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Süße Alternative : Alles, nur kein Zucker

Die Masse macht’s: Ein Zuckerwürfel hat 12 Kalorien. Bild: dpa

Die Lebensmittelindustrie sucht fieberhaft nach einem Ersatz für die kalorienreiche Zutat. Ein deutsches Biotechunternehmen spielt dabei eine entscheidende Rolle.

          Der Schatz verbirgt sich in den Laboren im Untergeschoss, verborgen in mehr als fünfzig mannshohen Kühlschränken, gelagert unter extremen Minusgraden: natürliche Süßstoffe, die bald den Zucker in Limonaden, Frühstücksflocken und anderen Lebensmitteln ersetzen sollen. Die Ersatzstoffe stammen aus dem mehr als 100.000 Stoffe umfassenden Bioarchiv des Unternehmens Brain, 1993 gegründet im hessischen Zwingenberg an der Bergstraße.

          Ilka Kopplin

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Einen „Werkzeugkasten der Natur„ nennt Jürgen Eck diese Sammlung Abertausender Mikroorganismen, Bakterien und Enzymen gern. Eck ist Mitbegründer und Vorstandsvorsitzender des 240 Mitarbeiter zählenden Unternehmens, das seit dem vergangenen Jahr im Tec-Dax gelistet ist. „Wir haben mittlerweile eine Sweetbox mit mehr als 60 Stoffen im Bereich Süße“, sagt er. Der Vorteil dieser Süßstoffe ist, dass sie schmecken wie Zucker, aber nicht seine ungewollten Nebenwirkungen haben. Damit haben die Ersatzstoffe im Vergleich zu anderen Süßstoffen einen entscheidenden Vorteil.

          Alternative mit Stevia

          Schließlich gibt es schon einige natürliche wie auch chemisch hergestellte Süßstoffe. Der bekannteste ist wohl Stevia, der aus den Blättern der südamerikanischen Pflanze Stevia rebaudiana gewonnen wird. Er ist seit dem Jahr 2011 hierzulande zugelassen. Stevia sei 200 bis 300 Mal süßer als Haushaltszucker, hitzestabil und vor allem kalorienfrei, heißt es auf einer Informationsseite des Bundeszentrums für Ernährung. Allerdings hat Stevia einen leicht bitteren, lakritzähnlichen Nachgeschmack. Auch die anderen Ersatzstoffe, egal ob Kokosblüten- oder Borkenzucker, Erythrit oder Rote-Banane-Pulver oder gar Honig - sie alle haben ihre Vor-, aber auch Nachteile, sei es der Beigeschmack, die geringere Süßkraft, welche eine höhere Dosierung erfordert, oder ein immer noch recht hoher Kaloriengehalt. Einige der Stoffe sind zudem sehr teuer.

          Welche Bedeutung ein Ersatz für den kalorienreichen Haushaltszucker hat, zeigt eine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kooperation mit dem Londoner Imperial College: Demnach ist die Fettleibigkeitsrate von Kindern und Jugendlichen von einem Prozent im Jahr 1975 auf knapp sechs Prozent im Jahr 2016 gestiegen. Erst ein Blick auf die absoluten Zahlen zeigt dabei das ganze Ausmaß: Damals waren es elf Millionen Mädchen und Jungen, die als fettleibig eingestuft wurden. Im vergangenen Jahr gehörten insgesamt 124 Millionen Kinder und Jugendliche in diese Kategorie. Die Zahl hat sich also innerhalb von gut vierzig Jahren mehr als verzehnfacht. Hinzu kamen im vergangenen Jahr weitere 213 Millionen übergewichtige Kinder und Heranwachsende.

          Mehr Über- als Untergewicht

          Wenn sich nichts ändert, so sagen die Studienautoren, dann übersteigt im Jahr 2022 die Rate der fettleibigen die der untergewichtigen Kinder und Jugendlichen. „Diese alarmierenden Trends reflektieren den Einfluss von Marketing und Regularien in der Lebensmittelindustrie – gesundes und nahrhaftes Essen ist zu teuer für arme Familien und Gemeinden. Dieser Trend zeigt eine Generation von Kindern und Jugendlichen, die fettleibig und damit mit einem größeren Risiko aufwachsen, an Krankheiten wie Diabetes zu leiden“, mahnt der führende Studienautor Majid Ezzati von der Imperial School of Public Health.

          Ezzati bringt damit die Herausforderung auf den Punkt: Denn spätestens im Erwachsenenalter drohen viele dieser Kinder an Diabetes oder auch an Herz-Kreislauf-Beschwerden zu erkranken. Auch andere chronische Leiden mit Blick auf Knochen und Gelenke kommen oft vor, weil diese durch zu viel Gewicht überbelastet sind. Zudem sind Karies und schlechte Zähne eine Folge. Von psychischen Krankheiten ganz abgesehen, die häufig schon durch Hänseleien im Kindesalter vorkommen.

          Was viele Menschen gerne verdrängen: Allein eine handelsübliche 0,33-Liter-Dose Cola enthält rund 35 Gramm Zucker und 140 Kalorien. Mit allen Mahlzeiten und Getränken soll ein durchschnittlicher Erwachsener am Tag aber nur rund 2000 Kalorien zu sich nehmen. Nicht nur die Weltgesundheitsorganisation, auch Regierungen rund um den Globus sind deshalb alarmiert und wollen gegensteuern. Mexiko hat deshalb schon vor einigen Jahren eine sogenannte Zuckersteuer eingeführt, die vor allem auf Limonaden wie Coca-Cola oder Pepsi anfällt. Großbritannien zieht wohl im nächsten Jahr nach. Auch in Deutschland hat die Politik das Thema auf der Agenda. Schließlich sind auch hierzulande nach einer Erhebung des Robert Koch-Instituts rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, mehr als ein Drittel von ihnen sogar fettleibig.

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