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Deutsche Unternehmen : 2012 fällt der Weltuntergang wieder aus

Vier von fünf Zündkerzen auf der Welt werden mit Schütte-Maschinen gedreht: Geschäftsführer Carl Martin Welcker, Urenkel des Gründers Bild: Schoepal, Edgar

Mit der Weltwirtschaft geht es abwärts. Das trifft auch Deutschland. Doch so schlimm wie nach Lehman kommt es nicht. Die deutschen Firmen verkaufen munter weiter Maschinen. Gefahr droht nur von der Politik.

          Es ist ein schöner Blick aus Welckers Werkshalle. Rasen, Bäume, und gleich dahinter fließt der Rhein. Unser schöner deutscher Rhein! Es braust ein Ruf wie Donnerhall! Und in der Halle zischen die Maschinen wie der Blitz! Blau und riesig stehen sie herum, bestellt und bald abgeholt, sie fauchen und dampfen und warten darauf, dass der gelbe Haken an der Hallendecke sie hinauf hievt und auf die Reise zu ihrem neuen Besitzer schickt. Einem Automobilzulieferer in Stuttgart, der mit ihnen Zündkerzen dreht, einem Airbag-Fabrikanten in Peking. 20 Tonnen kann der gelbe Haken heben, und weiß Gott, seit gut elf Monaten geht es wieder aufwärts beim WeltwirtschaftWWerkzeugmaschinenbauer Alfred H. Schütte GmbH & Co. KG aus Köln-Poll, 500 Beschäftigte im Stammwerk, geführt von Gesellschafter und Gründer-Urenkel Carl Martin Welcker.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          131 Jahre ist die Firma alt, seit vier Generationen in der Familie und ein Stück deutsche Geschichte. Mit Freund Robert Bosch ging Alfred Schütte anno dazumal im Rheinland auf die Jagd. 1945 war das Schüttewerk in Köln als städtische Entlausungsstation ein Begriff. Vor drei Jahren schlug dann die Bombe Lehman ein. Vier von fünf Zündkerzen auf der Welt werden mit Schütte-Maschinen gedreht, aber in der jüngsten Depression wollte kaum noch ein Autobauer Maschinen für neue Zündkerzen bestellen. Es fehlte an neuen Autos.

          Ein Beispiel für Stärke

          Der Maschinenbauer Schütte ist ein Symbol, ein Beispiel für die Stärke der deutschen Wirtschaft so wie für ihre Anfälligkeit. Was der Rhein wohl draußen vor dem weißlackierten Bogenfenster alles anschwemmt aus dem Süden? Hoffentlich nicht die nächste Krise. Düster klingen derzeit die Abgesänge auf die Weltwirtschaft, von der das Exportland Deutschland abhängig ist. Rund um den Erdball erlahmt im kommenden Jahr das Wachstum, Europa stagniert wie auch Amerika, die Lokomotive China bremst. Bleibt Deutschland da die Insel der Glückseligen?

          Die Sohlen an den Füßen des Fabrikanten Welcker sind dick und von starkem Profil, man kann gut auf ihnen laufen. Der Chef stürmt durch seine Hallen. Welcker reflektiert, er ist kein Erbsenzähler, nach einer Schlosserlehre hat er Volkswirtschaft studiert. Aber vorhin bei der Weihnachtsansprache hat er den Angestellten zugerufen, er wisse auch nicht, was 2012 komme. Er kann nur sagen, die Auftragsbücher laufen über.

          Wer jetzt eine Maschine bei Schütte bestellt, bekommt sie je nach Modell erst im Februar 2013 geliefert. „Wir kommen der Nachfrage kaum hinterher“, sagt Welcker. Ständig muss er runter nach Stuttgart, Kunden treffen. In der Halle drückt Welcker auf den Automaten mit den gelben Ohropax. Plopp, plopp, zwei Schaumstoffstöpsel wandern in den Gehörgang. „Vor einem Jahr hätten Sie die nicht gebraucht“, ruft Welcker, „da wurde hier noch kurzgearbeitet!“ Der Ohropax-Automat ist fast leer. Es brummt wieder in der deutschen Wirtschaft.

          Kein Absturz wie 2008

          Leiser wird es kommendes Jahr wohl auf jeden Fall, aber die Bänder werden nicht anhalten wie 2009. In Umfragen sagen zwei von drei Familienunternehmern, ihr Geschäft werde auch künftig wachsen. Nur acht Prozent wollen Arbeitsplätze streichen. „Verhalten optimistisch“ nennt das der Verband. „Einen Absturz wie 2008 werden wir nicht sehen“, sagt der Chef des Münchener Forschungsinstituts Ifo, Hans-Werner Sinn. Um drei Prozent dürfte die Wirtschaftsleistung 2011 gewachsen sein, das wird sich 2012 kaum wiederholen lassen.

          Der Boom ist erst mal zu Ende, am Donnerstag hat das Finanzministerium eine Konjunkturdelle vorausgesagt: Im Winterhalbjahr gehe es runter. Vor zwei Wochen haben die Forschungsinstitute ihre Prognosen kräftig nach unten korrigiert, weil Europa die Schuldenkrise nicht in den Griff kriegt. Doch im Sommer, glauben Regierung wie Wissenschaft, gehe es wieder aufwärts, für das Gesamtjahr 2012 sagen die meisten Forscher ein Miniwachstum zwischen 0,3 und 1,1 Prozent voraus.

          Weil die Zinsen in Deutschland niedrig sind und die Menschen Inflation fürchten, investieren die Menschen in Betongold, der Bau hat 2011 die Konjunktur nach oben gezogen. Das wird auch künftig nicht anders sein. Wer sich über 20 Jahre 300 000 Euro leiht, um damit ein Haus zu bauen, zahlt effektiv gerade mal 3,6 Prozent Zinsen.

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