02.01.2006 · Der neue Daimler-Chef hat mehr Macht als jeder seiner Vorgänger. Seine schwierigste Aufgabe ist die Renaissance der Marke Mercedes. Rivalen im Vorstand muß Dieter Zetsche dabei nicht fürchten.
Von Georg MeckEs war das 30. Jubiläum des Abiturjahrgangs, und die Mitschüler erinnern sich noch genau, wie Dieter Zetsche mit dem schicken Mercedes vorgefahren ist. Stolz führte er den Testwagen vor. Die alten Kumpels, inzwischen alle um die 50, waren beeindruckt von der technischen Raffinesse des Autos - und noch mehr von Zetsches jungenhafter Begeisterung dafür.
Ob bei der Privatvorstellung oder vor Fachpublikum: Dieter Zetsches Leidenschaft für die Ware Auto ist echt. Kommende Woche, auf der Motor Show in Detroit, hat er den nächsten Auftritt als Chefverkäufer und steht dabei unter besonderer Beobachtung: Zum Jahresbeginn hat der 52 Jahre alte Manager offiziell den Vorstandsvorsitz bei Daimler-Chrysler übernommen.
Zum putzen von Detroit nach Untertürkheim
Der starke Mann im Konzern ist er schon länger, genaugenommen seit jenem Tag Ende Juli, an dem Jürgen Schrempp den Rückzug aufs Altenteil ankündigte. Zetsche, bis dahin Chrysler-Chef, wurde zum Nachfolger ernannt und zog sofort von Detroit nach Untertürkheim; zum Sterne putzen, als Chef der Mercedes Car Group, die der im Duell um die Spitze unterlegene Eckhard Cordes nicht mehr leiten wollte.
Rivalen im Vorstand muß Zetsche nun nicht mehr fürchten. Kein Vorstandsvorsitzender vor ihm regierte Deutschlands Vorzeigekonzern mit einer derartigen Machtfülle. Da sich Schrempps Leben als Pensionär fernab des Unternehmens abspielt, gibt es keinen Vorgänger im Aufsichtsrat, der ihn blockieren könnte. Von niemandes Gnaden hängt Zetsches Schicksal ab.
Retter in miesen Zeiten
Sein Chefaufseher ist bis auf weiteres Hilmar Kopper, ehemals Deutsche-Bank-Chef. Auf der Hauptversammlung im Frühjahr werden Aktionäre einmal mehr Koppers Rücktritt fordern, wie sie ihn die Jahre zuvor als tragende Säule des "Systems Schrempp" attackiert hatten. Wie lange Kopper sich das noch zumutet - darüber laufen in Stuttgart die Wetten. Sicher ist nur: Zetsche droht aus der Ecke kein Ungemach.
Zudem bezieht er seine Legitimität durch die Depression, die Mercedes in der Endphase der Ära Schrempp erfaßt hatte. Wie gelähmt war das Unternehmen nach all den Horrornachrichten: Der Konzern mußte massenhaft Autos in die Werkstätten zurückrufen. Bei Umfragen zur Kundenzufriedenheit landete Mercedes auf den hintersten Plätzen. Die Aktionäre bliesen zum Aufruhr gegen die Milliardenvernichter an der Konzernspitze. Zu allem Überfluß ermittelten die Staatsanwälte wegen Korruption.
In solch miesen Zeiten kommt ein Retter gerade recht. Selten erhielt ein deutscher Manager vorab so viel Lob wie der hochgewachsene Mann, der den Schnauzbart zu seinem Markenzeichen erhoben hat. "Küsse ohne Schnauzbart sind wie Suppe ohne Salz", scherzt Zetsche, der auch Details aus dem Privatleben dosiert und "ergebnisorientiert" - eines seiner Lieblingsworte - einsetzt.
„Küsse ohne Schnauzbart sind wie Suppe ohne Salz“
Bekannt ist, daß er als Sohn eines deutschen Bauingenieurs in Istanbul geboren wurde, daß sein erstes Auto ein VW Käfer war, daß er Frau und drei Kinder hat, daß er als Chrysler-Chef in der Kantine gegessen, bei Messen Bier gezapft und mit hübschen Frauen vor Autos posiert hat. Neuerdings weiß man auch, daß er Geige spielt. In Tokio, bei einer Autoshow, setzte er sich ins Kammerorchester, und seine PR-Strategen sorgten dafür, daß das Foto um die Welt ging. "Seht her", so die Botschaft, "unser Chef liebt nicht nur Autos, er hat auch eine musische Seite."
Was für ein Mensch ist Zetsche wirklich? Was hat ihn geprägt? Die Antwort kennt Horst Stöcker, Professor für theoretische Physik und seit gemeinsamen Schultagen mit Zetsche befreundet. Dessen Liebe für die klassische Musik sei echt und kein Gag, stellt der Wissenschaftler klar. "Pfiffig und ein bißchen frech" sei der junge Zetsche gewesen. Absolut zuverlässig, kein Trickser. Einer der besten Schüler obendrein.
Co-Autor zweier Lehrbücher
"Dieter hätte auch eine akademische Karriere machen können. Aber dazu fehlte ihm wohl die Geduld." An Stöckers Seite hat es der Daimler-Chef wenigstens als Co-Autor in die wissenschaftlichen Bibliotheken geschafft. Vor Jahren haben sie zwei Lehrbücher geschrieben; beides Dauerbrenner, x-mal aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt.
In Oberursel, vor den Toren Frankfurts, hat Zetsche ein naturwissenschaftliches Gymnasium besucht. Danach schrieb er sich in Elektrotechnik ein. Er zog als Student nach Karlsruhe in eine Männer-WG und legte an der Hochschule ein enormes Tempo an den Tag. Gerade 23 Jahre war er alt, als er als Diplomand nach Untertürkheim kam - zu Mercedes, wohin auch sonst?
Daimler-Chrysler ist völlig fixiert auf den Hoffnungsträger
Ein "tierischer Arbeiter, absolut unprätentiös" sei der junge Bursche gewesen, erinnert sich der Betreuer der Diplomarbeit. Joachim Lückel heißt der Mann, damals Entwickler bei Mercedes, ehe er als Wissenschaftler an die Hochschule nach Paderborn wechselte, dort später Zetsches Doktorvater wurde und spätestens da das Potential für dessen Karriere erkannt haben will.
Heute ist Daimler-Chrysler völlig fixiert auf den Hoffnungsträger an der Spitze. Zetsche hat alle Freiheit der Welt. Die Frage ist nur: Was fängt er damit an? Wie setzt er sich ab von Jürgen Schrempp? Welche Idee, welches Konzept folgt dessen Traum von der Welt AG? Die Antwort darauf läßt der neue Vorstandschef bisher allenfalls erahnen.
„bullshit castle“ wird geschleift
Gewiß, er wird die Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen - von Schrempp einst als "bullshit castle" verhöhnt - schleifen. Zetsche bezieht dort zwar das Büro des Vorgängers. Sein wichtigster Schreibtisch aber, so ist zu hören, bleibt in Untertürkheim, im Mercedes-Werk, wo er im Sommer als Chef der Mercedes Car Group eingezogen ist.
Wenn Zetsche künftig Mercedes und Daimler in Personalunion führt ("Damit spare ich immer ein Flugticket"), dann liegt der Verdacht nahe, daß auch auf den unteren Ebenen nicht immer zwei Führungskräfte nötig sind, je einer für Mercedes und einer für den Gesamtkonzern. Der neue Vorstandschef hat bereits angekündigt, die Abläufe zu "optimieren". Im Moment läßt er prüfen, wie viele Aufgaben bisher parallel erledigt werden, wie viele Stellen deshalb zu streichen sind. Daß in Möhringen abgespeckt wird, steht fest. Es gilt der Zetsche-Satz: "Wir müssen mit weniger mehr erreichen."
Das Publikum verlangt nach dem großen Wurf
Statt kühner Visionen predigt er "profitables Wachstum". "Marge statt Menge" und solche Sprüche, die alle irgendwie nach dem alten Schröder-Satz klingen, er werde "nicht alles anders, aber vieles besser" machen. Das Publikum jedoch verlangt nach dem großen neuen Wurf, nach dem Stoff, der die Phantasie der Börse stimuliert. Die Konzentration aufs Autogeschäft sei richtig, entgegnet Zetsche, den Kurs seines Vorgängers verteidigend.
Jenseits des Automobils gibt es freilich nicht mehr viel zu holen bei Daimler. Den Motorenhersteller MTU Friedrichshafen hat der Konzern eben für 1,6 Milliarden Euro an einen schwedischen Finanzinvestor verkauft. Bleibt die Beteiligung am Militär- und Flugzeugkonzern EADS als letzte nennenswerte Randaktivität. Eine Trennung sei allenfalls mittelfristig ein Thema, heißt es dazu in Stuttgart.
Krisenherde im Mercedes-Kernland Schwaben
Im Kerngeschäft, bei den Autos, wurde das ruhmlose Kapitel Mitsubishi beendet. Eine Abspaltung von Chrysler, wie sie von Analysten als Szenario durchgespielt wurde, ist mit der Berufung Zetsches an die Konzernspitze undenkbar geworden. "Die Fusion war richtig. Ich habe die Idee von Anfang an unterstützt und vorangetrieben", betont der Mann, der bei Chrysler 26.000 Stellen abgebaut und die Marke zurück auf die Erfolgsspur gebracht hat.
Bleiben die Krisenherde im Mercedes-Kernland Schwaben. Das Luxusauto Maybach etwa verkauft sich mit 500 Exemplaren weit schlechter als gehofft. Doch wird der neue Chef dem Prestigeprojekt kaum den Todesstoß geben - dafür ist dessen ökonomische Bedeutung für den Konzern zu gering. Zetsche lakonisch: "Der Maybach bringt uns nicht um."
„Von Verlierern kauft niemand ein Auto.“
Ernster stellt sich die Frage nach der Zukunft des Smart, der seit langem den Vornamen Milliardengrab trägt. Der Kleinwagen existiert nur noch, weil ein Produktionsstopp teurer gewesen wäre, als ihn in abgespeckter Variante - mit weniger Personal - fortzuführen. Bis 2007 soll der Kleine jetzt die Gewinnzone erreichen. Und wenn nicht? Darüber weigert sich Zetsche nachzudenken. "Diese Frage stellt sich nicht", sagt er knapp.
Selbstzweifel genehmigt er sich allenfalls in einsamen Momenten. Nach außen gilt die klare Ansage: Da ist das Ziel. Dort ist der Weg. Also los, an die Arbeit! In alle Ecken des Konzerns ist Zetsche nach dem Amtsantritt marschiert, hat viel geredet, noch mehr zugehört und war angetan von der Identifikation seiner Leute mit der Marke Mercedes, vom Know-how, das da schlummert und nur darauf wartet, geweckt zu werden. Den Mitarbeitern Optimismus einzuimpfen, das Selbstbewußtsein zu stärken, darin sah der Prediger seine drängendste Aufgabe. "Von Verlierern kauft niemand ein Auto."
Gleichzeitig hat Zetsche die Zügel angezogen. Das von Cordes geerbte Sparprogramm wurde verschärft. Zunächst kündigte Zetsche den Abbau von 8500 Stellen an. Jetzt werden wohl doppelt so viele Arbeitsplätze gestrichen, um den für das Jahr 2008 angepeilten Gewinn von neun Milliarden Euro zu erreichen. Als er den Plan jüngst dem Aufsichtsrat vorlegte, stimmten die Arbeitnehmervertreter entsetzt dagegen und warfen ihm "Shareholder-value-Denken" vor. Durch ebendiesen Anspruch, das Vermögen der Eigner zu mehren, ist Schrempp berühmt geworden - und am Ende daran gescheitert. Löst Zetsche das Versprechen ein, die Aktionäre würden es ihm danken.
Was haben Bier und schöne Frauen gemeinsam, Herr Zetsche?
Fionn Huber (fionn)
- 02.01.2006, 14:24 Uhr
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