26.01.2012 · Das Remake von Stieg Larssons „Verblendung“ kostet sieben Mal so viel wie das erfolgreiche Original des Films von 2009. Verkehrte Welt? Keineswegs. Denn das Kalkül geht auf. Hollywood setzt auf die Hebelwirkung von Stars.
Von Melanie Amann und Maximilian WeingartnerWie kann das funktionieren? Ein Buch, das jeder kennt, wird für zig Millionen Dollar verfilmt - obwohl es schon eine taufrische, erfolgreiche Filmversion gibt. Seit zwei Wochen läuft „Verblendung“ im Kino, die amerikanische Verfilmung des ersten Buchs der Bestseller-Trilogie von Stieg Larsson. Dabei ist die schwedische Filmversion kaum zwei Jahre jung.
Remakes sind für die amerikanischen Studios der Renner. Die Neufassungen sind selten künstlerisch wertvoller als das Original, sie sind auch fast nie billiger als eine neue Produktion. Doch das Kalkül geht auf.
Trotzdem wird jetzt abermals auf der Leinwand gemordet, geschändet und Motorrad gefahren, von den gleichen tätowierten oder melancholischen Figuren, nach derselben Story mit demselben grauslichen Finale. Regisseur David Fincher hat sogar an denselben Schauplätzen gedreht wie sein Vorgänger Niels Arden Oplev - aber für die siebenfache Summe.
Und nicht nur der Schweden-Thriller wird nachgedreht. Remakes sind für die amerikanischen Studios der Renner. Die Neufassungen sind selten künstlerisch wertvoller als das Original, sie sind auch fast nie billiger als eine neue Produktion. Wozu also das Ganze? Gehen der Traumfabrik Hollywood die Ideen aus?
Weit gefehlt - die Produzenten sind kühle Rechner. In Zeiten riesiger Filmbudgets, in denen schon ein Flop genügt, um ein ganzes Studio ins Wanken zu bringen, ist Sicherheit statt Innovation gefragt. Also langweilt man lieber einen Teil des Publikums, ehe das ganze Publikum eine neue Produktion boykottiert. „Das Geschäft mit neuen Kinofilmen birgt ein hohes Maß an Unsicherheit“, sagt Thorsten Hennig-Thurau, Professor für Marketing an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der sich seit Jahren mit der Filmproduktion befasst. „Wegen dieser Unsicherheit setzen die Studiobosse auf Fortsetzungen, Literaturverfilmungen und eben Remakes“, sagt der Wissenschaftler.
Amerikanische Klassiker hat Hollywood schon immer gern neu verfilmt: 2011 waren es „Conan der Barbar“, „Planet der Affen“ oder „Das Ding aus einer anderen Welt“. Dieses Jahr hat "Der große Gatsby" mit Leonardo di Caprio eine zweite Chance. "Aber amerikanische Studios stürzen sich auch immer mehr auf ausländische Filme, die sie aufwändig neu machen", sagt Nico Hofmann, einer der erfolgreichsten deutschen Produzenten.
Hollywood hat etwa den deutschen Erfolgsfilm „Das Experiment“ amerikanisiert und den schwedischen Vampirfilm „Let the right one in“. Soeben hat sich ein Studio die Rechte an dem französischen Überraschungserfolg "Ziemlich beste Freunde" gesichert. Bald werde man auch Til-Schweiger-Streifen wie "Kokowääh" als Remakes sehen, erwartet Hofmann.
„Auch deutsche TV-Produktionen sind in Hollywood begehrt“, weiß er. „Die Rechte werden für hohe Summen verkauft.“ Hofmann, dessen Ostpreußen-Drama „Die Flucht“ der erfolgreichste TV-Film von 2011 war, hat schon mit Bruce Willis über die Rechte an dem DDR-Fluchtdrama „Der Tunnel“ verhandelt. Der Vorteil europäischer Produktionen für die Studios: Sie können sofort neu gemacht werden, da wenige amerikanische Zuschauer sie kennen.
„Remakes sind beliebt, weil der Erfolg eines Films nach all den Jahren noch immer eine Blackbox ist2, sagt Jason E. Squire, Autor des Standardwerks „The Movie Business Book“. „Es gibt im Filmgeschäft keine Erfolgsgaranten. Nur eine Handvoll Stars sind garantierte Kassenschlager." Die Ausnahme seien Harry-Potter-Filme, die Vampir-Saga Twilight und die Serie zum Herrn der Ringe - alles Literaturverfilmungen. „Die Bücher wirken wie ein Hebel, der den Erfolg eines Films verstärkt“, sagt Jason E. Squire. Der bekannte Name des Buchs schiebt den Film an.
Sicherheit ist den Studios auch deshalb so wichtig, weil viele börsennotiert sind. Ein einziger Flop kann den Kurs in den Keller schicken. Die Rechnung der getriebenen Studio-Bosse ist einfach: Lieber einen Erfolgsfilm fortsetzen als einen neuen machen. Lieber einen Bestseller oder Comic mit großer Fangemeinde verfilmen als das gute Drehbuch eines talentierten Filmstudenten. Lieber das Remake eines europäischen Films, der auf kleinerem Spielfeld bewiesen hat, dass er funktioniert. Die bekannte Story peppen die Studios eben mit größeren Stars und opulenteren Bildern auf.
„Verblendung“ muss den Studiobossen bombensicher erscheinen: Die Buch-Trilogie ist ein weltweiter Bestseller mit Millionen verkauften Exemplaren. In den Vereinigten Staaten hielt sich der erste Band von Stieg Larsson über 139 Wochen oben in den Buch-Charts.
Die schwedischen Filme haben bewiesen, dass die Story Kinobesucher in Europa und Amerika anzieht. Nur 13 Millionen Dollar hat die schwedische Produktion gekostet (die amerikanische 90 Millionen), und doch ließen sich immerhin sieben Millionen Amerikaner mit Popcorn in den Kinosesseln nieder, um den Schocker zu sehen.
Der Erfolg von Buch und Originalfilm signalisierte den Produzenten in den Hollywood Hills: Da geht noch was. Aber nicht auf Schwedisch, und ohne Schweden. Ausländische Filme werden in Amerika nicht synchronisiert, und Untertitel sind auch nicht beliebt. Die Schweden hatten alles gegeben. "Jetzt lasst mal die Profis ran", müssen die Produzenten von "Verblendung" gedacht haben.
„Für die Produktionsfirmen entscheidet der globale Vertriebsgedanke“, sagt Hofmann. „Mit einem Superstar wie Daniel Craig in der Hauptrolle, mit einem der erfolgreichsten Regisseure wie David Fincher und seinem genialen Kamera-Mann und mit einer Story, die sich als Buch millionenfach verkauft hat, ist das Risiko für sie überschaubar.“ Dann seien auch Kenner des Buchs und des ersten Films neugierig auf das Ergebnis.
Ein Sparmodell sind Remakes aber wahrhaftig nicht, zumal die Verleihfirma Sony für die weltweite Vermarktung noch mal ein Drittel der Produktionskosten ausgeben dürfte. Hofmann schätzt das Marketing-Budget allein für die Vereinigten Staaten auf 10 Millionen Dollar, für jedes wichtige europäische Land kämen weitere zwei bis drei Millionen hinzu.
Aus künstlerischer Sicht hat Produzent Hofmann gegen die Nachmacherei nichts einzuwenden: „Jedes Remake ist ein neuer Film. Stars wie Daniel Craig erfinden die Figuren neu, und ein Regisseur wie David Fincher setzt die Geschichte durchaus radikaler um als die Schweden, mit einer ganz anderen Bildsprache.“ Dennoch: mit Kreativität hat die Strategie wenig zu tun. „Hollywood sucht verzweifelt nach Marken“, sagt der Marketing-Experte Hennig-Thurau. „Amerikas Markenwelt ist ausgeplündert."
Die Industrie befindet sich in einem Teufelskreis, in den sie sich selbst begeben hat: Die Budgets der Studios haben sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht. Anders als früher werden die vielen Millionen nicht auf viele Filme verteilt, in der Hoffnung, dass einer zum Kassenschlager wird. Sondern die Studios investieren lieber riesige Summen in wenige Filme. „Die müssen erfolgreich sein, dafür kosten Blockbuster zu viel Geld“, sagt Hennig-Thurau. Im Schnitt kosten Hollywood-Streifen 100 Millionen Dollar und sind für den Massenmarkt produziert.
Ein neuer Film muss unbedingt am „Opening Weekend„ erfolgreich sein, denn Statistiken zeigen, dass der Andrang schon in der Woche nach dem Start nachlässt. „Wenn ein Film nur vor sich hin dümpelt, wird das Marketing-Budget sofort radikal gekürzt", erklärt Filmexperte Jason E. Squire, der auch an der University of Southern California lehrt. „Verblendung“ schlage sich gut: In Amerika hat der Film seit Anfang Dezember fast 80 Millionen Dollar eingespielt. Mit dem Rest der Welt zusammen kam er auf 108 Millionen Dollar - und in Deutschland ging es gerade erst los. Die reinen Produktionskosten, ohne Marketing, wurden also längst eingefahren.
Der Erfolg eines Films wird ohnehin nicht nur an der Kino-Kasse entschieden: „Für „Verblendung“ gibt es zigfache Kanäle für die Weiterverwertung", sagt Nico Hofmann: „DVD-Rechte, Pay-TV-Übertragungsrechte, Fernsehrechte.“ Der große Gewinner des Remakes sei der Verlag von Stieg Larsson, der ohne wirtschaftliches Risiko die Lizenzgebühren kassiert.
Der Remake-Wahn kann aber auch in Sackgassen führen: Obwohl die zehn erfolgreichsten Remakes gigantische Erfolge waren und jeweils Hunderte Millionen Dollar einspielten, gibt es auch eine beachtliche Liste von Remake-Flops. Wissenschaftler Hennig-Thurau hat seit 1998 über 2000 Filme ausgewertet, darunter 60 Remakes, und festgestellt, dass diese an den Kinokassen insgesamt nicht mehr einspielten als taufrische Filme. Sie sind solide, aber keine sicheren Blockbuster.
Warum? Mal sind die Originalfilme zu alt. Der Vorteil einer erfolgreichen Marke erlischt, wenn sich kein Zuschauer mehr an den Zauber der Erstfassung erinnert. Umgekehrt darf das Original nicht allzu jung sein, dann langweilt sich die Menge. Das Zeitfenster erfolgreicher Remakes ist also klein. Und es kann sich auch lohnen, einen in jeder Hinsicht völlig neuen Film zu wagen: Der erfolgreichste Film aller Zeiten, der weltweit fast drei Milliarden Dollar einspielte, ist ein Original: Avatar.
Melanie Amann Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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