rit. HAMBURG, 15. Oktober. Das Schiff soll 120 Meter hohe Windräder fernab der Küste in bis zu 50 Meter Wassertiefe installieren. Es soll 8000 Tonnen laden können und einen 1500-Tonnen-Kran an Bord haben. Und es sollte den deutschen Schiffbauern Auftrieb geben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das beschriebene Spezialschiff wird von der polnischen Crist-Werft gebaut. Das hat der Auftraggeber, ein Gemeinschaftsunternehmen der Bremer Schwergutreederei Beluga Shipping und des Essener Baukonzerns Hochtief, jetzt entschieden.
Die Hamburger Sietas-Werft, die Kieler HDW, die Wismarer Nordic Yards und einige andere deutsche Werften hatten sich ebenfalls um diesen Auftrag beworben. Sie alle suchen ihr Heil im Spezialschiffbau, weil der Bau von Containerschiffen hierzulande keine Zukunft mehr hat. Umso schwerer wiegt der Auftragsverlust an die Polen, zumal Beluga und Hochtief wohl noch drei weitere Errichterschiffe dieser Art bestellen werden. Jedes einzelne dürfte zwischen 180 und 200 Millionen Euro kosten.
Die Verhandlungen über die Auftragsvergabe zum Bau eines zweiten Schiffs laufen bereits. Auch da werden deutsche Werften am Ende sicherlich nicht zum Zuge kommen, wahrscheinlich werden auch die Polen leer ausgehen: „Es besteht die Gefahr, dass das zweite Schiff in China gebaut wird“, sagte Beluga-Chef Niels Stolberg dieser Zeitung. Dem Vernehmen nach hatte die polnische Crist-Werft mit einem niedrigeren Festpreis sowie staatlichen Finanzierungshilfen gelockt. Rüdiger Fuchs, Chef der unterlegenen Sietas-Werft, wollte sich auf Anfrage nicht zu diesem Einzelfall äußern. Allgemein stellte er fest, „dass unsere potentiellen Auftraggeber ihre Umsätze auf Basis des Energie-Einspeise-Gesetzes und einer politisch gewollten Lenkung hin zu erneuerbaren Energien kreieren, was wir als Bürger und Stromkunden in Deutschland bezahlen. Gleichzeitig wurden bisher Aufträge für Offshore-Windkraftinstallationsschiffe ausschließlich ins Ausland vergeben, obwohl wir und andere deutsche Werften uns intensiv um diese Aufträge beworben haben.“
Fuchs ist mit dieser Kritik nicht allein. Auch der maritime Koordinator der Bundesregierung, Hans-Joachim Otto (FDP), ärgert sich darüber, dass die Deutschen Milliardenbeträge zur Förderung der Offshore-Windenergie aufbringen, die deutschen Werften davon aber bisher nicht profitieren. „Im Offshore-Geschäft werden noch viele Aufträge vergeben. Ich bemühe mich sehr darum, dass diese künftig auch bei deutschen Schiffbaubetrieben landen“, sagt Otto. Darüber wolle er demnächst unter anderem mit dem RWE-Chef Jürgen Großmann sprechen. Sein Unternehmen hatte im Dezember 2009 ein 100 Millionen Euro teures Offshore-Spezialschiff bei der koreanischen Werft Daewoo Shipbuilding bestellt.
Beluga will noch in diesem Jahr ein Kabellegerschiff bestellen im geschätzten Wert von 50 Millionen Euro. „Darüber verhandeln wir auch mit deutschen Werften“, sagte Stolberg, der seine Schiffe nach eigenem Bekunden gerne in Deutschland bauen lassen würde. Freilich müsse die deutsche Politik mehr Mut entwickeln, derlei Investitionen zu unterstützen. Otto indes lehnt zusätzliche Subventionen für die Branche ab. Ohne staatliche Unterstützung agieren die Schiffbaubetriebe allerdings auch nicht, wie das Beispiel Meyer Werft zeigt. Das auf Kreuzfahrtschiffe spezialisierte Familienunternehmen aus Papenburg bekommt Zinsgarantien und Exportbürgschaften. Auch deshalb hat Meyer derzeit gute Chancen, von Carnival (Aida) und Norwegian Cruise Line Großaufträge für den Bau von jeweils zwei Kreuzfahrtschiffen unter Dach und Fach zu bringen und damit seine Auslastung über Jahre hinweg abzusichern.
Außerdem bekommt die Meyer Werft Unterstützung von Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP). Nach Informationen dieser Zeitung soll aus dessen Etat ein zinsbegünstigtes Darlehen von 48 Millionen Euro gewährt werden, damit Indonesien bei Meyer eine Passagierfähre zum Preis von rund 100 Millionen Euro bestellen kann. (Kommentar, Seite 20)
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