http://www.faz.net/-gqe-8y8bm

Diesel : Jeder neue Abgasskandal führt auch zu Bosch

Ein Bosch-Mitarbeiter an einer Common-Rail-Pumpe. Bild: EPA

Im Abgasskandal richtet sich der Blick langsam auf Bosch. Bisher gibt es keine namentlich Beschuldigten. Aber die Staatsanwälte sind mit ihren Ermittlungen noch nicht fertig.

          Allein die Zahl der Ermittler deutet schon auf einen großen Fall hin: 230 Polizisten und 23 Staatsanwälte waren am Dienstag unterwegs, um in Sachen Abgasmanipulation im Hause Daimler zu ermitteln. Abgeschlossen ist die Großrazzia noch immer nicht. Ein Teil der Ermittler sei noch immer tätig, bestätigte die Staatsanwaltschaft gegenüber dieser Zeitung am Freitagnachmittag. Gesichert werden „beweiserhebliche Unterlagen und Datenträger“ – und das offenbar in einer Fülle, die Landeskriminalamt (zum Sichten) und später Staatsanwaltschaft (zum Auswerten) voraussichtlich einige Wochen, wenn nicht Monate beschäftigen werden. Die Ermittlungsgruppe „Diesel“ unter der Leitung von Sibylle Gottschalch besteht nur aus vier Personen – und sie ist nicht nur mit dem Fall Daimler beschäftigt, sondern auch mit Bosch.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Gegen den Zulieferer wird schon seit dem vorigen Jahr ermittelt wegen des Abgasbetrugs bei Volkswagen, zu dem Mitarbeiter von Bosch beigetragen haben könnten. Und jetzt, nachdem im März gegen Daimler Ermittlungen ebenfalls wegen Betrugs und wegen strafbarer Werbung eingeleitet wurden, sind wieder Bosch-Mitarbeiter ins Visier der Behörde gelangt. In beiden Fällen geht es um Beihilfe zum Betrug. Kein Kommentar zu laufenden Verfahren, heißt es bei Bosch dazu, und wie immer: Man kooperiere „vollumfänglich“ mit den Behörden.

          Während der Razzia gegen den Stuttgarter Autohersteller gab es aber keine Durchsuchungen bei Bosch, bestätigt die Staatsanwaltschaft. Eine Erklärung dafür gibt es nicht. Es handle sich jeweils um Einzelfallentscheidungen, heißt es nur. Spekuliert wird darüber, dass Bosch sich kooperativer gegenüber den Ermittlern verhält als Daimler, oder dass es weniger Verdachtsmomente gibt und daher auch weniger Beweismittel zu suchen sind. Ein Indiz dafür ist immerhin, dass es unter den Bosch-Mitarbeitern keine namentlich genannten Angeschuldigten gibt. Verglichen damit scheinen die Ermittlungen im Hause Daimler sehr viel konkreter zu sein.

          1,1 Milliarden Euro für Strafen und Schadenersatz zurückgelegt

          Die Aufarbeitung des Dieselskandals bindet bei Bosch erhebliche Kapazitäten und wird auch viel Geld kosten. Schon im Herbst 2015, nachdem der Abgasskandal von VW bekannt wurde, hatte Bosch eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die für Aufklärung sorgen soll, sowohl intern als auch gegenüber den Behörden. Abgesehen von den Ermittlungen der deutschen Justiz ist Bosch bisher vor allem mit Vorwürfen aus Amerika konfrontiert. Für zivilrechtliche Ansprüche im Kontext mit VW, Audi und Porsche hat der Stuttgarter Zulieferer schon gut 300 Millionen Euro in einem Vergleichsverfahren gezahlt, ohne Anerkennung einer Schuld, wie stets betont wurde.

          Sammelklagen stehen zudem im Raum von Käufern und Händlern weiterer Automarken in Amerika, darunter Mercedes, Peugeot und neuerdings wird auch General Motors beschuldigt, eine Abschalteinrichtung für die Dieselnachbehandlung verwendet zu haben. In weiteren Ländern sind Verfahren anhängig und Klagen erhoben oder angekündigt. Insgesamt hat Bosch Vorsorge über 1,1 Milliarden Euro getroffen, wobei ein nicht genannter Teil der Summe auch auf Kartellverfahren entfällt, die mit dem Dieselskandal nichts zu tun haben.

          Wirtschaftlich bedeutender dürfte der Glaubwürdigkeitsverlust sein, der mit den verschiedenen Abgas-Skandalen einher geht. Bosch ist der größte Anbieter von Dieseltechnologie und entsprechend abhängig: 50.000 Bosch-Mitarbeiter sind mit dem Diesel befasst, allein in Deutschland sind es 15.000 Menschen. Erschwert wird die Lage noch durch die drohenden Fahrverbote für Dieselautos in Städten mit hoher Schadstoffbelastung. Auf solche Hiobsbotschaften reagiert man bei Bosch sensibel. So hat etwa der Bosch-Aufsichtsratsvorsitzende Franz Fehrenbach seine guten Beziehungen sowohl zu Bundeskanzlerin Angela Merkel wie auch zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann genutzt, um die Fahrverbote als „umweltpolitisch verheerend“ und „wirtschaftspolitisch verheerend“ zu geißeln.

          „Der Verlust des Diesels hätte erhebliche Auswirkungen bei Bosch“, fasste Bosch-Chef Volkmar Denner das Krisenpotential in einem Satz zusammen:. Noch sind die Werke ausgelastet, vor allem weil derzeit viele Aufträge aus der chinesischen Nutzfahrzeugbranche vorliegen. Aber in wichtigen Auto-Märkten sinkt der Diesel-Anteil unter den Neuzulassungen von Monat zu Monat.

          Weitere Themen

          Razzia auch bei Opel Video-Seite öffnen

          Dieselskandal : Razzia auch bei Opel

          Nach Volkswagen, Audi, Daimler und BMW ist beim Dieselskandal jetzt auch Opel ins Visier der Justiz geraten. Es geht um verschiedene Euro-6-Modelle von Opel.

          Topmeldungen

          Grüne Koalitionsgedanken : Gute Zahlen und dennoch enttäuscht

          Die Grünen sahen sich schon in einer Koalition mit der CSU, im Wahlergebnis erkennen sie einen „Gestaltungsauftrag“ in Bayern – umso enttäuschter sind sie, dass die CSU lieber mit anderen koalieren will.

          Absturz der SPD : Auf den eigenen Bauch

          Die Sozialdemokratie führt Selbstgespräche. Darum ist sie für die meisten Wählerinnen und Wähler uninteressant. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.