Airbus will künftig in den Vereinigten Staaten produzieren, um unabhängiger von Dollarkurs-Schwankungen zu werden. Ist das ein Trend, dem auch Cassidian folgen muss?
Bei uns ist die Situation anders gelagert als bei Airbus. Wir erzielen immer noch 80 Prozent unseres Umsatzes in Europa. Nur rund ein Fünftel setzen wir außerhalb des Euroraums um.
Was aber kaum so bleiben wird . . .
Unser Auftragseingang verschiebt sich schon in die Richtung, dass wir künftig mindestens 50 Prozent außerhalb Europas erlösen werden.
Dennoch bleibt Nordamerika trotz stark schrumpfender Budgets ein wichtiger Rüstungsmarkt.
Korrekt. Wir sind dort mit nationalen Partnern bei diversen Projekten wie Grenzsicherung, Drohnen oder Radarsystemen für Schiffe engagiert.
Das wird nicht reichen, um die Abhängigkeit von den europäischen Auftraggebern zu verringern.
In Europa haben wir es angesichts der angespannten Verteidigungsetats mit einer stagnierenden Entwicklung wie in Deutschland, in nicht wenigen Ländern wie Spanien und Großbritannien sogar mit sinkenden Aufträgen zu tun, selbst wenn wir im Bereich der zivilen Sicherheit wie auch in der zunehmend bedeutsamen Cyber-Sicherheit Wachstum beobachten. Wir werden Ende des Jahrzehnts uns auch so ausgerichtet haben, dass nur noch die Hälfte des Umsatzes aus dem Militärbereich kommt, der andere Teil aus der Sicherheit. Aber in anderen Regionen dieser Welt verzeichnen wir extremes Wachstum in der Verteidigung, etwa in Indien, Brasilien und Nahost.
Auf diese Märkte ist Ihr Fokus gerichtet?
Bei den schrumpfenden Verteidigungsbudgets in Europa können wir die Entwicklung der auch hier geforderten Technologien nicht mehr allein finanzieren. Europa wird zusammengenommen nicht mehr die Mittel haben, diese Hochtechnologien voranzutreiben, die Europa aber auch weiterhin verlangt und nachfragen wird. Das Modell hat sich geändert.
Heißt das, die Mittel für neue Entwicklungen müssen aus den neuen Märkten kommen?
Die Globalisierung hat auch unsere Branche erfasst. Wir können nicht nur in Europa produzieren und von hier aus in andere Länder exportieren, die dann die Rechnung zu bezahlen haben. Heute erheben die heranwachsenden, neuen mächtigen Staaten auf diesem Globus natürlich den Anspruch, Fertigung und Entwicklung auch in ihr Land zu holen. Das, was wir bisher gestemmt haben - auf nationaler oder europäischer Ebene -, schultern wir jetzt mit anderen Nationen. Und diese entwickelten Technologien machen wir ja dann wieder für Europa zugänglich.
Mit der Neuorientierung hapert es allerdings mit Blick auf Indien: Cassidian hatte in der Ausschreibung um neue Kampfflugzeuge mit seinem Eurofighter in der ersten Vorentscheidung zugunsten des französischen Konkurrenten Rafale von Dassault das Nachsehen.
Die Kampagne läuft weiter und ist offen. Dieser Prozess ist noch längst nicht zu Ende. Wir rechnen uns nach wie vor faire Chancen aus, weil wir ein sehr gutes Angebot abgegeben haben. Es wäre der größte Eurofighter-Auftrag. Derzeit wird das Angebot von Dassault von Regierungs- und Parlamentskommissionen geprüft. Es geht um 127 Flugzeuge mit einer Option auf die Erhöhung auf 200 Stück, mit Wartungsverträgen über Jahrzehnte, mit Technologietransfers. Das ist ein hochkomplexer Vorgang. Und es wird noch lange bis zur endgültigen Entscheidung dauern. Die Inder gehen bei der Auswahl hochprofessionell vor und ziehen das kompetent durch. Ich schließe dennoch eine neue Ausschreibung und damit einen Neubeginn des Verfahrens nicht aus.
Das lässt vermuten, dass es in den Ausschreibungen zu Regelverstößen oder zu Unregelmäßigkeiten in den Verhandlungen gekommen ist ?
Das kann ich nicht sagen, aber solche komplexen Angebote haben immense Bewertungs- und Interpretationsspielräume. Wie gesagt, rechnen wir uns nach wie vor faire Chancen aus, weil wir ein sehr gehaltvolles Angebot abgegeben haben.
Die deutsche Seite im Eurofighter-Konsortium hat die Federführung des Indien-Auftrags übernommen. Wäre es nicht besser gewesen, dass der britische Partner BAe Systems das Commonwealth-Land Indien betreut?
Diese Verantwortung wurde uns nach Prüfung vieler Kriterien übertragen, und es wurde entschieden, dass wir die Kampagne aus Deutschland heraus mit starker Unterstützung von BAe Systems machen.
War das eine politische Entscheidung zwischen Deutschen und Briten?
Entscheidend war, dass die Bundesregierung bereit war, sich stark in diesem Thema zu engagieren. Ohne dieses Engagement wäre es gar nicht zu einem Angebot gekommen.
Zurück nach Europa: Die Drohne Talarion, die Cassidian entwickelt, hat wegen eines Gegenprojekts der Franzosen und Briten mächtig Konkurrenz bekommen. Tut sich etwas in dieser unseligen Gemengelage? Sie haben sich schließlich eine Annäherung gewünscht.
Deutschland und Frankreich haben sich darin verständigt, dass verschiedene europäische Modelle mit einem parallelen Ansatz nur eine Wiederholung der Fehler von Eurofighter und Rafale wäre und dass man sich angesichts enger Budgetsituationen überlegen sollte, diesen Fehler nicht noch einmal zu machen. Das kann ich nur begrüßen ...
Hat diese Annäherung mit dem Machtwechsel in Paris zu tun ? Die konservative Sarkozy-Regierung hatte eine Beteiligung noch vor den Wahlen in Frankreich ausgeschlossen.
Es gibt Gespräche zwischen der französischen und deutschen Regierung, wie sie sich als treibende Kräfte dieses Themas wieder annehmen können. Die Verhandlungen dauern noch. Wir sind aber sehr zuversichtlich, dass wir in absehbarer Zeit Erfolge sehen und zu einer gesamteuropäischen Lösung einer eigenen Drohne des gehobenen Standards kommen werden. Das ist angesichts der Vielzahl von Funktionen und Missionen eines solchen unbemannten Flugsystems von ungeheuerer Bedeutung.
Wann?
Ich rechne damit, dass wir dieses Jahr, spätestens Anfang 2013 einen Durchbruch erleben werden. Es wird noch kein Vertragsabschluss sein, aber eine klare Absichtsbekundung geben.
Was sind dann die weiteren Schritte?
Das Produkt wird dann einen europäischen Namen bekommen. Ein komplexes integriertes System, das Aufklärungsdaten sammelt und an einem x-beliebigen Aufklärungsort für x-beliebige Aufgaben - ob militärisch oder zivil - eingesetzt werden kann. Klar ist auch, dass wir dann keine eigenen Mittel mehr in die Entwicklung investieren können.
Warum?
Das muss durch die beteiligten Nationen sichergestellt werden. Vor allem aber: Wir haben im Laufe der zwölf Jahre bereits ein sehr hohes Budget in diese neue Technologie investiert - insgesamt deutlich mehr als 500 Millionen Euro. Das war nicht alles eigenes Geld. Aber wir können heute sagen, dass die Industrie die Vorleistungen erbracht hat, die von unserer Seite erforderlich gewesen sind. Jetzt muss ein Zeitpunkt kommen, in dem ein klares Bekenntnis der Nationen für ein solches Produkt folgen muss.
Alle europäischen Nationen?
Momentan liegt die Führung eindeutig bei Deutschland. Dann wird sie gemeinsam mit Frankreich gestaltet. Ich gehe davon aus, dass sich dann neben der Türkei auch Italien und Spanien sowie Großbritannien dem europäischen Ansatz zuwenden werden. Wir sind offen für alle.
Dann können Sie endlich loslegen?
Das Ganze muss noch in eine industrielle Struktur gegossen werden; mit Verträgen der teilnehmenden Länder und Unternehmen, in denen die Arbeitsanteile festgelegt werden müssen. Das braucht viel Zeit. Aber wir legen Wert darauf, dass es eine Lösung wird, die Sinn macht. Wir haben Lernkurven aus früheren europäischen Gemeinschaftsprojekten.
Seit 2006 leitet Stefan Zoller als Vorstandsvorsitzender die Verteidigungssparte Cassidian des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS. Der 54 Jahre alte promovierte Jurist ist den größten Teil seines Berufslebens Manager im Daimler-Konzern gewesen, einem der Hauptaktionäre von EADS. Und immer hat sich Zoller mit Luft- und Raumfahrt beziehungsweise Sicherheit beschäftigt. Von 1996 bis 2000 war er Chefberater für den Vorstand der damaligen Daimler-Benz Aerospace AG (Dasa). Danach führte er sechs Jahre den Flugzeughersteller Dornier GmbH.
Cassidian ist mit 5,8 Milliarden Euro Umsatz und 28 200 Mitarbeitern im EADS-Konzern die drittgrößte Sparte, hinter Airbus, dem Hubschrauberhersteller Eurocopter und vor dem Raumfahrtbereich Astrium. Rund 92 Prozent des Umsatzes werden mit Verteidigung und Sicherheit (wie Eurofighter, Raketen oder Drohnen), nur 8 Prozent mit zivilen Zwecken erzielt.
Obwohl das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) 2011 deutlich um 27 Prozent auf 331 Millionen Euro sank, ist Cassidian mit einer Umsatzrendite von 5,7 (7,7) Prozent die ertragsstärkste Sparte von EADS. Die Airbus-Division schaffte nur 1,8 (1,0) Prozent. (kön.)
Vernunft obsiegt!
Johann Schulz-Gebeltzig (johannsg)
- 11.07.2012, 13:29 Uhr
Umsatzrendite und Steuergelder
Henriette Kaschulke (Wissibesser)
- 11.07.2012, 11:46 Uhr
Zwei Herzen in der Brust....
Gus Savel (gsavel)
- 11.07.2012, 11:02 Uhr
die Europäer
Richard Löwe (RichardL)
- 11.07.2012, 10:56 Uhr
Drohnen
Frank Thiele (Frank_Thiele)
- 11.07.2012, 10:03 Uhr
