29.12.2010 · Ein beginnender Aufschwung fordert meist seinen Tribut in Form vieler Insolvenzen. Das war 2010 ganz anders: Die Insolvenzwelle ebbte schneller ab als erwartet; die Zahl der Insolvenzen sank um 2,5 Prozent. Dennoch wurden 32.000 Unternehmen von diesem Schicksal getroffen.
Von Georg GiersbergSeit 60 Jahren machen sie Marktforschung. Ihr eigenes Schicksal konnten sie nicht vorhersagen, die Marktforscher der Marplan Forschungsgesellschaft mbH in Offenbach. Ende September wurde das Insolvenzverfahren wegen Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung eröffnet – wie bei weiteren 32 099 Unternehmen in diesem Jahr.
Aber dass kein Geld mehr da ist, wenn er gerufen wird, das kennt der Frankfurter Insolvenzverwalter Ottmar Hermann. So war es nicht nur bei Marplan. So war es ein Jahr zuvor auch bei dem Autohersteller und Automobilzulieferer Karmann in Osnabrück gewesen. Dort war es sogar noch schlimmer. Als Hermann aus seinem Portugalurlaub direkt nach Osnabrück kam, fand er ein insolventes Unternehmen vor, das viele Schulden und Mitarbeiter hatte, aber kein Vermögen und kein Bargeld. Das Vermögen, also alle Grundstücke und Maschinen, gehörte einer Besitzgesellschaft. Insolvent war die Betriebsgesellschaft. Aber Karmann nahm dennoch ein gutes Ende. Erst vor wenigen Wochen hat der finnische Auftragsfertiger Valmet Automotive die Dachsparte der insolventen Karmann-Gruppe übernommen. Das Dachgeschäft in Nordamerika war im Sommer an den Wettbewerber Webasto verkauft worden. Ein größerer Teil der Karmann-Beschäftigten hat durch das Engagement von Volkswagen eine neue Zukunft bekommen. Die Wolfsburger haben unter anderem schon die Anlagen für den Fahrzeugbau übernommen. Im kommenden Frühjahr werden sie in Osnabrück mit dem Bau des Golf Cabrio beginnen. Volkswagen will dort bis Ende 2011 mehr als 1800 Arbeitsplätze schaffen, sagte kürzlich der VW-Vorstandschef Martin Winterkorn.
Es wäre dann ein gutes Ende einer Insolvenz. Dazu trägt auch die wieder anziehende Konjunktur bei. Sie hat in diesem Jahr die Zahl der Unternehmensinsolvenzen – im Gegensatz zu den Erwartungen und im Gegensatz zu Erfahrungen aus früheren Konjunkturverläufen – sinken lassen. Dass in diesem Jahr die Zahl der Unternehmensinsolvenzen um 2,5 Prozent zurückgegangen ist, liegt für Helmut Rödl, Mitglied des Gesamtvorstandes des Verbandes der Vereine Creditreform in Neuss, vor allem im V-förmigen Verlauf der Wirtschaftskrise begründet. Die Krise hatte keine lange Bodenbildung mit der entsprechenden Auszehrung der Finanzkraft. Kurzarbeit und andere Bereitstellungskosten mussten nur wenige Monate finanziert werden. Zudem haben in dieser Krise die Unternehmen stärker als sonst alle Liquiditätsreserven mobilisiert. Viele konnten sogar im Krisenjahr 2009 Schulden abtragen und ihre Eigenkapitalquote erhöhen. Denn zu geringes Eigenkapital ist nach wie vor der Hauptgrund für eine Insolvenz. 60 Prozent der Unternehmen hätten schon ein Jahr vor der Insolvenz kein Eigenkapital mehr gehabt, sagt Rödl.
Anders als in früheren Jahren – 2009 wurde die Insolvenzstatistik von Arcandor angeführt, 2008 von dem Briefzusteller Pin Group und 2007 von dem Handyhersteller BenQ – gab es in diesem Jahr kaum spektakuläre Großpleiten. Die größten Insolvenzfälle werden angeführt von dem Automobilzulieferer Honsel mit 3000 Beschäftigten. Die Branche der Autozulieferer hat es noch einmal besonders stark getroffen. Von den zehn größten Insolvenzen des Jahres 2010 waren fünfmal Autozulieferer betroffen, darunter Saargummi Deutschland, Pampus Automotive, die Reum-Gruppe, AKsys, Wiederholt und Angell-Demmel Europe. Honsel aus dem sauerländischen Meschede entspricht lehrbuchhaft den Unternehmen, die noch durch die Krise kommen, denen dann aber das Geld fehlt, um den Aufschwung zu finanzieren. Auch der Lindauer Zulieferer Angell-Demmel musste im September zum Amtsgericht gehen, „weil der plötzliche Auftragsboom das Unternehmen überforderte“, wie Creditreform schreibt. Bei Saargummi, einem Dichtungshersteller, hatte man eine Restrukturierung zwar versucht. Da die Kunden, die Autohersteller, aber zu keinen Zugeständnissen bereit waren, drohte die Zahlungsunfähigkeit. Hier werden wohl jetzt die Eigentümer und die Banken Flexibilität zeigen müssen, wenn das Unternehmen fortgeführt werden soll. Bei dem Autositzhersteller Pampus spielte der Wegfall des Kunden Saab eine große Rolle. Für alle gilt die Schwierigkeit, genügend liquide Mittel für den Aufschwung zu haben. Für einige kommt hinzu, dass alle anderen Partner von Banken bis zu Mitarbeitern die Gelegenheit nutzten, um einen unbeliebten Private-Equity-Eigentümer loszuwerden, indem man sich kompromisslos zeigt.
„Die Banken dagegen haben viele Unternehmen vor der Insolvenz bewahrt“, sagt der Sanierungsexperte Alfred Hagebusch von der überregionalen Kanzlei Wellensiek. Allerdings nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Eigeninteresse. Hagebusch stellt ein Muster fest, das im Fall Opel einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde. Man lagert die überlebensfähigen Teile in eine Treuhandgesellschaft aus. Da die Banken in diesem Fall direkten Zugriff auf die Geschäftsanteile erhalten, sind sie eher bereit, Geld zu geben. Im Erfolgsfall gibt man das sanierte Unternehmen gegen Rückzahlung der Kredite wieder den Alteigentümern zurück – wie bei Opel.
Für Hagebusch ist der für 2010 erwartete Tsunami an Insolvenzen vor allem deshalb ausgeblieben, „weil die Gläubigerbanken gesehen haben, dass ihre Sicherheiten in der Insolvenz weniger bis nichts mehr wert sind“. Und wenn dennoch eine Insolvenz nötig ist – weil man im Insolvenzfall beispielsweise nachteilige Verträge kündigen oder auch seine Bilanz auf der Passivseite bereinigen kann (Pensionsrückstellungen) – dann sollte man auch diesen Fall vorbereiten. Hagebusch erwähnt die in diesem Jahr erfolgreich abgeschlossene Insolvenz der Warenhauskette Woolworth. Die konnte seiner Ansicht nach deshalb so positiv abgeschlossen werden, weil das Management im Vorfeld dafür gesorgt hat, dass es mit genügend Liquidität in die Insolvenz geht. Diese Liquidität hat es ihr ermöglicht, aus der Insolvenz heraus die Kette zu sanieren, überlebensfähig und für einen Übernehmer attraktiv zu machen. „Die Cashfrage ist die Überlebensfrage“, stellt Hagebusch fest. Eine gute Liquiditätsplanung sei das A und O. „Wenn man in den kommenden drei bis sechs Monaten Finanzierungsschwierigkeiten auf sich zukommen sieht oder wenn die Kosten nicht parallel zu den Umsätzen sinken, sollte man in die Umstrukturierung gehen. Vor allem sollte man sofort offen mit seinen Gläubigern sprechen. „Eine solche Offenheit sind aber viele Banken nicht gewohnt, weil die meisten Schuldner erst kommen, wenn es zu spät ist und sie nicht mehr zahlen können.“ Aber vor allem deutsche Banken hätten ja meist ein Interesse am Erhalt ihrer Forderung und zeigten sich kompromissbereit. Schwieriger sei es, wenn die Bank ihre Forderungen verkauft hat und sich das Unternehmen plötzlich ganz neuen – oft ausländischen – Gläubigervertretern gegenübersieht. „Man sollte sich seine Gläubiger gut ansehen und gut aussuchen, sonst sitzt man plötzlich Fremden gegenüber“, warnt Hagebusch, der nach vielen Jahren Insolvenzberatung jetzt vor allem in der Sanierungsberatung tätig ist, die einen Insolvenzfall verhindern soll.
Das ist dann schwierig, wenn man auf einem schrumpfenden Markt tätig ist. Je mehr gemailt und je weniger geschrieben wird, umso weniger braucht man Briefumschläge. Die Neuwieder Couvertfabrik, einst eine der renommiertesten Adressen ihrer Branche, hat nach der Insolvenz ihre Produktion eingestellt. Der Kuvertiermaschinenhersteller Böwe Systec dagegen hofft, dass Banken, Versicherungen und werbetreibende Wirtschaft bald wieder so viele Briefe versenden, dass sie auch neue Maschinen brauchen. Mit der Hänsel-Textil ist der letzte Hersteller von Einlagestoffen hierzulande (1908 gegründet, 155 Mitarbeiter) in die Insolvenz gegangen. Auch hier fehlte das Geld, um die Krise durchzustehen.
Durchgestanden hat die Krise das Warenhausunternehmen Karstadt. Ob das 2009 insolvent gewordene Handelsunternehmen mit der Übernahme durch den deutsch-amerikanischen Investor Nicolas Berggruen dauerhaft gerettet ist, steht aber noch lange nicht fest. Und für den Unterwäschehersteller Schiesser geht der Stuttgarter Insolvenzverwalter Volker Grub einen seltenen Weg: Er bringt das Unternehmen aus der Insolvenz an die Börse. Bis zu einem erfolgreichen Börsengang haben die Schuldner einer Stundung ihrer Forderungen zugestimmt.
Keine Überlebenschance hatte die Werbeagentur Springer & Jacoby in Hamburg. Die 1979 von Reinhard Springer gegründete Agentur zählte einst zu den besten und kreativsten Adressen in der deutschen Agenturwelt. Zahlreiche ihrer Arbeiten wurden auf den einschlägigen Werbefestivals, etwa im französischen Cannes oder beim deutschen Art Directors Club (ADC), ausgezeichnet. Viele der heute bekannten Köpfe in der Branche haben ihr Handwerk bei Springer & Jacoby gelernt, etwa die späteren Gründer von Jung von Matt, jener Agentur, die heute als die kreativste in Deutschland gilt. Im Jahr 2006 kam die Wende: Vorzeigekunde Mercedes-Benz kündigte nach 16 Jahren die Zusammenarbeit mit Springer & Jacoby. In diesem Frühjahr stellte die Agentur ihren Geschäftsbetrieb ein.
Unter den Großinsolvenzen des Jahres ragen mit jeweils 1600 betroffenen Mitarbeitern die Pflegeheim-Gruppe Hansa und die Discountkette Mäc Geiz hervor. Mäc Geiz hat inzwischen in der österreichischen MTH-Gruppe einen neuen Eigentümer gefunden. Und auch die Hansa-Beschäftigten können nach neun Monaten Zittern etwas ruhiger in die Zukunft blicken. Die Hamburger Profunda-Vermögensverwaltung hat die Altenheimkette übernommen. Im Gegenzug mussten allerdings die Mitarbeiter auf alle Sonderzahlungen wie Weihnachtsgeld verzichten.
Einen Übernehmer hat auch der insolvente Kaminhersteller Kago aus dem fränkischen Postbauer-Heng (bei Nürnberg) gefunden. Er wurde – in abgemagerter Form – von dem norddeutschen Holzpellet-Hersteller German Pellets übernommen, und damit von jenem Unternehmen, dessen Kooperationsangebot man noch vor vier Jahren glaubte ablehnen zu können.
Die französische Rapido-Gruppe hat die CVC Camping Van Conversion GmbH von Insolvenzverwalter Rainer Eckert erworben. Das Unternehmen mit Sitz im westfälischen Rheda-Wiedenbrück stellt die Westfalia-Reisemobile her. Der Käufer will die mehr als 100 Mitarbeiter übernehmen und den Standort erhalten. Martin Sievers CVC hatte im Januar 2010 nach kräftigen Umsatzverlusten Insolvenz angemeldet. Die 1844 gegründete Traditionsfirma war seit vielen Jahren im Besitz von Finanzinvestoren, zuletzt von Aurelius. Noch vor der Pleite war das Unternehmen von Westfalia Van Conversion in CVC Camping Van Conversion umbenannt worden.
Das Amtsgericht Charlottenburg hat ein Insolvenzverfahren gegen die Dachgesellschaft des Kabelnetzanbieters Primacom eröffnet. Und das war bereits nach wenigen Stunden erfolgreich. Der Insolvenzverwalter Hartwig Albers konnte schon kurz darauf die Anteile an der operativ tätigen Tochtergesellschaft Primacom Management GmbH verkaufen.
Dass man auch in Zukunftsbranchen scheitern kann, hat der Fall Wunderloop gezeigt. Der insolvente deutsche Online-Werbespezialist ist von dem amerikanischen Wettbewerber Audience Science übernommen worden. Audience Science ist Marktführer in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Japan unter den Unternehmen, die Online-Werbung möglichst präzise an ihre Zielgruppen ausliefern wollen. Diese Targeting-Technik gilt als vielversprechende Methode, um die graphische Online-Werbung wettbewerbsfähig gegenüber dem Suchmaschinenmarketing zu machen. In Amerika nutzen bereits 80 Verlage die Dienste von Audience Science. Auf dem europäischen Kontinent hat Audience Science bisher keine Kunden; das soll sich mit der Übernahme von Wunderloop ändern. Allerdings wollen die Amerikaner offenbar auch Teile der Wunderloop-Technik übernehmen und in aller Welt einsetzen.
Das Insolvenzrisiko trifft aber nicht nur Wirtschaftsunternehmen. Der Fußball-Drittligist Rot Weiss Ahlen ist bestrebt, aus der im Oktober eröffneten Insolvenz schnell herauszukommen, weil er sonst nach den Statuten des Deutschen Fußballbundes zwangsabsteigt. Der Traditionsverein Rot-Weiss Essen will über das Insolvenzplanverfahren wieder auf wirtschaftlich gesunde Füße fallen.
Wenn auch die Zahl der Insolvenzen gesunken ist, der Schaden ist noch immer hoch: 240 000 Arbeitsplätze gingen 2010 durch Insolvenzen verloren und 35,4 Milliarden Euro unbezahlter Rechnungen (und Kredite). Wenn der Aufschwung weitergeht, könnte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2011 wieder unter die Marke von 30 000 sinken. Nachfrageverschiebungen, Managerversagen und vor allem zu wenig Eigenkapital und Liquidität werden auch in den kommenden Jahren Unternehmen in Schieflage bringen. Dazu bedarf es keiner Marktforschung. Marplan übrigens ist bis auf vier Mitarbeiter abgewickelt. Der Insolvenzverwalter sucht für die Reste – vor allem Datensätze für die Marktforschung – noch Käufer.
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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