22.08.2004 · Die deutschen Autobauer mögen es schnell, teuer und immer noch spritfressend. Drei-Liter-Autos werden kaum gebaut. Und auch selten gekauft. Aber das soll sich ändern.
Von Henning PeitsmeierDie Antwort auf eine drohende Energiekrise in der Zukunft kommt aus Nietwerder. In dem kleinen Dorf bei Neuruppin, im Norden Brandenburgs, wird seit voriger Woche ein Auto gebaut, das weniger als drei Liter Sprit auf hundert Kilometer verbraucht. Jetzt, wo die Benzinpreise in ungeahnte Höhen schießen, müßte so ein Auto ein Bestseller werden. Wird es aber nicht. Der Haken: Das "Jetcar", so heißt das einem Flugzeug ähnliche Gefährt aus Nietwerder, kostet 34.990 Euro. Und das ist entschieden zuviel für ein kleines Auto mit 40 PS und Platz für nur zwei Erwachsene, die wie einst im Messerschmitt-Kabinenroller hintereinander sitzen müssen.
Jetcar-Erfinder Christian Wenger-Rosenau glaubt unverdrossen an den Erfolg seines Winzlings. "Sobald sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen ändern und Autos nicht nach Hubraum, sondern nach ihrem CO2-Ausstoß besteuert werden, haben die Kleinen eine gerechte Chance", sagt der Geschäftsführer der Jetcar Zukunftsfahrzeug GmbH. Um sein kleines Auto günstiger anbieten zu können, fehlt es schlicht an Größe. In der ehemaligen Traktorenwerkstatt bauen nur sechs Mitarbeiter das Jetcar. Alles in Handarbeit. Drei Autos hat die Firma verkauft. Die Käufer? "Liebhaber und Firmen, die das auffällige Auto für Werbung nutzen." Interessenten gebe es deutlich mehr, sagt er, nur könne er keine Serienfertigung aufziehen. Wenger-Rosenau hat keinen Produktionspartner aus der Autoindustrie. Aber eine Vision: "Eines Tages möchte ich an den Erfolg des Smart anknüpfen."
Schont die Umwelt, aber nicht den Geldbeutel
Es ist wie so oft: Für Otto Normalverbraucher sind Autos mit Miniverbrauch unwirtschaftlich. Auch der Drei-Liter-Lupo von Volkswagen macht keine Ausnahme. Er schont die Umwelt, aber nicht den Geldbeutel. Und selbst bescheidenen Ansprüchen einer Kleinfamilie wird der Wagen nicht gerecht. Hinzu kommt der Preis: 15 100 Euro verlangt VW für den mager ausgestatteten Drei-Liter-Lupo. Seit Juli 1999 ist er auf dem Markt und wurde seitdem nach Unternehmensangaben in Deutschland nur 15500mal verkauft. Der frühere VW-Chef Ferdinand Piech hat zwar mit einem 1-Liter-Prototyp eine Probefahrt für die Presse gemacht, danach aber Luxuskarossen wie Phaeton, Bugatti und Bentley mit bis zu 1000-PS-Motoren entwickeln lassen. Das extrem gewichtsreduzierte 1-Liter-Auto, so heißt es, sei technisch so anspruchsvoll, daß es andere Eigenschaften wie hohen Komfort, ausreichend Platz, vernünftige Leistung und erschwinglichen Anschaffungspreis ausschließt.
Schon gibt es Gerüchte, daß auch der Umwelt-Lupo mangels Erfolgs eingestellt wird. VW dementiert: "Es gibt noch kein Einstellungsdatum", sagt eine Konzernsprecherin. Daß der Lupo kein Massenpublikum begeistert, räumt VW freilich ein. "Umweltbewußte Technologietrendsetter" hätten sich anfangs für das Auto interessiert, Leute mit "höherer Bildung und höherem Einkommen".
Warum sparsame Autos bauen?
Diese Klientel kommt auch sonst bei deutschen Herstellern auf ihre Kosten. Schwere Geländewagen mit mindestens acht Zylindern und zuverlässig hohem Spritverbrauch haben von Mercedes über BMW und Porsche auch Massenhersteller wie VW im Angebot. Solche Autos sind nicht nur in Amerika, wo Benzin vergleichsweise billig ist, heiß begehrt, sie werden auch hier gekauft. Warum also sparsame Autos bauen?
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ist alarmiert. Deutsche Autokonzerne verschleuderten Finanzmittel in Luxus-Abenteuer, während die Kunden umweltfreundlichere Autos zunehmend im Ausland orderten. BUND-Verkehrsexperte Rüdiger Rosenthal befürchtet, daß die deutsche Autoindustrie einen Umwelttrend verschläft: "Rußarme Dieselautos kann man heute schon bei Peugeot kaufen, die Deutschen wollen den Partikelfilter erst 2008 anbieten." Und auch bei der Hybridtechnik, die den bewährten Verbrennungsmotor um Elektrokraft ergänzt, sieht Rosenthal ausländische Hersteller wie Toyota und Honda vorn. Er plädiert dafür, alternative Antriebe staatlich anzuschieben. Doch der Bund fördert etwa die schadstoffreie Wasserstofftechnologie bisher nur in der Grundlagenforschung und in stationären Anlagen.
Jetcar preiswerter in China fertigen
Nun weiß auch Verkehrsexperte Rosenthal, daß es Lösungen, die eine Unabhängigkeit vom Erdöl versprechen, so bald nicht geben wird. Deshalb sei es so wichtig, den Kraftstoffverbrauch drastisch zu senken. "Wenn sich der Spritpreis in zehn Jahren verdoppelt, wird es für viele auf dem Weg dahin ein böses Erwachen geben."
Die Autoindustrie erinnert an ihre Selbstverpflichtung zur Flottenverbrauchssenkung. Renault zum Beispiel hat in den vergangenen zehn Jahren den Durchschnittsverbrauch seiner Modelle um 0,8 Liter auf 6,4 Liter Kraftstoff verringert. Die Franzosen werten das als Erfolg und geben zu bedenken, daß sie ihr Modellprogramm jüngst um Großraumlimousinen wie Vel Satis und Grand Espace erweitert haben. Ein Öko-Auto haben auch sie nicht.
Jetcar-Erfinder Wenger-Rosenau bleibt zuversichtlich. "Ich muß mein Ding alleine machen", sagt er. Diese Woche fliegt er nach China. Nicht, weil er glaubt, dort mehr von seinen Ökowinzlingen zu verkaufen. Er hofft auf eine günstigere Teilefertigung. Damit das Jetcar preiswerter wird.
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