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Prozess um Kölner Stadtarchiv : Neun Jahre und kein Ende

Neun Jahre nach dem Einsturz ist der Ort in Köln immer noch gesperrt. Bild: dpa

An diesem Mittwoch beginnt der Strafprozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs. Die Frage nach einem Schadenersatz könnte noch Jahre unbeantwortet bleiben – dabei hat sie schon viele Millionen Euro verschlungen.

          Fast neun Jahre ist der Kollaps des Kölner Stadtarchivs nun her. Zwei Unbeteiligte starben, als sich die Erde am 3. März 2009 in die U-Bahn-Baustelle Waidmarkt in der Kölner Südstadt ergoss und das Gebäude in Schutt und Asche zerfiel. Tausende Dokumente wurden unwiederbringlich zerstört. Bis heute ist die Ursache nicht geklärt, und doch beginnt an diesem Mittwoch vor der zehnten Strafkammer des Landgerichtes Köln der Strafprozess.

          Bernd  Freytag

          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Ludwigshafen.

          Die Staatsanwaltschaft steht unter Druck. Denn obwohl der Hauptgutachter im Zivilverfahren vermutlich noch mehrere Jahre ermitteln muss, droht im Strafprozess die Verjährungsfrist. Wenn bis 4. März 2019 kein erstinstanzliches Urteil vorliegt, ist der Fall verjährt. Die von der Stadt geforderten 1,2 Milliarden Euro Schadenersatz werden in späteren Zivilverfahren behandelt. Der Ausgang des Strafprozesses ist davon juristisch unabhängig, aber dennoch werden die im Strafverfahren vorgetragenen Argumente Einfluss auf das Zivilverfahren haben.

          Zumal der Gutachter im Zivilprozess, Hans-Georg Kempfert, im Strafprozess vermutlich als Zeuge gehört werden wird. Der Geotechniker und Sachverständige ist zur wichtigsten Person in der Aufarbeitung des Einsturzes geworden. Weil die Ermittlung der Ursachen nur mit großem finanziellen Aufwand möglich ist, wird es auch nur ein umfassendes Gutachten geben. Unter Kempferts Führung wurde rund um die Baustelle ein Besichtigungsbauwerk gebaut, die Stadt beziffert die Beweissicherungskosten auf mehr als 60 Millionen Euro. Sowohl Dauer als auch Kosten der Ermittlungen haben jede Schätzung übertroffen.

          Die Vorwürfe: Fahrlässige Tötung und Baugefährdung

          Entlang der Schlitzmauern – Stützmauern, die die Baufirmen Wayss&Freytag, Bilfinger und Züblin 40 Meter in die Erde gerammt haben, um die Tunnelbaustelle zu sichern – graben sich Kempferts Leute nach unten. Weil alles dokumentiert werden muss, geht es nur langsam voran, angeblich einen halben Meter im Quartal nach unten. Kempfert selbst hat bereits gesagt, die Ermittlungen werden bis mindestens zum Jahr 2020 dauern.

          Konkret soll festgestellt werden, ob die Schlitzwand nicht ordnungsgemäß gebaut wurde, so dass der Boden des benachbarten Archivs durch ein Loch in der Wand in die Baustelle rutschen konnte – davon gehen die Stadt und die Staatsanwaltschaft aus. Oder ob es einen „Grundbruch“ gegeben hat, also die Erde von unten zwischen den Schlitzwänden in die Baustelle gedrückt wurde – diese Auffassung vertreten die beteiligten Baufirmen. Von den anfänglich fast hundert Personen, gegen die die Staatsanwaltschaft ermittelte, sind sieben übrig geblieben. Von dieser Gruppe ist ein ehemaliger Polier gestorben, ein Baggerfahrer lebensgefährlich erkrankt. Vor Gericht stehen nun fünf Angeklagte: ein ehemaliger Mitarbeiter von Bilfinger, zwei von Züblin und zwei Mitarbeiter der Kölner Verkehrsbetriebe, die den Bau der Schlitzwand überwachen sollten. Sie alle sind wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung angeklagt.

          Bis März 2019 muss ein Urteil stehen

          Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf Indizien und hat eigene Gutachter beauftragt – einer von ihnen hat eine Fehlstelle in der Schlitzwand als Ursache ausgemacht. Nach Überzeugung der Ermittler sollen zwei Bauarbeiter beim Ausschachten eines Tunnels auf ein Hindernis gestoßen sein. Anstatt dies der Bauleitung zu melden, hätten sie einfach weitergemacht. So habe sich Druck aufgebaut. Am Unglückstag habe die schadhafte Stelle nachgegeben, in der Folge sei das benachbarte Archiv eingestürzt. Die Richter haben einen strammen Zeitplan vorgegeben, zweimal in der Woche soll verhandelt werden, um bis März 2019 ein Urteil zu finden.

          In einem Zivilverfahren wird es dann erst später um die Schadenersatzforderungen der Stadt gehen. Ein Gutachten zur Höhe der Forderungen wird gerade erstellt. Bislang hat die Stadt die genannten 1,2 Milliarden Euro nicht detailliert begründet, die Baufirmen gehen von erheblich weniger aus. Sie verweisen darauf, dass etliche Dokumente – etwa Telefonbücher und Auktionskataloge – zu geringen Kosten wiederbeschafft werden könnten, eine Restaurierung dieser Stücke deshalb nicht nötig wäre.

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