von nahezu 80 Prozent. Ein Schlüsselfaktor unserer ununterbrochenen Profitabilität ist, dass wir verschiedene Flugzeugtypen mit unterschiedlicher Reichweite und Passagierkapazität haben. Das gibt uns die Flexibilität, für eine Route je nach Nachfrage das geeignete Flugzeug einzusetzen.
Kürzlich mussten Boeing und Airbus Stornierungen für 50 bestellte Flugzeuge verkünden. Die Vermutung liegt nahe, dass das Leasingunternehmen „Dubai Aerospace Enterprises“, das dem Vorsitzenden von Emirates gehört, Scheich Ahmad Bin Said Al Maktoum, die Stornierungen vornahm. Storniert wurden 18 Airbus A320 und 7 Airbus A350 sowie 15 Mittelstreckenflugzeuge Boeing 787 „Dreamliner“ und 10 Boeing 777. Was bedeutet das für Emirates: Müssen Sie die Flugzeuge in die Bücher nehmen?
Die laufenden Bestellungen von Emirates für 204 Flugzeuge basieren auf unseren strategischen Plänen und dem künftigen Wachstum. Darüber hinaus kommentiert Emirates keine Spekulationen.
Wie fügen sich die jüngsten Bestellungen in die Strategie von Emirates ein: Welche Märkte haben Sie im Visier?
Die Zahl der Flugreisen wird im nächsten Jahrzehnt stark wachsen. Dabei stossen viele international operierenden Flughäfen an ihre Kapazitätsgrenzen, weil ihr Ausbau Beschränkungen unterliegt. Die A380 ist für uns der Schlüssel, mit der wachsenden Nachfrage Schritt zu halten. Die Boeing 777 ist ebenfalls ein Rückgrat. Wir haben sie so zusammengestellt, dass sie unserer Routenplanung die größtmögliche Flexibilität geben. Heute fliegen die Boeing 777 ab Dubai jeden Kontinent an, von einer Entfernung von zwei Stunden bis zu Nonstop-Flügen mit 16 Stunden.
Das Volumen der jüngsten Bestellungen beträgt laut Listenpreis 68 Milliarden Dollar. Wie finanzieren Sie diesen Betrag? Die gängige Kritik europäischer Fluggesellschaften lautet, dass Emirates Subventionen erhalte und damit der Wettbewerb nicht fair sei?
Emirates erhält weder staatlichen Schutz noch Subventionen. Wir erwirtschaften unseren Gewinn ganz altmodisch: Indem wir die Einnahmen erhöhen und die Kosten unter Kontrolle halten. Wir beziehen die Mittel völlig transparent von Geschäftsbanken, über Anleihen, Leasing und durch Vermögenswerte besicherte Schulden, außerdem über nichtkonventionelle Quellen wie islamischer Mittelaufnahme sowie durch ausländische Investoren. Nie hatten wir Schwierigkeiten, Finanzierungen für den Erwerb von Flugzeugen zu finden - wegen unserer Erfolgsgeschichte und wegen unserer soliden Geschäftsdaten.
Emirates will Berlin und Stuttgart direkt anfliegen, die Lufthansa sträubt sich dagegen. Wollen Sie mehr Unterstützung durch die Bundesregierung?
Emirates gehört länger als 20 Jahre zum Himmel über Deutschland und zu deutschen Städten. Mit 49 Flügen in der Woche nach Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und München ist Deutschland nach Großbritannien unser zweitwichtigster Markt in Europa. Über alle diese Jahre sind wir für die Unterstützung durch die Bundesregierung dankbar. Zuletzt hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel und einige Minister bei der Berlin Air Show unsere A380 besucht. Sie waren bei der Unterzeichnung für die Bestellung von 32 weiteren A380, die der deutschen Wirtschaft helfen wird, anwesend
Wann rechnen Sie damit, dass Ihr erstes Flugzeug in Berlin landet?
Seit 2004 streben wir Landerechte in Berlin und Stuttgart an. Beide Flughäfen haben zu wenige direkte internationale Verbindungen. Flüge von Emirates würden in beiden Städten, in ihrem Umland und in ganz Deutschland den Handel, den Tourismus und die Beschäftigung fördern. Wir hoffen, dass unser langjähriges Gesuch die Unterstützung durch die Bundesregierung erhalten wird. Wir hatten ja Gespräche mit den zuständigen Institutionen und freuen und über den weiteren Dialog.
Ist die Golfregion eine Bedrohung für Fluglinien und Flughäfen in Europa?
Wettbewerb ist gut. Denn er treibt das Wirtschaftswachstum an, und er steigert den Wert, den der Kunde erhält. Zum Schluss entscheidet sich ja der Kunde für eine Fluggesellschaft. Dank Dubais idealer geostrategischer Lage an der Nahtstelle dreier Kontinente leben mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung in einem Radius von acht Flugstunden. Wir können Nonstop von unserem Heimatflughafen Dubai jeden Punkt der Welt erreichen.
Wann lassen Sie Wettbewerber wie Lufthansa hinter sich zurück?
Integraler Teil des Geschäftsmodells jeder großen Fluggesellschaft ist, also Emirates und solcher aus Europa, dass sie Passagiere zwischen internationalen Märkten über ihre Heimatflughäfen befördern. Es ist nicht unser Ziel, Wettbewerber hinter uns zu lassen. Unser Wachstum folgt vielmehr einem Trend nach oben, es ist gleichmäßig, und es reflektiert den Erfolg unseres kommerziellen Geschäftsmodells.
Im Jahr 2015 feiert Emirates den 30. Geburtstag. Wird sie dann der Welt größte Fluggesellschaft sein?
Nach Kilometern je verfügbarem Sitz sind wir bereits die zweitgrößte Fluggesellschaft, und wir sind auf gutem Weg, auch bei anderen Indikatoren eine der größten Fluggesellschaften zu werden. Unsere Bestellungen bei Airbus und Boeing basieren aber auf kommerziellen Erwägungen und reflektieren unsere strategischen Zukunftspläne sowie unsere Flottenanforderungen. Wir bestellen Flugzeuge nicht, um größer als andere Fluggesellschaften zu werden.
Am 6. Juni 2010 landete das erste Frachtflugzeug des Typs Boeing 777 auf dem neuen Flughafen von Dubai, dem „Dubai World Central - Al Maktoum International Airport“. Er liegt auf dem Weg nach Abu Dhabi und soll eine Kapazität von 120 Millionen Passagieren haben, doppelt so groß wie Frankfurt. Welche Rolle spielt der neue Flughafen für das Wachstum von Emirates?
Er richtet sich an Dubais künftigem Bedarf für die Luftfahrt und Logistik aus. Langfristig wird er zweifellos eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Noch aber reicht der „Dubai International Airport“ für unseren augenblicklichen Bedarf. Mit gewissen Investitionen reicht er selbst für das Wachstum von Emirates in den kommenden 12 Jahren. Zwischen 2022 und 2030 wollen wir in den neuen Flughafen umziehen. Den Umzug und seinen Zeitpunkt bestimmt die Regierung von Dubai, die Eigentümerin von Emirates.
Abu Dhabi investiert massiv in den Ausbau seiner 2004 gegründeten Fluggesellschaft Etihad, Qatar tut dasselbe für seine 1995 gegründete Qatar Airways. Daneben wurden am Golf Billigfluggesellschaften gegründet. Gibt es in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Qatar, zwei Staaten mit 7 Millionen Einwohnern, Platz für drei große Fluggesellschaften und vier Flughäfen?
Sie müssen sehen, dass der Heimmarkt für Emirates nicht allein Dubai ist, sondern der gesamte Nahe und Mittlere Osten. Dubai ist eine eigene bedeutende Destination für Tourismus und Geschäftsreisen geworden. Das Drehkreuz ist der Schlüssel zum Erfolg. Dubai liegt an der strategischen Schnittstelle zwischen Europa, Asien und Afrika. Innerhalb eines Radius von vier Flugstunden leben 2 Milliarden Menschen. Bei acht Stunden sind es doppelt so viele. Unser Geschäftsmodell basiert darauf, über unser Drehkreuz Dubai Menschen von einer Ecke der Welt an eine andere zu bringen.
Wie spielt sich der der Wettbewerb zwischen Emirates, Etihad und Qatar Airways ab?
Wir respektieren unsere Wettbewerber, sind aber mit dem Wachstum unserer Fluggesellschaft beschäftigt. In Dubai operieren 130 Fluggesellschaften ohne Beschränkungen unter der „Open Sky Policy“. Das sind mehr als an fast jedem anderen Flughafen. Als Emirates begrüßen wir Wettbewerb. Wir haben Erfahrung, ein sehr gutes Produkt und ein ausgezeichnetes Netzwerk, das wir weiter ausbauen. In den 25 Jahren unseres Bestehens wurde Emirates ein Synonym für Innovation, vom Standard des Service zu den Sitzen, von der Verpflegung zum Unterhaltungsprogramm. Emirates hat mehr als 400 Auszeichnungen bekommen, die den unübertroffenen Kundendienst anerkennen.
Ihre Kapitäne und Piloten, es sind mehr als 2000, kommen aus vielen Dutzend Ländern. Gibt es mit so vielen Menschen unterschiedlichen Hintergrunds Probleme bei der Integration?
Mit mehr als 150 Nationalitäten sind wir eine wahrhaft globale Organisation mit Talenten von jedem Kontinent. In Dubai sind 85 Prozent der Einwohner Ausländer. In einer solch kosmopolitischen Stadt erlebt man jeden Tag eine erfolgreiche multikulturelle Integration. Unsere Vielfalt an Nationalitäten, Kulturen, Religion und ethnischer Hintergründe bereichert. Denn sie bringt neue Ideen, Innovationen und Denkstile, die zu geschäftlichem Erfolg führen.
Dubai lässt gerade die schlimmste Rezession seit seinem Aufstieg zu weltweiter Prominenz hinter sich. Wie stark haben die Rezession in Dubai und die globale Krise Emirates getroffen?
Dubai war nicht die einzige Stadt der Welt, die von der globalen Krise getroffen worden ist, und sicher nicht die, die am stärksten getroffen wurde. Natürlich waren Dubais Probleme bei den Immobilien und im Bau nicht unbedeutend. Dubai bleibt aber ein aufstrebendes Powerhouse in der Region und auf der Weltbühne. Der Flughafen sah 2009, im Vergleich zum Rest der Welt, einen Boom; das Jahr 2010 zeigt einen weiteren bedeutenden Anstieg für Emirates und unser Drehkreuz. Treibende Kraft sind zu einem großen Teil der kommerzielle Erfolg und das anhaltende Wachstum von Emirates, die selbst in der Rezession Gewinn erwirtschaftet hat.
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