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Deutscher Einzelhandel : Surfen im Laden

Einkaufszentrum in Dresden: Immer mehr stationäre Geschäfte setzen auf eine Online-Strategie. Bild: dpa

Immer mehr Geschäfte lassen ihre Kunden beim Einkaufen im eigenen WLAN surfen. Doch ein rechtliches Problem bleibt.

          Wer in der Innenstadt bummeln geht, zückt früher oder später sein Smartphone. Problemlos lassen sich über diverse Apps online verschiedene Angebote abfragen und mit den vermeintlichen Schnäppchen im Regal vergleichen. Die Entscheidung fällt oft gegen den Einzelhandel, denn der kann seine Logistik nicht ebenso günstig organisieren wie ein Online-Versand. Und seit selbst Computer die Kunden beraten können, ist auch das kein Argument mehr, das exklusiv für den Einzelhandel spricht.

          Anna Steiner

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Die Drogeriemarktkette DM hat jetzt auf die Tendenz der Kunden hin zum Online-Shopping reagiert. Seit dieser Woche bietet sie ihren Kunden in allen deutschen Märkten kostenloses WLAN an. Roman Melcher, Geschäftsführer der Drogeriemarktkette, erklärt: „Wir bieten unseren Kunden damit eine sinnvolle Ergänzung zum analogen Einkaufserlebnis.“ Dabei werden keine personenbezogenen Daten erfasst oder gespeichert, heißt es auf der Internetseite des Unternehmens. Wie die Experten für Onlinehandel des E-Commerce-Centers Köln in einer Umfrage herausfanden, kann die Drogeriekette so bei den Kunden punkten. Denn mit 70 Prozent traf kostenfreies WLAN in Geschäften auf ein hohes Interesse bei den Befragten.

          Mit der Nutzung des Internets wollen es die Händler ihren Kunden bequemer machen. Offenbar fürchten die Läden den Preisvergleich nicht. Denn dem aktuellen Online-Monitor des deutschen Handelsverbandes (HDE) zufolge, vergleichen 26 Prozent der Befragten die Preise per Handy, 24 Prozent holen Rat von Freunden ein und 16 Prozent fotografieren Werbung ab. „Die Kunden wollen auch beim Einkaufen über das Internet kommunizieren“, so der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp. Zudem könnten die Produkte über das Smartphone innerhalb von Sekunden mit Freunden besprochen und beraten werden.

          Mehrwert durch Online-Angebote

          Die Drogeriemarktkette ist aber nicht das erste Einzelhandelsunternehmen, das auf eine Online-Strategie setzt. Wie schon beim Einrichten eines Online-Shops - DM eröffnete seinen erst im Juli 2015 - waren andere schneller. In Baumärkten der Kette Hornbach geht man zudem noch weiter. Kunden können hier bereits seit Anfang des vergangenen Jahres kostenfrei auf das Internet zugreifen. „Finden sie dort ein günstigeres Angebot für den identischen Artikel, dann erhält der Kunde für seinen Hinweis noch zehn Prozent Nachlass“, sagte ein Unternehmenssprecher. Zudem nutzt Hornbach seine Internetpräsenz auch für die Veröffentlichung weiterer Artikeldetails oder teilweise in Videos umgewandelte Arbeitsanleitungen, die dem Kunden einen weiteren Mehrwert bieten sollen. Auch die bisherige Benachteiligung von stationärem Handel durch die eingeschränkten Öffnungszeiten werden durch Online-Shops aufgehoben. Was bislang ein Vorteil des Online-Versands war, kann sich so auch der stationäre Einzelhandel zunutze machen.

          Unternehmen wie die Media-Saturn-Gruppe hingegen stehen in der Kritik. In den wenigsten Märkten funktioniert die mobile Datenübertragung, in den meisten Märkten war der direkte Preisvergleich daher lange nicht möglich. Grund dafür sei entgegen der Gerüchte jedoch nicht die Installation von Störsendern durch Media Markt, stellt eine Unternehmenssprecherin gegenüber FAZ.NET klar, sondern „durch die baulichen Gegebenheiten kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten mit dem Mobilfunk.“ Die Märkte seien oft in Kellern oder in Hochhäusern untergebracht, in denen viel Stahl verbaut sei, der die Verbindungen stören könne. Der Einsatz von Störsendern ist zudem in Deutschland untersagt und unterliegt der Genehmigung durch die Bundesnetzagentur. Auch MediaMarkt setzt inzwischen auf Kunden-WLAN.

          Rechtlich ein grauer Bereich

          Für die Händler bleibt jedoch trotz aller Vorteile eine große Unsicherheit: Die sogenannte Störerhaftung macht den WLAN-Betreiber für Rechtsverletzungen haftbar, die andere über sein Netz begehen. Um das Problem der Haftung zu umgehen, lassen viele Händler das Netz von externen Firmen betreiben. Zwar arbeitet die Bundesregierung nach eigener Angabe daran, die wirtschaftlichen Potentiale von WLAN-Funknetzen auszuschöpfen und mobiles Internet in deutschen Städten für jeden verfügbar zu machen. Laut Verbraucherschützern verstößt die deutsche Störerhaftung aber gegen Europarecht.

          Die Bundesregierung hat in einem Gesetzentwurf zur Änderung des Telemediengesetzes bereits nachgebessert. Der Entwurf zielt darauf ab „WLAN-Betreibern die nötige Rechtssicherheit in Haftungsfragen zu verschaffen, um auf diesem Wege eine größere WLAN-Abdeckung in Deutschland zu erreichen“. Sollte die Haftbarkeit der WLAN-Betreiber ausgesetzt werden oder tatsächlich für mehr Rechtssicherheit gesorgt werden, könnten auch kleine Geschäfte, Cafés und Restaurants den Sprung ins Internet wagen, die bislang aus Unsicherheit auf diese Möglichkeit verzichtet haben. Der deutsche Einzelhandel könnte auf diese Weise gegenüber der Konkurrenz aus dem Netz wieder wettbewerbsfähiger werden.

          Mehr Rechtssicherheit? : Wettbewerbsfaktor W-Lan in Cafés, Restaurants und Hotels

          Quelle: FAZ.NET

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