Mitten in Salzburg steht ein riesiger Stuhl. Fünfzehn Meter ragen seine Beine gen Himmel, ringsum stehen acht weitere Stühle, sehr viel kleiner. Das Werk heißt „Spirit of Mozart“, Künstlerin Marina Abramovic hat es vor ein paar Jahren gebaut, ein Sitz für den Geist des berühmtesten Sohnes der Stadt. Wenn es so weitergeht, dann errichten sie in Salzburg dem Didi noch zu Lebzeiten ein Denkmal. Eine Dose, fünfzehn, nein zwanzig Meter groß, rot-blau angemalt. Obendrauf eine Statute, a drahtigs Bürschel mit weißem Schopf und Lederjacke: „Dietrich Mateschitz, Held der Gegenwart.“
Das Volk schaut ja bereits zu ihm auf. Am Donnerstag erschien in Österreich eine Umfrage, 6000 Landeseinwohner bis 29 Jahre nannten ihre Idole. Auf Platz eins landete kein Popstar, keine Sportskanone. Österreichs Jugend vergöttert einen Werbefachmann. Dietrich Mateschitz hat die Marke Red Bull erfunden und zu Weltruhm geführt. Er ist der erfolgreichste Unternehmer des Landes, und mit geschätzten 3 Milliarden Euro Privatvermögen dessen reichster Einwohner. Er ist Besitzer von Medien aller Art, Flugzeugstaffeln, Fußballclubs, einem Mobilfunkanbieter. Überall prangt das Logo mit dem roten Stier. Kommenden Sonntag im japanischen Suzuka fährt mit hoher Wahrscheinlichkeit einer seiner beiden Formel-Eins-Rennställe die zweite Weltmeisterschaft in Folge ein. Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel benötigt noch einen Punkt, dann hat Dietrich Mateschitz gewonnen.
Vom Salzburgerland in die weite Welt
Red Bull ist eine süße Brause, die dem Körper angeblich Energie einflößt. Wer schon mal auf Kindergeburtstagen zu Gummibärchen-Bowle genötigt wurde, kennt den Geschmack. Laut Werbung verleiht das Gesöff Flügel. Vettels Erfolg trägt den Markennamen in die Welt hinaus, allein in China werden an die 100 Millionen Menschen das Rennen anschauen. Deutsche trinken Red Bull, Amerikaner trinken Red Bull. Die Chinesen greifen bisher lieber zu den eigenen Kraftbrausen. Dietrich Mateschitz will das ändern. Er verkauft vier Milliarden Dosen im Jahr, in fünf Jahren soll die Zahl doppelt so hoch sein. Das ist der Plan: Vom Salzburgerland aus die Welt zu beherrschen.
Jede Stadt hat ihre Nobelviertel, Aigen im Südosten Salzburgs ist Heimat der Pichs und Porsches, auch Franz Beckenbauer hat hier eine Stadtwohnung. Noch teurer ist das Nonntaler Pflaster, es liegt auf der Südseite der Mozartstadt. Auf dem Berg thront die Hohensalzburg, am Hang kostet der Quadratmeter Zehntausend Euro. Das gelbe Haus von Dietrich Mateschitz blinkt freundlich durch die Bäume. Landestypisches Fachwerk umschließt 900 Quadratmeter Wohnfläche, in der Einfahrt parken Range Rover und Kleinwagen der Dienstboten.
Längst nicht mehr nur ein Getränk
Seit ein paar Jahren gehen in Salzburg die Wohnungspreise durch die Decke, am stärksten ist der Anstieg in Nonntal und Aigen. Jahr für Jahr benötigen Hunderte Zuzügler in der Stadt ein angemessenes Dach über dem Kopf, sie reisen an aus aller Welt und können sich den Quadratmeter zu 10 000 Euro locker leisten. Es sind die Angestellten von Dietrich Mateschitz.
In den achtziger Jahren arbeitete Mateschitz als Marketingmanager für deutsche Konzerne, beim Bremer Kaffeehersteller Jacobs, dann bei Blendax, dem Zahnpastaproduzent. Mateschitz flog durch die Welt, in Asien stieß er auf einen Energiedrink. Er sprach mit dem thailändischen Hersteller und führte das Getränk erst in Österreich ein, dann überall. Heute ist Red Bull eine eigene Welt, voller Sport und Action. Es gibt Red-Bull-Flugzeuge, die am Himmel um riesige Slalomstangen kurven. Es gibt Red-Bull-Snowboarder, die sich die Schneehänge hinunterstürzen. Red Bull hat eigene Rennställe und seit ein paar Jahren eigene Fußball-Clubs. Red Bull New York soll die Marke in Amerika bekannt machen. Red Bull Salzburg soll möglichst bald in der Champions League spielen. In Deutschland hat Mateschitz den FC Sachsen Leipzig gekauft und in Rasen Ballsport Leipzig umgetauft. Da klingen wenigstens die Anfangsbuchstaben nach der rot-blauen Dose. Fußballclubs dürfen in Deutschland nicht wie ihre Sponsoren heißen.
Marketing am Fuschlsee
Allein die beiden Formel-Eins-Rennställe, Red Bull Racing und Torro Rosso, nehmen laut Mateschitz gerade mal ein Zehntel im gesamten Marketingbudget des Konzerns ein. Das beträgt ein Drittel des Umsatzes: 1,4 Milliarden Euro. Weltweit hat Red Bull mittlerweile über 7000 Mitarbeiter. Getränkeabfüller und LKW-Fahrer gehören nicht dazu, Produktion und Logistikvertrieb der Brause lässt Mateschitz komplett von fremden österreichischen Unternehmen erledigen.
Die meisten Red-Bull-Angestellten denken stattdessen ausschließlich über Coolness nach. Wie bleibt die Marke hip? Jugendliche sind sprunghaft. Noch trinken sie Red Bull, in den Clubs der Welt gerne mit Vodka gemixt, am Tag danach pur, gegen die Müdigkeit. Aber bleibt das auch so? Der Ort, an dem die roten Bullen ihre weltweiten Marketingfeldzüge entwerfen, liegt 20 Kilometer vor Salzburg. In Fuschl am Fuschlsee hat Dietrich Mateschitz zwei futuristische Rundbauten auf die grüne Wiese stellen lassen, die Kegeldächer erinnern an die umliegenden Berge. Es gibt viel Glas und viel Wasser, drinnen stehen rote Sofas. Für die Red-Bull-Sportler hat Mateschitz ein Diagnosezentrum bauen lassen, das den letzten Funken Leistung herauskitzeln soll.
Das Imperium bleibt in eigener Hand
Im Fuschl reihen sich die Pensionen, die Trachtenstube hat Ausverkauf. Es sind nicht die Red Bull-Trinker aus den Berliner und Londoner Clubs, die hier Urlaub machen. Kurz hinter dem Ortseingang fährt dem Besucher der erste Rollator entgegen. Alte, längst verdrängte Bilder aus grauer Vorzeit schieben sich vor das geistige Auge, und tatsächlich: Der Wolfgangsee, ewiger Urlaubsort des ewigen deutschen Kanzlers, liegt nebenan.
Mateschitz ist nicht zu sehen. Seine Manager zitiert der Patriarch in die „Cigars Lounge“ im Hangar 7. Dort, am Salzburger Flughafen, hat er sich einen Glaspalast errichten lassen, in dem allerlei Fluggerät steht. Im eigenen Gourmettempel „Ikarus“ kocht diesen Monat Zwei-Sterne-Koch Xavier Pellicer. Doch der Hochglanz täuscht. Mateschitz liebt die Natur, ist durchtrainiert. Wechselnde junge Begleiterinnen halten fit. Er macht was er will. Was haben die Investmentbanker nicht auf ihn eingeredet, die Zentrale in die Großstadt zu verlegen, den Börsengang zu wagen. Mateschitz denkt nicht dran. Den Durchgriff hergeben? Niemals. Wie ein Hendlbauer aus dem Salzburgerland regiert er mit harter Hand sein Weltreich.
Der rote Bulle macht auch Fernsehen
Sein neuestes Projekt hätten die Aktionäre wohl auch abgeschmettert. Es ist in einem grünen Turm beim Salzburger Flughafen beheimatet und trägt den Namen Servus TV. Es handelt sich um Red Bulls Fernsehsender, mit dem Mateschitz bald auch den deutschen Markt aufmischen will. Am Beispiel von Servus TV kann man gut erkennen, wie das Red Bull-Imperium tickt. Seinen Programmchef warb Mateschitz vom Bayerischen Rundfunk ab. Wolfgang Pütz sitzt im Konferenzraum, er sagt: „Wir arbeiten hier nicht bei der Caritas.“ Die Schlagzahl ist hoch. „Sportlich“, sagt Pütz.
Servus TV macht anspruchsvolles Fernsehen, auch aus dem F.A.Z.-Gebäude in Berlin wird ein Talk gesendet. Doch das Investment soll sich rechnen wie alles bei Red Bull, „in fünf bis acht Jahren müssen wir uns selbst tragen“, sagt Pütz. Die Dose muss nicht ständig durchs Bild rollen, aber natürlich ist der Sender Teil der Marketingmaschine. Der wöchentliche Sport-Talk wird im Hangar 7 aufgezeichnet. Bald ist dort der Weltmeister Vettel zu Gast. Es läuft nach Plan.
