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Deutsche Unternehmen 2012 fällt der Weltuntergang wieder aus

26.12.2011 ·  Mit der Weltwirtschaft geht es abwärts. Das trifft auch Deutschland. Doch so schlimm wie nach Lehman kommt es nicht. Die deutschen Firmen verkaufen munter weiter Maschinen. Gefahr droht nur von der Politik.

Von Hendrik Ankenbrand
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© Schoepal, Edgar Vier von fünf Zündkerzen auf der Welt werden mit Schütte-Maschinen gedreht: Geschäftsführer Carl Martin Welcker, Urenkel des Gründers

Es ist ein schöner Blick aus Welckers Werkshalle. Rasen, Bäume, und gleich dahinter fließt der Rhein. Unser schöner deutscher Rhein! Es braust ein Ruf wie Donnerhall! Und in der Halle zischen die Maschinen wie der Blitz! Blau und riesig stehen sie herum, bestellt und bald abgeholt, sie fauchen und dampfen und warten darauf, dass der gelbe Haken an der Hallendecke sie hinauf hievt und auf die Reise zu ihrem neuen Besitzer schickt. Einem Automobilzulieferer in Stuttgart, der mit ihnen Zündkerzen dreht, einem Airbag-Fabrikanten in Peking. 20 Tonnen kann der gelbe Haken heben, und weiß Gott, seit gut elf Monaten geht es wieder aufwärts beim WeltwirtschaftWWerkzeugmaschinenbauer Alfred H. Schütte GmbH & Co. KG aus Köln-Poll, 500 Beschäftigte im Stammwerk, geführt von Gesellschafter und Gründer-Urenkel Carl Martin Welcker.

131 Jahre ist die Firma alt, seit vier Generationen in der Familie und ein Stück deutsche Geschichte. Mit Freund Robert Bosch ging Alfred Schütte anno dazumal im Rheinland auf die Jagd. 1945 war das Schüttewerk in Köln als städtische Entlausungsstation ein Begriff. Vor drei Jahren schlug dann die Bombe Lehman ein. Vier von fünf Zündkerzen auf der Welt werden mit Schütte-Maschinen gedreht, aber in der jüngsten Depression wollte kaum noch ein Autobauer Maschinen für neue Zündkerzen bestellen. Es fehlte an neuen Autos.

Ein Beispiel für Stärke

Der Maschinenbauer Schütte ist ein Symbol, ein Beispiel für die Stärke der deutschen Wirtschaft so wie für ihre Anfälligkeit. Was der Rhein wohl draußen vor dem weißlackierten Bogenfenster alles anschwemmt aus dem Süden? Hoffentlich nicht die nächste Krise. Düster klingen derzeit die Abgesänge auf die Weltwirtschaft, von der das Exportland Deutschland abhängig ist. Rund um den Erdball erlahmt im kommenden Jahr das Wachstum, Europa stagniert wie auch Amerika, die Lokomotive China bremst. Bleibt Deutschland da die Insel der Glückseligen?

Die Sohlen an den Füßen des Fabrikanten Welcker sind dick und von starkem Profil, man kann gut auf ihnen laufen. Der Chef stürmt durch seine Hallen. Welcker reflektiert, er ist kein Erbsenzähler, nach einer Schlosserlehre hat er Volkswirtschaft studiert. Aber vorhin bei der Weihnachtsansprache hat er den Angestellten zugerufen, er wisse auch nicht, was 2012 komme. Er kann nur sagen, die Auftragsbücher laufen über.

Wer jetzt eine Maschine bei Schütte bestellt, bekommt sie je nach Modell erst im Februar 2013 geliefert. „Wir kommen der Nachfrage kaum hinterher“, sagt Welcker. Ständig muss er runter nach Stuttgart, Kunden treffen. In der Halle drückt Welcker auf den Automaten mit den gelben Ohropax. Plopp, plopp, zwei Schaumstoffstöpsel wandern in den Gehörgang. „Vor einem Jahr hätten Sie die nicht gebraucht“, ruft Welcker, „da wurde hier noch kurzgearbeitet!“ Der Ohropax-Automat ist fast leer. Es brummt wieder in der deutschen Wirtschaft.

Kein Absturz wie 2008

Leiser wird es kommendes Jahr wohl auf jeden Fall, aber die Bänder werden nicht anhalten wie 2009. In Umfragen sagen zwei von drei Familienunternehmern, ihr Geschäft werde auch künftig wachsen. Nur acht Prozent wollen Arbeitsplätze streichen. „Verhalten optimistisch“ nennt das der Verband. „Einen Absturz wie 2008 werden wir nicht sehen“, sagt der Chef des Münchener Forschungsinstituts Ifo, Hans-Werner Sinn. Um drei Prozent dürfte die Wirtschaftsleistung 2011 gewachsen sein, das wird sich 2012 kaum wiederholen lassen.

Der Boom ist erst mal zu Ende, am Donnerstag hat das Finanzministerium eine Konjunkturdelle vorausgesagt: Im Winterhalbjahr gehe es runter. Vor zwei Wochen haben die Forschungsinstitute ihre Prognosen kräftig nach unten korrigiert, weil Europa die Schuldenkrise nicht in den Griff kriegt. Doch im Sommer, glauben Regierung wie Wissenschaft, gehe es wieder aufwärts, für das Gesamtjahr 2012 sagen die meisten Forscher ein Miniwachstum zwischen 0,3 und 1,1 Prozent voraus.

Weil die Zinsen in Deutschland niedrig sind und die Menschen Inflation fürchten, investieren die Menschen in Betongold, der Bau hat 2011 die Konjunktur nach oben gezogen. Das wird auch künftig nicht anders sein. Wer sich über 20 Jahre 300 000 Euro leiht, um damit ein Haus zu bauen, zahlt effektiv gerade mal 3,6 Prozent Zinsen.

„2011 war ein gutes Jahr“

Ein anderer Grund, warum Deutschland wohl nicht ins Jammertal stürzt, ist in Köln eine gute halbe Stunde hinter der Haltestelle Schüttewerk zu beobachten, im Gewühl von Deutschlands meistbesuchter Einkaufsmeile, der Schildergasse. Das Modekaufhaus Peek & Cloppenburg mit 14.000 Quadratmeter Fläche sieht aus, als sei ein Wal in Köln gestrandet, in seinem Bauch steht Norbert Sandrock, der Herr des Hauses, und berichtet, dass erstens das Geschäft dieses Jahr bestens laufe und er zweitens das Wort Krise nicht mehr hören könne.

In dem Punkt ist der Krämer einig mit seinen Kunden. Die Neigung, sich Güter anzuschaffen, habe zwar einen leichten Dämpfer erhalten, sei aber immer noch „stark ausgeprägt“, teilt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mit. Auch dafür spielt die Angst vor Inflation eine Rolle: Besser, sein Geld schnell ausgeben, bevor es nichts mehr wert ist. Der Kaufrausch ist aber wohl auch in der überraschenden Erkenntnis begründet, dass die Deutschen gar nicht so miesepetrig sind, wie sie oft tun.

„2011 war ein gutes Jahr. Ich war auf Bali, in Singapur, Rom, Sylt, Puerto Banus, eine Woche Segeln und Barbados. Der neue 911er kam im März. 2012 kann es nur besser werden. Ich freue mich schon auf den neuen Cayenne und die Europameisterschaft.“ Vorsicht, Ironie! So sarkastisch schreiben Leser im Internet, die nicht einfach hinnehmen wollen, dass der doch sicher geglaubte Weltuntergang schon wieder auszufallen droht.

Index steigt trotz Schuldenkrise

Die Mittelschicht fürchtet sich seit je vor dem Abstieg, und mit jeder neuen Euro-Kapriole, jeder Meldung über das Banken-Wanken wächst die Furcht, dass das ganze System bald zusammenkracht. Es gibt auch jene, für die ist der große Knall heimliche Sehnsucht. Der Todeswunsch zur Selbstbestätigung: So kann es nicht weitergehen, das hat man schon immer gewusst.

Doch Konsumzahlen und Umfragen zum Optimismus ergeben ein anderes Bild: Die Ängste sind wohl eher Ausdruck einer generellen Verdrossenheit, sind weniger auf die eigene persönliche Situation gemünzt. Diese schätzen die Deutschen nach wie vor positiv ein, Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes hat kaum jemand. Wieso auch, rechnen die Forscher doch damit, dass die Arbeitslosigkeit 2012 zwar nicht mehr so stark wie zuvor zurückgeht, doch die Zahl der Stellen steigt weiter - und das mitten in der vermeintlichen Krise.

Kurz vor Weihnachten fragte das Ifo-Institut wie jeden Monat nach der Stimmung von 7000 Unternehmern und nach deren Geschäftserwartung für die kommenden sechs Monate. Das Ergebnis war eine faustdicke Überraschung: Der als aussagekräftig geltende Geschäftsklimaindex ist zum zweiten Mal in Folge gestiegen - trotz Schuldenkrise. Es könnte sein, dass die Stimmung der Unternehmer mehr aussagt als die Konjunkturprognosen, die Stagnation vorhersagen. Gerade mal ein mickriger Prozentpunkt liegt dort zwischen den größten Pessimisten und Optimisten. Das klingt nach Einigkeit. Dass Deutschlands Wirtschaft deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit im kommenden Jahr stagniert, ist damit jedoch beileibe nicht gesagt.

Der Untergang verspätet sich

Viel hängt davon ab, ob die Euro-Staaten in den ersten Monaten des neuen Jahres die Schuldenkrise in den Griff bekommen. Schütte-Chef Welcker hat mal gerechnet, was es bedeuten würde, wenn Italien aus dem Euro austräte und sein italienischer Konkurrent die Maschinen vierzig Prozent billiger anböte. Das würde Schütte treffen, doch Welcker hat sich entschieden: Politik und Europäische Zentralbank werden ein Auseinanderbrechen des Euro vermeiden, davon ist er überzeugt. So genau wollen sich die Forscher lieber nicht festlegen. „Wir wissen nicht, was passieren wird“, sagt Ifo-Chef Hans-Werner Sinn.

Und: „Alles ist möglich.“ Das Ifo-Institut hat ein Basisszenario erstellt, nach dem es glimpflich ausgeht für Deutschland, es gibt aber auch Risikoszenarien. Wie wahrscheinlich der Eintritt des Basisszenarios ist, will das Ifo-Institut bei der Vorstellung der Prognose im Münchener Dezember nicht sagen, nur so viel: „Nicht unter 50 Prozent“. Demnach liegt die Chance, dass Deutschlands Wirtschaft nicht ins Bodenlose stürzt, bei immerhin fifty-fifty. „Interessant“, sagt der Fabrikant Welcker und lächelt höflich. Er hat leider keine Zeit mehr zu Plaudern, vorhin war noch ein Kunde da. Der Untergang verspätet sich.

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Jahrgang 1978, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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